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Die Mode der Achtundsechziger : Ein Look wie ein Zähneknirschen

Es war also nicht so egal, was man trug, selbst wenn es so propagiert wurde. Das konsequent Antiautoritäre gingen die Achtundsechziger geradezu autoritär an. „Wenn etwas mit der Kleidung nicht stimmte“, sagt Hurrelmann, „war das genauso schlimm, wie wenn etwas nicht mit der ideologischen Akzentsetzung stimmte.“

Im Netz kursierte dazu im vergangenen Sommer ein netter Bildvergleich zwischen Jeremy Corbyn (Jahrgang 1949) und David Cameron (Jahrgang 1966). Das war in der Zeit, als Cameron, der Sohn des Establishments, sich mit dem von ihm angezettelten Referendum verspekuliert hatte, und Jeremy Corbyn, eindeutig Achtundsechziger, gerade auf einem guten Weg war, also auf dem Weg vom unbeliebten (und am schlechtesten angezogenen) Politiker zur Ikone. Nicht zuletzt zur Stilikone junger Menschen, also all der Corbynistas, die ihn beim Glastonbury Festival in einem Sprechgesang feierten, und all der Eltern, die ihren Neugeborenen den Vornamen Corbyn gaben.

Vielleicht geht es einfach nicht anders

Sein Auftritt erinnert an das Bild von Mode, mit dem die Leute von Vetements und Off-White das System in den letzten Jahren erst ein bisschen aufgemischt haben, bevor sie ganz schnell vom System aufgesaugt wurden. Demna Gvasalia arbeitet ja jetzt für Balenciaga und Virgil Abloh wird sicher der nächste Designer sein, der bei einer LVMH- oder Kering-Marke anfängt. Der Kommentar zu den beiden Bildern der so gegensätzlichen britischen Politiker lautete: „Was Corbyn und Cameron in den Achtzigern so gemacht haben“. Cameron in Frack, Weste und Fliege mit seinesgleichen in Cambridge, Corbyn mit Bart, längeren Haaren und einem Schild vor der Brust, auf dem er gegen die Apartheid votiert. Er wird in der Szene gerade von zwei Polizeibeamten abgeführt.

Vielleicht geht es also nicht anders. Vielleicht kann jemand, der in seinen Zwanzigern und Dreißigern Protest auch mit langen Haaren und Anti-Establishment-Kleidung gelebt hat, nicht auf einmal Anzug tragen, Hemden, die vernünftig sitzen, und Hosen, die weder zu weit sind noch zu eng. Schon gar nicht, wenn er seitdem in dem Glauben lebt, einer Generation anzugehören, die es besser weiß, die in jedem Fall Recht hat. Nur: Breite Gürtel, offene Hemden, Schlaghosen, transparente Blusen oder Miniröcke sind heute keine Option mehr.

Aus dem Look der Achtundsechziger ist ein großer Kompromiss geworden, der das Bild der Mode in Deutschland bis heute prägt. Was die Jugend damals trug, mag rückblickend sogar cool sein. Heute ist es ein Look wie ein Zähneknirschen. Denn so jugendlich, so lustbetont geht es eben nicht mehr. Die Achtundsechziger sind heute ja an die siebzig. Also Konsenskleidung? „Man hat sich dem Mainstream angepasst“, sagt der Achtundsechziger, der bei dem Wort Herrenausstatter Würgereize bekommt und lieber zum Flohmarkt geht. „Wo noch Leben ist.“ Wo er sich an eine Zeit erinnert, als Gefühle eine größere Rolle gespielt haben. „Ein Achtundsechziger von heute ist ganz selten so gekleidet wie Angehörige der Generation davor“, sagt Klaus Hurrelmann. „Die Botschaft, dass sie nicht den vorgegebenen fremdbestimmten Konventionen folgen wollen, ist geblieben.“

Nur haben wir es heute mit einer besonders schlauen Modeindustrie zu tun. Auch deren Ziel sind Kleider für ein selbstbestimmtes Leben, für Freiheit. „Sie verkauft ihren Stil als individuell, ist aber doch von der Industrie gesteuert. Das ist in den Augen der Achtundsechziger unerträglich“, sagt Hurrelmann. Und der Achtundsechziger, der es eben deshalb vorzieht, vor dem Herrenausstatter zu stehen und zu lachen, als sich darin wie selbstverständlich einzukleiden wie Männer seiner Generation, zählt auf: Manschettenknöpfe, Hosen mit Bundfalten, Sakkos, besitzt er natürlich längst alles selbst. Er zieht es auch an, weil es halt nicht anders geht. „Aber ich sage es ganz ehrlich: Ich mache das für die Menschen um mich herum, nicht für mich selbst.“

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