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Deutsche Models über Lagerfeld : „Ich kann es mit einer Liebesbeziehung vergleichen“

Karl Lagerfeld 1993 mit (von links) Cindy Crawford, Danish Helena Christensen und Claudia Schiffer Bild: Reuters

Die Ära der Supermodels wäre ohne Karl Lagerfeld kaum denkbar gewesen. Deutsche Models wie Toni Garrn erinnern sich daran, wie der Modeschöpfer ihnen den Weg ebnete – und was sie mit ihm erlebt haben.

          Es war das Jahr 1991, Ellen von Unwerth fotografierte Karl Lagerfeld für eine Geschichte in der amerikanische „Vogue“ auf dessen Landsitz. Titel: „Kaiser Karl“. Es sollte ein Model dabei sein. Nadja Auermann, 19 Jahre alt, war seit gerade zwei Monaten in Paris und bekam den Job. „Vielleicht hatte das etwas damit zu tun, dass ich Deutsche bin, mit einer Berliner Schnauze, dass ich mich etwas getraut habe, aber wir haben sofort einen guten Draht zueinander gefunden“, sagt sie am Mittwoch am Telefon aus den Skiferien in der Tschechischen Republik. Bis heute erinnert sie sich an dieses erste Zusammentreffen auf dem Land. Karl Lagerfeld und Nadja Auermann sollten noch jahrelang zusammen arbeiten und freundschaftlich verbunden bleiben.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Modeschöpfer pflegte unglaublich viele Kontakte, und die meisten hatten mit seiner Arbeit zu tun. Er übte ja gleich mehrere Berufe aus, arbeitete für Chanel, Fendi und seine eigene Marke, unterhielt eine Buchhandlung, gab mit dem Steidl-Verlag Bücher heraus, fotografierte viel und war selbst eine Werbefigur. Zu Gefährten im Laufe dieses langen Lebens zählten – meist jeweils nur für eine gewisse Zeit – die Models wie Christy Turlington, Inès de la Fressange, Claudia Schiffer und eben Nadja Auermann. Die Ära der Supermodels wäre ohne ihn kaum denkbar gewesen. „Es war wie ein Ritterschlag dazuzugehören“, sagt Nadja Auermann.

          Nadja Auermann (links) 1996 mit Karl Lagerfeld: „Wir haben sofort einen guten Draht zueinander gefunden.“ Bilderstrecke

          Weil Karl Lagerfeld bis zuletzt im Geschäft war und auch mit 85 Jahren noch bestens über neue Gesichter Bescheid wusste, erinnern sich auch deutsche Models der jüngsten eine Generation gut an ihn. Julia Stegner verbindet besonders viel mit ihm. Denn die Familie der Vierunddreißigjährigen stammt aus Norddeutschland, ihr Großonkel ist sogar mit ihm in Bad Bramstedt zur Schule gegangen. Als sie am Dienstag in New York, wo sie nun schon seit 14 Jahren lebt, von seinem Tod erfuhr, „da war ich extrem emotional“, sagt sie. „Für mich war er einer, der nie stirbt. Ich bin in Tränen ausgebrochen.“ Ihr kommt das seltsam vor, denn sie hat ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Aber die frühen Eindrücke waren prägend. Bei einem Shooting in Rom habe sie mitbekommen, wie er arbeitet. „Wir waren alle kaputt, es war nachts um drei, aber er wollte weiter fotografieren. Also haben wir gearbeitet, bis die Stylistin sagte, sie habe keine weiteren Kleider mehr.“

          Auch Toni Garrn erinnert sich an solche Nächte. Vor Karl Lagerfelds Kamera wurde sie 16 Jahre alt. Das war vor zehn Jahren, im Jahr 2009, als Altersgrenzen in dieser Branche noch keine so große Rolle spielten und es den Zeitschriften noch egal war. Karl Lagerfeld fotografierte immer abends, das Shooting mit Toni Garrn und der Norwegerin Siri Tollerod war spät angesetzt, es wurde immer später, so spät, dass Toni Garrn, die schon bald als das neue deutsche Supermodel gefeiert werden sollte, also vor seiner Kamera in ihren 16. Geburtstag hineinfeierte. „Später, nach Drehschluss, sind Siri und ich in den Kleidern die Kreidefelsen hochgeklettert, wir sind ständig hängengeblieben. Super peinlich, in den Kleidern waren dann Löcher. Als wir das Karl am nächsten Morgen gestanden, sagte er, das sei egal, sie hätten ja jetzt die Bilder.“ Die heute Sechundzwanzigjährige war beeindruckt von der Arbeit mit ihm: „Karl Lagerfeld war der schnellste Fotograf. Er checkte die Bilder nicht groß am Computer, er schaute ein paarmal drauf, dann war das okay.“

          Der Modeschöpfer ging unkonventionell an die Arbeit. Als er und Julia Stegner gemeinsam die Bilder bei den Foto-Aufnahmen in Rom am Schirm anschauten, habe er zu ihr gesagt: „Komm, Julia, setz Dich auf meinen Schoß!“ Bei jedem anderen Menschen hätte das komisch geklungen, nicht bei ihm, sagt sie. „Er war wirklich väterlich.“ Die Verbindung vertiefte sich noch, weil sie jahrelang in zahlreichen Fendi- und Chanel-Schauen lief.

          „Komm, das machen wir jetzt“

          So war es zuvor auch bei Nadja Auermann gewesen. Die Freundschaft zu ihm beschreibt die Siebenundvierzigjährige so: „Ich kann es gut mit einer Liebesbeziehung vergleichen. Ich habe ihn geliebt und wir hatten eine wunderbare Beziehung. Und auch nach der ,Scheidung‘ verband uns eine Freundschaft.“ Obwohl er der Patenonkel von Nadja Auermanns Tochter Cosima war, habe es zuletzt keinen Kontakt mehr gegeben.

          Mit den Jahren veränderte sich auch das Modelgeschäft, und die Influencer kamen auf. Anne-Sophie Monrad, die bei vielen Chanel-Schauen lief, sagt, bekannte Namen seien für ihn und seine Entourage wichtiger geworden: Gigi Hadid, Cara Delevingne, Kaia Gerber. Nadja Auermann kann das verstehen: „Er war wie ein Schwamm, der alles aufgesaugt hat, und brauchte neue Einflüsse. Auch wenn er treu war, verliebte er sich immer mal wieder in neue Musen. So ist das Geschäft.“ Und selbst Millionen Follower, die viele der jungen Star-Models haben, sind keine Garantie für große Auftritte.

          In dieser Branche der Äußerlichkeiten habe Lagerfeld ihr Selbstbewusstsein gestärkt, sagt Toni Garrn. „Ich war nie eine ganz Magere, ich musste eher aufpassen.“ Als sie 18 Jahre alt war, habe er ihr einen Bikini gereicht: Nur damit – und mit einem Paar Sandalen – sollte sie die Schau im Grand Palais bestreiten. „Das war bestimmt ein Kilometer. Aber Karl Lagerfeld sagte, mit seinem Hamburger Dialekt: ,Komm, das machen wir jetzt.‘ Den schönen Körper müsse man doch zeigen.“ Nadja Auermann meint auch, dass er den Mädchen viel half. „Er hat uns wachsen lassen. Dadurch, dass er etwas Tolles in einem erkannt hat, hat man an sich geglaubt.“


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