Die Geschichte von Dr. Martens : Des Doktors bequeme Stiefel
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Zu diesem Outfit gehörten Dr.-Martens-Stiefel unweigerlich dazu, ebenso wie die French-Crop-Frisur, ein harter Schnitt mit ausrasiertem Nacken und millimeterkurzen Seiten. Dr.-Martens-Stiefel sollten fortan mit dem Image der Rebellion verknüpft sein. „Allein die Assoziation mit dem Skinhead-Style hat dazu beigetragen”, sagt Bill Osgerby, ein britischer Historiker, der den Einfluss von Subkulturen auf Mode untersucht. Die Anhänger der Skinhead-Szene trugen viele verschiedene Stiefel, sagt Osgerby – aber die Dr. Martens blieben. Und wurden von nun an stets mit den Skinheads und ihrem fragwürdigen Ruf in Verbindung gebracht. „Zu dieser Zeit gab es zwei Farben, schwarz und cherry. Der klassische Skinhead-Stiefel kam in cherry, das ist ein Haselnussbraun, mit acht Löchern.
Schwarz oder cherry?
Wer aber glaubte, dass die Stiefel des deutschen Doktors damit für immer an die Skinheads verloren waren, irrte gewaltig. In den späten siebziger Jahren erfuhren Dr. Martens ihr erstes Revival: Die Punks entdeckten die Schuhe für sich. „Der Punkstil hat sich überall in der Geschichte bedient und den Stil verschiedener Subkulturen kombiniert“, sagt Historiker Osgerby. „Sie haben fünfziger-Jahre-Rock-’n’-Roll-Stücke mit Skinhead-Teilen getragen.“ Und sie trugen eben auch Dr. Martens.
Gleichzeitig erlebten die Skinheads in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern ein Revival, auch sie trugen wieder Dr. Martens. „Aber die Dr. Martens zu dieser Zeit waren extremer. Die Skinheads in den frühen Achtzigern trugen auch Paare mit 14 Löchern.”
Und noch mehr veränderte sich innerhalb der Subkulturen in dieser Zeit, die vielleicht nie wieder so vielfältig waren. Aus manchen Punks wurden Post-Punks. Während die Punks in den späten Siebzigern Bands wie The Clash oder auch The Police groß machten und Ska beliebt war, mochten die Post-Punker besonders experimentierfreudige Musik, eigentlich alles, was nicht klassischer Rock war. Allen voran Joy Division mit Frontmann Ian Curtis, aber auch die Talking Heads um Sänger David Byrne und Produzent Brian Eno. Dr. Martens blieben bei den Post-Punks beliebt – und schafften es nach Amerika.
Ikonisch wie Chucks
Neben „Chucks“, den Converse-Turnschuhen, die ursprünglich Basketballschuhe waren, hat vielleicht kein Schuh so viele Revivals erlebt wie der Dr.-Martens-Stiefel. Als Grunge in den neunziger Jahren groß wurde, sah man Kurt Cobain und Courtney Love in Doc Martens. „Außerhalb von Großbritannien“, sagt Historiker Osgerby, „standen die Dr.-Martens-Schuhe für Authentizität, für eine Art Britishness – und für ein reiches Erbe subkultureller Strömungen.“ Genau das Accessoire, mit dem sich Grunge-Rocker gern schmückten.
Auch in der Indie-Pop-Szene der späten nuller und zehner Jahre waren die Stiefel nach wie vor eine Wahl, mit der Singer-Songwriter wenig falsch machen konnten. „Besonders interessant ist, dass viele Sängerinnen den Stiefel, der ja für ein maskulines Design steht, für sich entdeckt und mit femininen Kleidern kombiniert haben“, sagt Osgerby.
Mit kulturellem Erbe zum Klassiker
Auch in den vergangenen Wintern waren Dr. Martens wieder besonders beliebtes, festes Schuhwerk. In kaum einem Modeblog, auf kaum einem Fashion-Instagram-Account fehlen die Stiefel. Kann etwas überhaupt noch für Authentizität und Rebellion stehen, wenn es ein kapitalistisch höchst erfolgreiches Produkt ist, das im Mainstream angekommen ist? „Es ist ironisch, dass es so beliebt ist, individuell zu sein“, sagt Bill Osgerby. „Gerade weil man mit den Dr. Martens so viele verschiedene Stile verbindet und sie so ein reiches kulturelles Erbe aufweisen, werden sie immer hip sein.“
Das kulturelle Erbe, die Verknüpfung von Dr. Martens mit Punkbands, nutzt die Firma inzwischen geschickt zu Marketing-Zwecken aus. Es gibt ein Sex-Pistols-Modell, und es gibt eine Joy-Division-New-Order-Linie. Kreativ-Direktor Damien Wilson spricht aber noch eine andere junge Zielgruppe an: die Fridays-for-Future-Jugend. „Das Produkt von Dr. Martens ist langlebig“ – und damit nachhaltig. Das zeitlose Design macht die Stiefel tatsächlich unabhängig von Trends – und ist noch immer geeignet, von Strömungen und Subkulturen jeglicher Art adapiert zu werden. Damit sich jeder an seine ersten Dr. Martens zurückerinnert.