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Berlin Fashion Week : Im Fernsehturm dreht sich die Mode

Überzeugt auf ihre eigene Art: Entwurf der Designerin Marina Hoermanseder auf der Berlin Fashion Week Bild: EPA

Die Berliner Modewoche ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Oder vielleicht doch?

          3 Min.

          Ein Taxifahrer weiß es: „Ist nicht mehr wie früher mit der Modewoche.“ Wieso nicht? Er zuckt mit den Achseln. „Früher war überall Party, die Stadt war voll. Die Leute standen auf den Straßen.“ Jetzt sei nicht viel los. Keine Partys, keine interessanten Menschen. Hui!

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Aylin Güler

          Redakteurin für Social Media.

          So ganz kann das aber nicht stimmen. Die Tigha-Party in der „Wilden Renate“ ist am Dienstagabend so voll, dass schon um 23 Uhr niemand mehr hereingelassen wird. Unter Modeleuten und Türstehern, die mit Anglizismen nicht geizen, heißt das: „Einlass-Break!“ Drinnen quetscht sich jeder, der mal ein Youtube-Video aufgenommen hat, die schmalen Treppen rauf und runter, und wer aus den Technoräumen kommt, ist schweißüberströmt. Draußen stehen zitternd die Leute und versuchen, sich noch ins Warme zu schieben oder wenigstens einen Drink zu ergattern. „Wenn ich drankomme, bestelle ich 16 Wodkas“, sagt ein Typ, der aussieht, als wäre er aus einem Capital-Bra-Video gefallen.

          Doch der Taxifahrer hat auch recht: Die Berliner Modewoche behauptet sich nur mühsam. Wo ist Boss? Wo ist Escada? Wo ist Dorothee Schumacher? Wo ist, ja, Michael Michalsky? Ohne sie erregt die Veranstaltung weniger Aufsehen in der Öffentlichkeit. Deutschland bringt seiner Modebranche seit jeher nicht viel Wertschätzung entgegen. Da ist es schade, wenn manche Marken nicht zur Mercedes-Benz Fashion Week kommen, weil unglücklicherweise auch noch parallel die Männermodenschauen in Paris stattfinden.

          Bilderstrecke

          Für Modemacher wie William Fan lohnt sich Berlin dennoch wieder. Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Nachwuchsdesigner der letzten Jahre, wurde durch Programme des Fashion Council Germany gefördert, verkauft auch wirklich seine Mode – und ist der Designer mit den spektakulärsten Locations der Berliner Modewoche. Dieses Mal ging’s nach oben, auf den Berliner Fernsehturm. Die Besucher drehten sich sacht um die Achse der Kuppel und hatten Ausblick auf das Berliner Panorama und wunderbar feinsinnige Mode.

          Und noch ein Höhepunkt: Jörg Ehrlich und Otto Drögsler von Odeeh zeigten, dass man nicht in Paris sitzen muss, um auf internationalem Level mitzuhalten. In der dunklen Säulenhalle des unverputzten Kraftwerks in Köpenick ließen sie elfengleiche Frauen in wallenden Kleidern durchs Halbdunkel laufen, dazu erklangen Nils Frahm und Hitchcock-Zitate. Dieses Label immerhin ist eine feste Größe. „Die großen Marken fehlen“, sagen aber auch Ehrlich und Drögsler nach der Schau. Bekannte Namen könnten die Schauen in Berlin erfolgreicher machen.

          Ananasrock: Marina Hoermanseder, die mit ihren extravaganten Lederröcken berühmt wurde, setzt bei ihrer Kollektion auf Nachhaltigkeit.

          Nun ist die Fashion Week nach 13 Jahren noch immer eine recht junge Modewoche, da gibt’s noch Hoffnung. Die Besucher in dieser Woche sind vor allem Influencer, die erst einmal sich selbst auf dem Runway ablichten, bevor die eigentliche Mode gezeigt wird. Die Selbstdarstellung, das ewige Sehen-und-gesehen-Werden – all das hat wenig Klasse und lässt die Modewoche billig erscheinen, vergleicht man sie mit Paris oder Mailand.

          Keine langweilige Event-Location

          Dabei hat Berlin das überhaupt nicht nötig. Die Stadt ist bekannt für ihre Kunst-, Kultur- und vor allem Clubszene. Die Stimmung ist eigentlich unbezahlbar für Marken, die sich cool darstellen wollen. Und als Inspiration für die Modeschöpfer sowieso. Da muss schon eine Französin wie Lou de Bètoly kommen, um das zu erkennen. Sie verwendet für ihre Kollektion nur recycelte Stoffe. Zur Schau lud sie in ein abgewracktes Hochhaus. Mit einem klapprigen Fahrstuhl fuhren die Besucher ins 21. Stockwerk. Hoch oben, in einem verlassenen alten Postscheckamt führte die Designerin ihre eigene Branche vor: Bräute in zerrissenen Kleidern, Models jenseits der 50. Wow!

          Immer wieder hat sich die Modewoche neu aufgestellt. Auch das trägt nicht zur Identifikation und zum Renommee bei. Zunächst fand die Berlin Fashion Week im Zelt am Bebelplatz statt, dann am Brandenburger Tor, schließlich im Eisstadion in Wedding, zuletzt im E-Werk an der Mauerstraße. Die neue Location im Kraftwerk ist deutlich größer. Dort kann man die Mode einem breiteren Publikum zugänglich machen. Das ehemalige Heizkraftwerk begeistert vor allem durch den urbanen Industriecharme, die unverputzten Betonwände, die vielen Winkel und dunklen Ecken – und ist keine langweilige Event-Location.

          Marina Hoermanseder überzeugte auf ihre Art. Den Look der österreichischen Designerin lieben auch Prominente aus Hollywood. Auch sie setzte mit ihrer Show ein Zeichen für Nachhaltigkeit: Statt Gürtelröcken aus Leder gab es recycelte Materialien zu sehen. Applaus gab es, als eines der Models ein Schild mit der Aufschrift „My skirt is made out of pineapple“ („Mein Rock besteht aus Ananas“) hielt – es muss also nicht Leder sein. Das Rampenlicht teilte sich Hoermanseder nach dem Finale mit ihren Mitarbeitern – kommt auch gut an.

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