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Herrenmode : „Die Krawatte kann wieder zum Lustobjekt werden“

  • -Aktualisiert am

Krawattenhersteller Sascha Blick sieht die Zukunft der Krawatte realistisch. Bild: Sven Lieck

Die Casualisierung in der Herrenmode ist ein schleichender Prozess. Im Interview spricht Krawattenhersteller Sascha Blick über die Sexyness eines guten Anzugs – und darüber, ob die Krawatte ein Comeback in der Damenabteilung feiern könnte.

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          Herr Blick, das Ende der Krawatte wird gemeldet. Ist es wirklich so dramatisch?

          Nein. Rock ’n’ Roll will never die. Ich sehe es wirklich so: Ein schönes, textiles Teil – nennen wir es Krawatte, Schleife, Tuch, Oblong, whatever – verleiht Individualität, eine persönliche Note. Mir ist nicht entgangen, dass gerade eher T-Shirts für 200 Euro laufen. Und ich bin sicher – ein Stück weit froh –, dass die Krawatte nie wieder für irgendwen eine lästige Pflicht sein wird. Es wird noch ein bisschen dauern, aber jetzt kann sie wieder zum Lustobjekt werden.

          Hat die Corona-Pandemie der Krawatte dennoch einen Todesstoß verpasst?

          Auch Nein. Natürlich leiden wir. Herren, Klassik, kein gigantischer Online-Vertrieb. Und ja: Es gab Momente während des Lockdowns, auch im Mai und Juni, als die Umsätze niedrig blieben, in denen ich dachte: Das war’s.  Aber meine Corona-Depression ist Vergangenheit. Die Kunden rufen wieder an. Viel mehr, als ich gedacht hätte. Die Order Frühjahr/Sommer 2021 ist unter Vorjahresniveau, aber sie hat trotzdem regelrecht Spaß gemacht. Alle kämpfen, keiner hat es leicht. Abgespeckte Sortimente treffen auf viel Freude und Zuversicht. Wir haben uns auch in der Kollektionsaussage nicht einschüchtern lassen. Ich glaube, das war gut.

          Der Abschied der Krawatten aus der Gesellschaft: Ist er nur temporär oder für immer?

          Oscar Wilde verlieh seiner Verachtung des Establishments mit weich gebundenen Schleifen Ausdruck. Freddy Mercury mit einer schwarzen Lederkrawatte. Ich erspare Ihnen all die supercoolen Gangster und Tycoons, überspringe Travolta, Samuel L. Jackson, die Peaky Blinders und schließe mit Karl dem Großen. Gebe aber zu: Die sind alle tot.

          Schuld ist ja eigentlich der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Daimler AG.

          Spätestens seit Dieter Zetsche seinen Schlips offiziell ablegte, um im Kreise all der Start-ups nicht ganz so metallisch daher zu kommen, fühlten sich alle Sparkassendirektoren, Allianzvertreter und Maschinenbauer im wahrsten Sinne endlich entbunden und warfen ihre Schlipse in einem doppelten Windsor auf die Altkleidersammlung. Die Bekleidungsvorschriften aller großen Banken und Versicherungen wurden angepasst, und das Drama nahm seinen Lauf. Heute finden Sie in einer Volksbank eher einen 100-Euro-Schein neben der Kasse, als eine Krawatte um den Hals eines Mitarbeiters. Aber keine Stretch-Buxe mit T-Shirt wird jemals die Aura, um nicht zu sagen: Sexyness eines guten Anzugs mit Binder haben. Auch mit einem 400-Euro-Sneaker nicht. Ich bin sehr fest davon überzeugt, dass der Wendepunkt, an dem Mann wieder an seiner Kleidung spüren will, ob er zum Pilates oder in die Stadt geht, sehr bald erreicht sein wird.

          War der Abschied von der Krawatte ein schleichender Prozess? Oder gab es einen Auslöser jenseits von Dieter Zetsche?

          Die absoluten Stückzahlen sind rückgängig, seitdem ich denken kann. Wir gehören nicht zu den ganz alten, traditionellen Herstellern, sondern haben uns unseren kleinen Platz später in diesem Markt erobert. Alles ist prima, unser Handwerk ist wunderschön, und wir sind in einer tollen Nische. Wir planen nicht, uns zu verabschieden.

          Könnte die Krawatte auch einfach nur den Kleiderschrank wechseln und in der Damenabteilung ihr Comeback feiern?

          Interessanter Punkt in vielerlei Hinsicht. Sie haben die Schauen und Bilder ja gesehen: maskulin, feminin, das Spiel mit den Übergängen. Marlene Dietrich, David Bowie, Annie Lennox. Ich würde behaupten: Der Halsschmuck war prägend. Wir haben dadurch inspiriert eine kleine Kollektion gemacht, aber ein wenig fehlt uns hier der nötige Druck eines großen Labels. Im Moment sind das noch Marc Jacobs, Fendi, Dior und kein Spezialist aus Krefeld. Aber wir arbeiten daran, und auch das ist spannend.

          Und wer weiß, was in zehn Jahren ist!

          Sollte das Thema im September 2030 lauten: „Eine Totgeglaubte feiert ihr Comeback. Casual ist mausetot. Originale Schlipse mit guter Herkunft aus den achtziger bis nuller Jahren erzielen Preise bis 3000 Euro. Was fasziniert die Jugend so an den Bindern? Das sind die heißesten Hersteller.“ Dann hoffe ich, als Erster angefragt zu werden.

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