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Panton-Stuhl : Aus einem Guss

Die Ehefrau als Model: Marianne Panton wirbt 1970 für den Panton-Stuhl samt passendem Tisch - und das alles in der Lieblingsfarbe ihres Manns. Bild: LOUIS SCHNAKENBURG UND OTFRIED SCHMIDT

Vor 50 Jahren kam ein Stuhl auf den Markt, der zu den Design-Ikonen des 20. Jahrhunderts gehört. Dabei zog sich die Entwicklung des Panton-Stuhls über 40 Jahre hin.

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          Marianne Panton hat seit kurzem ein „Gespenst“ in ihrer Wohnung. Eines, das sie im Dunkeln ganz schön erschreckt hat, wie sie erzählt. Das „Gespenst“ heißt „Panton Glow“, und es hält, was sein Name verspricht. Was wiederum Marianne Panton zunächst nicht glauben konnte. Denn tagsüber, also bei Tageslicht, ist „Panton Glow“ ein schlichter weißer Panton-Stuhl. Erst nachts beginnt er, blau zu leuchten. Mit übernatürlichen Fähigkeiten hat das nichts zu tun. Die rohe Polyesterharzschale der gerade erst vorgestellten Jubiläumsedition wurde vielmehr vom Hersteller Vitra mit mehreren Schichten Nachleuchtpigmenten versehen und anschließend mit einem hochglänzenden Schutzlack überzogen. Diese Leuchtpigmente, die auch bei Zifferblättern von Uhren verwendet werden, laden sich am Tageslicht auf und geben bei Dunkelheit wieder Licht ab.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Marianne Panton lebt seit vielen Jahren mit Panton-Stühlen - allein acht schwarze stehen um ihren Esstisch herum. Ihren ersten Kontakt zu einem Panton-Stuhl hatte sie 1962, kurz nachdem sie ihren späteren Mann auf Teneriffa kennengelernt hatte. Fortan waren die drei unzertrennlich: die gebürtige Schwedin Marianne Pherson Oertenheim, der Däne Verner Panton und das Modell eines möglichen - genauer: eines unmöglichen - Stuhls, an dem der studierte Architekt Panton schon seit Mitte der fünfziger Jahre tüftelte. Das Modell, das fälschlich oft als Prototyp bezeichnet wird, hatte die dänische Firma Dansk Acryl Teknik aus tiefgezogenem Polysteron hergestellt. Darauf sitzen konnte man nicht, auch wenn der Stuhl groß genug dafür gewesen wäre. Marianne Panton nannte das zerbrechliche Modell, das heute im Vitra Design Museum zu sehen ist, im Spaß „Amöbe“. Verner Pan-ton fuhr damit durch ganz Europa und warb für seine Idee: einen Stuhl aus einem Guss.

          “Mein Mann mochte Beine an den Stühlen nicht“

          Auf diesen Reisen war Marianne Panton seine Chauffeurin. „Wir fuhren mit einem uralten roten Porsche durch Deutschland, nach Italien, nach Frankreich. Ins Auto passten vorne nur wir zwei hinein, hinter uns lag der Stuhl, dazu ein Paar Schuhe von mir und zwei Zahnbürsten. Mehr Platz war nicht.“ Für die junge Schwedin war es eine aufregende Zeit, auch wenn ihr Mann überall zunächst nur auf Unverständnis stieß. Der Designdirektor des amerikanischen Möbelherstellers Herman Miller, George Nelson, brachte es 1963 auf den Punkt: Pantons Modell sei allenfalls eine Skulptur, ein Stuhl werde nie daraus. Er sollte sich täuschen, auch wenn die Entwicklung noch einige Jahre dauerte.

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          “Mein Mann mochte Beine an den Stühlen nicht“, sagt Marianne Panton. „Sie störten ihn. Sein Stuhl sollte direkt in einem Stück aus dem Boden wachsen.“ Verner Panton, der 1926 geboren wurde und in den frühen Fünfzigern im Büro von Arne Jacobsen gearbeitet hatte, schrieb später nieder, was ihn auf die Idee zu seinem revolutionären Entwurf brachte. Es waren die Herstellung eines Sturzhelms aus Glasfaser und eines Putzeimers in Plastik. Der Putzeimer habe ihn besonders beeindruckt, nicht zuletzt wegen des Preises. Denn auch darum ging es ihm.

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