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Mode : Eine fixe Idee

  • -Aktualisiert am

Neapel ist nicht nur für die unerschöpfliche Freundlichkeit seiner Bewohner bekannt, sondern auch für das einzigartige Schneiderhandwerk. Bild: Hannes Jung

Aus den Sommerferien auch mit Souvenir-Kram zurückgekommen? Unser Autor Fabian Lange bringt von seiner Italien-Reise weder Gewürze noch Kaffeebohnen mit, sondern einen Anzug. Ein Trip im Namen der Maßschneiderei.

          8 Min.

          In Neapel ist die bedrohliche Pracht des Stadtvulkans allgegenwärtig.1944 hat der Vesuv das letzte Mal aufgemuckt, seitdem verweigert er seinen Fans leider die Ehrfurcht erbietende Rauchfahne. Jedenfalls ist das schlafende Monstrum undenkbar mit dem Leben und Sterben Neapels verbunden, dem Verkehr und der Passion um ihn herum, der Pulcinella und dem SSC Neapel, der Armut und dem Überfluss, der Camorra und der unerschöpflichen Freundlichkeit seiner Bewohner. Und letztlich auch mit dem einzigartigen Schneiderhandwerk dieser Stadt. Es ist das Ziel einer Reise, die den Autor ans Ende seiner idea fissa, einer fixen Idee, bringen soll, von der er seit nunmehr einem Vierteljahrhundert besessen ist – doch dazu später.

          Im Südwesten Neapels liegt der schicke Stadtteil Mergellina mit dem Viale Antonio Gramsci, einer Straße aus stuckverzierten Stadthäusern und imperialen Innenhöfen, benannt nach dem Gründer der kommunistischen Partei Italiens. Dort, in der Nummer 23, gibt ein perfekt angezogener Concierge Auskunft und weist nach rechts zu den weißen Marmorstufen, die zum altertümlichen Aufzug führen. Oben zeigt das polierte Messingschild der „Sartoria Pirozzi“ den Weg: ein Maßschneider-Atelier und das eigentliche Ziel. Mittlerweile schlägt der Puls des Autors eine Oktave höher – schließlich reist man nicht jede Woche nach Neapel, um sich einen Anzug auf den Leib schneidern zu lassen. Erst nach einem zweiten Klingeln sind erlösende Schritte hinter der Tür zu hören.

          Ja, die idea fissa – sie nahm 1994 in Hannover Besitz vom Autor, als er Mitarbeiter eines exzentrischen Architekten war und eines brüllend heißen Sommertages eine große und leichte Paketsendung aus Neapel für den Chef entgegennahm. Kaum darüber informiert, wandelte der Professor die Treppe von seiner Privatwohnung hinab in das darunterliegende Büro – wie stets vor 15 Uhr mit einem weißen Frotteebademantel umhüllt, dabei die Überreste einer Romeo-y-Julieta-Zigarre zwischen den Zähnen tragend. Er riss das Paket auf und fischte mit seinem Staccato-Lachen einen Anzug heraus. Die in Brot und Lohn stehenden Mitarbeiter wurden eilends herbeigerufen, und schon ließ er den Bademantel auf den Parkettboden gleiten, um in die neue Hose zu schlüpfen. Das Jackett wiederum zog der untersetzte Mann einfach über seinen braungebrannten Bauch. So ausgestattet, drehte er sich vor seinen Claqueuren mehrfach um die eigene Achse, wie ein Pfau, der gerade sein schönstes Rad schlug. Er beschwor dabei die Kunst neapolitanischer Schneider, die Feinheit der Nähte und die Eleganz ihrer Anzüge. Zugegeben, er war ein Beau, ein schillernder Lebemann der schlimmsten Sorte („Meine zukünftige Frau muss erst noch geboren werden“, war einer seiner typischen Sätze), und für seine blutjungen Absolventinnen, die er offen zu demütigten pflegte, war die Bürotätigkeit eine Hölle auf Erden. Trotz alledem war es die Geburtsstunde der fixen Idee des Autors: seiner Sehnsucht nach einem neapolitanischen Maßanzug.

          Ihm entgeht nichts

          Die Sartoria Pirozzi wurde 1964 von Nunzio Pirozzi gegründet. Seine Tochter Giovanna serviert zum Empfang einen Kaffee und bittet in den Salon, quasi die Bühne mit einem von Stecknadeln gespickten Perserteppich, auf der sich alle Schritte der Anprobe abspielen. Erster Akt: Auftritt des Maestros Nunzio Pirozzi. Wie mit Röntgenblick umkreist der Mann mit dem perfekt gestutzten Oberlippenbart seinen zukünftigen Kunden. Ihm entgeht dabei nichts: keine schiefe Schulter, keine noch so kleinen, aber für perfekte Maßarbeit unerlässlichen Details. Und natürlich auch nicht der billige Sommeranzug von der Stange, mit dem der Autor bei ihm in der neapolitanischen Hitze angerückt ist.

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