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Alpha Dia

Interview: ALFONS KAISER, Fotos: JULIA VON DER HEIDE

28. März 2021 · Seine Jugend hat er in Hamburg verbracht. In Zeiten der Pandemie ist Alpha Dia zurückgekehrt. Ausnahmsweise zeigt das bekannteste deutsche Männermodel neue Mode nicht in Paris oder New York – sondern in Eidelstedt und St. Pauli.


Alpha Dia, es war sehr kalt beim Shooting für dieses Heft in Hamburg. Wie hält man das durch?
Ja, dauernd Minusgrade. Da braucht man Motivation. Und man muss dauernd in Bewegung bleiben. Da wir auch einen Making-of-Film gedreht haben, passte das.

Haben Sie schon schlimmere Shootings erlebt?

Wenn es commercial wird, also bei Aufnahmen für Werbekampagnen, nimmt man weniger Rücksicht auf die Models. Im Vergleich war dieses Editorial dann doch entspannt.

Jacke, Pullover, Hose von Jil Sander, Schuhe von Dior Men.

Sie waren auf den Spuren Ihrer Kindheit. 

Ja, im Stadtteil Eidelstedt bin ich aufgewachsen. Mein Bruder Oz hat auch mitgemacht.

Ist er auch Model?
Nein, er arbeitet im Supermarkt in Eimsbüttel. Aber es war schon das zweite Shooting, das er mitgemacht hat. Das erste war fürs Magazin des „Figaro“, in Nigeria. Da war sogar Naomi Campbell dabei. Es war schön, dass er jetzt auch mitgemacht hat. Außerdem haben wir noch Akeem Natty getroffen, einen Bekannten, der super-stylish ist, jeden Tag on point.

Wie hieß noch gleich die Straße, wo Sie wohnten?
Kapitelbuschweg! Als ich nach Deutschland kam, hat es mich fast ein Jahr gekostet, den Namen richtig aussprechen zu können.

Video: Markus Ebner und Julia von der Heide

Wieso gehört eigentlich die Reeperbahn zu den Stätten Ihrer Jugend?
Da war ich damals Barkeeper in der „Tiny Lounge“. Eines Tages im Jahr 2015 hat mich dort der Hamburger Fotograf Christian Bendel angesprochen. Mit den Bildern, die er gemacht hat, habe ich mich bei der Agentur Modelwerk beworben – und bin genommen worden.

Dann waren Sie ja mitten im Nachtleben.
Ja. Das vermisse ich auch ein bisschen. Was da los war! Auf der Reeperbahn gibt es immer krass unterschiedliche Besucher, aus ganz Deutschland, und alle wollen feiern. Es ist lustig, das nüchtern zu verfolgen.

Und wie muss man sich eine Kindheit in Eidelstedt vorstellen?
Das ist ein ganz normaler Stadtteil, bunt gemischt. Fußball war wichtig, St. Pauli, aber auch der HSV – eine solche Stadt braucht einen Verein in der Ersten Liga. Zum Volksparkstadion ist es nur eine Viertelstunde zu Fuß. Damals waren das noch die großen Zeiten mit Rafael van der Vaart, Daniel Van Buyten, Atouba... Ich glaube, sie schaffen den Wiederaufstieg.

Pullover, Hose, Schuhe von Louis Vuitton
Pullover, Hose, Schuhe von Louis Vuitton
Ousseynou: Hemd und Tanktop von Ami, Hose von Celine Homme, Schuhe von Giorgio Armani; Alpha: Komplettlook von Prada
Ousseynou: Hemd und Tanktop von Ami, Hose von Celine Homme, Schuhe von Giorgio Armani; Alpha: Komplettlook von Prada

Sie wurden 1992 in Senegal geboren. Wann sind Sie nach Hamburg gekommen?
2003, mit elf Jahren. Ich habe also lange dort gelebt und habe noch eine tiefe Verbindung zu dem Land. Wenn ich mit dem Stift irgendwas kritzele, schreibe ich immer wieder unbewusst „2003".

War das damals ein schwieriger Übergang?
Ich hatte mich sehr auf Deutschland gefreut, auf den Fußball und die großen Stadien. Aber ich habe nicht verstanden, dass man hier nicht zusammen spielt. In Senegal hatten wir einen Ball für 30 Leute, und alle haben zusammen gespielt. Hier hatte jeder einen Ball und hat alleine gespielt. Das fand ich komisch. Mir fehlte das Gemeinschaftsgefühl.

Bomberjacke und Oberteil von Ermenegildo Zegna XXX, Hose von Balenciaga, Sneaker von Celine Homme.


Sie haben das Wirtschafts-Fachabitur gemacht und wollten Flugzeug-Maschinenbau studieren. Bereuen Sie, dass das noch nicht geklappt hat?
Nein, zum Bereuen hatte ich noch gar keine Zeit. Diese sechs Jahre waren eine schnelle Reise. Für mich ist das bis heute kaum fassbar. Ich bin immer an die richtigen Leute geraten und hatte viel Glück.

Wo ist denn inzwischen Ihr Hauptwohnsitz?
Gute Frage. In der Pandemie war es dann doch wieder Hamburg. Aber in den fünf Jahren davor konnte ich mich schon glücklich schätzen, wenn ich eine Woche pro Monat hier war.

Hemd und Hose von GmbH, Cardigan von Dolce & Gabbana.
Hemd und Hose von GmbH, Cardigan von Dolce & Gabbana.
Hemd und Tanktop von Ami, Hose von Celine Homme
Hemd und Tanktop von Ami, Hose von Celine Homme
Komplettlook von Saint Laurent by Anthony Vaccarello
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Also eher New York oder Paris?
Eher New York, weil es dort mehr Aufträge gibt. In Paris und Mailand war ich bei den Männerschauen, an die sich oft Shootings anschließen.

Was war der erste Höhepunkt dieser Reise?
Vermutlich die erste Calvin-Klein-Schau von Raf Simons im Februar 2017. Danach kamen viele Aufträge, zum Beispiel Barneys. Man muss erst über den Laufsteg gehen, für das Image, dann kommen die anderen Jobs fast von alleine.

Pufferjacke von Balenciaga, Jacke und Hose von Giorgio Armani
Pufferjacke von Balenciaga, Jacke und Hose von Giorgio Armani

Ein großes Thema in der Mode ist Diversity. Auch Anna Wintour engagiert nun schwarze Fotografen und nimmt mehr schwarze Frauen aufs Cover.
Sie hat sich sogar live zugeschaltet bei der Fashion Week in Nigeria, bei der ich auch war. Ja, es hat sich viel geändert. Es ist aber seltsam, wenn man merkt, dass die Leute dich nicht buchen, weil sie dich gut finden, sondern weil sie irgendwas repräsentiert sehen wollen. Das finde ich nicht cool, das wird auch nicht meiner Arbeit gerecht. 

Bei Models.com wurden gleich drei Schwarze mit dem Titel Model des Jahres ausgezeichnet. 
Ja, Alton Mason hat gewonnen, dahinter kamen Malick Bodian und ich. Wenn drei Schwarze auf den ersten drei Plätzen sind, dann wirkt das ein bisschen künstlich. Obwohl alle drei es natürlich verdient haben – aber das sehen die Menschen nicht, die uns nicht kennen. 

Hemd von Valentino
Hemd von Valentino
Jacke und T-Shirt von Celine Homme
Jacke und T-Shirt von Celine Homme
Look Dior
Look Dior


Für viele Jungen in Senegal sind Sie schon ein Idol.
Ja, viele Jungs träumen von einer solchen Karriere. Aber ich werde auch krass in Eidelstedt unterstützt. Für meine Hilfsaktion für Senegal haben wirklich viele Jungs aus meiner Gegend gespendet. Das hat mich echt beeindruckt.

Hoodie von Tod’s, Rollkragenpullover von Dior Men, Jeans von Valentino
Hoodie von Tod’s, Rollkragenpullover von Dior Men, Jeans von Valentino

Fotos: Julia von der Heide
Styling und Produktion: Markus Ebner
Model: Alpha Dia (Modelwerk)
Extra: Ousseynou („Oz“) Dia
Stylingassistenten: Evelyn Tye, Franziska Schmid, Hannah Kolpin
Fotografiert in Hamburg am 6. und 7. Februar 2021.

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Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 28.03.2021 16:35 Uhr