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Die Geschichte von Dr. Martens : Des Doktors bequeme Stiefel

Reiches kulturelles Erbe: Bis Dr. Martens in Kindergröße entstanden, musste der Stiefel einige Entwicklungsphasen durchmachen. Bild: dpa

Kaum ein Schuh erlebte so viele Revivals: Dr. Martens sind ehemals Inbegriff britischer Subkulturen und heute im Mainstream angekommen. Erfunden hat sie ein deutscher Arzt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

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          Als Avril Lavigne 2002 ihre ersten Songs veröffentlichte, waren meine Freundinnen und ich fasziniert. Wir waren 13 Jahre alt und kannten das, was sie da machte, bisher nicht wirklich. Also erst mal: eine Frau in einer Band. In diesem Fall eine besonders freche Frau mit sehr schwarzem Kajal und grünen Haarsträhnen und Baggy Pants. Und: mit diesen merkwürdigen Stiefeln, die wir bis dahin nur an dem Oberstufenjungen gesehen hatten, der sie mit schwarzem Ledermantel und sehr langen Haaren kombinierte. Im Video zu „I’m with you“ trägt Avril Lavigne – Dr. Martens.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Der Durchbruch Avril Lavignes ist nur eine Momentaufnahme in der Popgeschichte, es gab davor und danach noch oft den Versuch, eine Punkrock-Subkultur im Mainstream zu imitieren. Aber dass Avril Lavigne Dr. Martens trug, war kein Zufall. Kaum ein Schuh ist so imageprägend wie dieser oder hat so eine lange Tradition. Eine Doc-Martens-Geschichte, so scheint es, kennt fast jeder. Und an ihr erstes Paar erinnern sich Träger noch ewig.

          Stiefel als wertvollster Besitz

          Der heutige Kreativ-Direktor der Marke, Damien Wilson, etwa sagt: „Ich kam Anfang der achtziger Jahre in die Oberschule, und als aufstrebender Punk gelang es mir, meine Eltern zu überreden, mir ein Paar 10-Loch-1490er zu kaufen. Das war mein wertvollster Besitz, und ich kann mich noch gut an den Geruch der Stiefel erinnern, als ich sie aus dem Karton nahm.“

          Ihre Geschichte reicht aber viel weiter zurück. Es war Dr. Klaus Märtens, ein deutscher Arzt, der die Idee hatte, einen robusten Stiefel herzustellen. Nach einem Skiunfall 1945, bei dem er sich eine Fußverletzung zuzog, musste Märtens, zu dieser Zeit in der Wehrmacht, die deutschen Militärstiefel wieder anziehen, die furchtbar unbequem waren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfand er neue Stiefel: Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Herbert Funck recycelte er Gummi der Luftwaffe, die zu diesem Zeitpunkt, 1947, ausgedient hatte. Die Gummisohle machte die Stiefel bequemer als herkömmliche Arbeits- und Sicherheitsschuhe. Die ersten Schuhe der beiden Deutschen bestanden fast gänzlich aus Resten von Armeematerial.

          Von Deutschland nach Großbritannien

          Schon Anfang der fünfziger Jahre konnten die beiden Erfinder eine Fabrik in München eröffnen, bis sie sich 1959 international umzusehen begannen. Noch im selben Jahr kaufte der britische Schuhhersteller R. Griggs das Patent der Deutschen und benannte die Schuhe um in Dr. Martens. 1960, also vor genau sechzig Jahren, kam der erste Schuh in Großbritannien auf den Markt.

          Nun begann der Aufstieg der Dr.-Martens-Schuhe in Großbritannien. Die Stiefel des deutschen Doktors waren nicht nur strapazierfähig, sondern waren, einmal eingetragen, auch viel bequemer als andere Stiefel. Schnell wurden sie zu einem beliebten Arbeitsschuh der working class: Dr.-Martens-Stiefel wurden von Fabrikarbeitern genauso getragen wie von Postboten, von Lagerarbeitern ebenso wie von Polizisten und Soldaten. Ihr größter Pluspunkt: der Komfort. Wer schon mal Dr. Martens an den Füßen hatte, der weiß, dass es eine Zeit dauert, bis das harte Leder eingelaufen ist, die Schuhe nicht mehr steif sind und drücken. Haben sie sich einmal angepasst, sind sie wunderbar bequem und halten ewig. Eine Wachsschicht auf dem Leder macht die Stiefel außerdem wasserfest.

          Requisite der Subkultur

          In den sechziger Jahren dann wurden die Dr.-Martens-Schuhe erstmalig von einer Subkultur aufgegriffen. In Großbritannien gab es die Strömung der Mods, eine Bewegung, die sich, unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Wohlstand, besonders gestylt und modisch gab und vorwiegend Soulmusik hörte. Innerhalb der Mods wiederum entstand eine weitere Subkultur: die ersten Skinheads. Die Skinheads verstanden sich als Gegenbewegung zur allgegenwärtigen Hippie-Kultur. Sie waren Arbeiterklasse, sie rebellierten gegen das Freie-Liebe- und Flowerpower-Gedöns, sie inszenierten sich traditionell maskulin und zeigten den verspielten und friedliebenden Hippies den Mittelfinger.

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