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Angelsteg aus alten Rotorbättern von ausgedienten Windkraftanlagen.

Frischer Wind aus alten Flügeln

Von STEFAN LOCKE, Fotos ROBERT GOMMLICH
Angelsteg aus alten Rotorbättern von ausgedienten Windkraftanlagen.

12. Mai 2021 · Ein deutsch-polnisches Start-up nutzt die Rotorblätter ausgedienter Windkraftanlagen – und macht daraus stilvolle Möbel für draußen.

Sie liegen da am Boden wie verlorene Federn, rot-weiße, riesengroße Federn, deren Ausmaß selbst die Spannweiten der Urvögel um ein Vielfaches übertrifft. Doch von federleicht kann keine Rede sein, ganz im Gegenteil. Ein kurzer Hebe-Selbstversuch an der Spitze ergibt: keine Chance, nicht die geringste. Zehn Tonnen bringt jedes der 50 Meter langen Rotorblätter auf die Waage, die sich von unten aus gesehen so spielend leicht im Wind drehen und grünen Strom für Deutschland liefern. Jetzt liegen sie hier wie gefällt am Boden, eines neben dem anderen, einige in der Mitte geteilt, andere schon in kleine Stücke zerschnitten und gestapelt. Windmüll von Windmühlen sozusagen – die wie keine andere Energiequelle den für alle sichtbaren Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung darstellen.

Wie zum Beweis, wie belastbar die Rotorblätter noch immer sind, ist Andrzej Adamcio auf eines von ihnen mit seinem Wagen gefahren. Er lacht, als er aussteigt, balanciert auf dem Flügel entlang, springt herunter. Der Schlamm spritzt auf, aber das macht dem Material nichts aus. „Das ist wie Fluch und Segen zugleich“, sagt Adamcio. Das Material, glasfaserverstärkter Kunststoff, hält extremen Belastungen und praktisch jedem Wetter stand, bleibt aber als einziges übrig, wenn sich ein Windrad ausgedreht hat. Der aus Stahl bestehende Mast, der Generator, der Beton des Fundaments – all das kann man wiederverwenden oder -verwerten. Nur die Rotorblätter bleiben am Ende übrig, weshalb die Recyclingquote von Windrädern bei 80 bis 90 Prozent verharrt. Glasfaserverstärkter Kunststoff gilt in Deutschland als Sondermüll, obwohl er weder giftig noch sonstwie schädlich ist. Er verschwindet nur nicht, wenn man ihn liegenlässt oder einfach im Boden vergräbt.

André Schnabel
André Schnabel
Andrzej Adamcio
Andrzej Adamcio
Menschen und Material: André Schnabel vertreibt mit seinem Unternehmen Wings for Living die Outdoormöbel aus Rotorblättern, deren Fertigung von Andrzej Adamcio entwickelt wurde.


Andrzej Adamcio lässt das keine Ruhe, seit er vor ein paar Jahren angefangen hat, auch Windkraftanlagen in ganz Europa und Nordafrika zu demontieren. Er trägt Wollmütze, Lederjacke, grüne Lederschuhe, bunte Socken und eine große Hornbrille. Eigentlich ist er schon im Rentenalter, die Firma gehört inzwischen seinen Kindern. Aber hier vor ihm liegt das nächste große Ding, da will er mit dabei sein. Adamcio ist eigentlich Ingenieur, er hat an der Hochschule Juri Gagarin in der polnischen Stadt Grünberg (Zielona Góra) studiert, wie er stolz erzählt, und er hat in den neunziger Jahren in Sprottau (Szprotawa) eine Firma für Metallrecycling gegründet. Daran erinnert auf dem Firmengelände nicht mehr viel. Stattdessen steht in der größten Halle nun ein Rotorblatt hochkant auf zwei Rollwagen.

Die Halle, berichtet Adamcio gleich am Eingang, sei im Grunde selbst recycelt. Vor 90 Jahren wurde sie von den Deutschen als Teil eines Militärflugplatzes errichtet, wovon noch zahlreiche Hangars zeugen, die mit Gras und Bäumen bewachsen sind. Bis 1990 turnten sowjetische Soldaten darin, die hier einen Luftwaffenstützpunkt mit Nuklearwaffen unterhielten. Heute ist das Gelände ein Gewerbegebiet, in dem sich viele Firmen angesiedelt haben, die mit Autos handeln oder Betonteile herstellen.

Echte Pionierarbeit

Das Rotorblatt umgibt ein Gerüst, das Adamcio selbst entwickelt hat. Es ist eine Glasfaserkunststoffsäge. Er hat Laufrollen in jeder Ecke montiert, einen Schneidedraht darübergelegt und einen perforierten Wasserschlauch, damit die „Sägespäne“ nicht als Feinstaub herumschwirren, sondern mit dem Wasser in einen unterirdischen Tank abfließen. Es ist im wahren Sinne des Wortes Pionierarbeit, denn so ein Rotorblatt lässt sich nicht mit herkömmlichen Sägen zerteilen, die in dem mit Epoxidharz getränkten Material hoffnungslos stecken bleiben würden. Das Gerät macht einen Höllenlärm, wenn sich der Draht halbfingerdick durch das Rotorblatt frisst, aber es funktioniert: Bis zu vier Minuten dauert ein Schnitt, je nachdem, ob man am dicken oder am dünnen Ende des Rotorblatts anfängt.

Bei der Arbeit: In der Werkhalle in Sprottau werden die Rotorblätter ehemaliger Windkraftanlagen mit eigens entwickeltem Gerät zersägt.


Auf die Seite gelegt hat so ein Rotorblatt die Form einer Flugzeugtragfläche – voluminös und hohlbauchig am Rumpf, filigran an der Spitze. Was aber, wenn es sich schon nicht recyceln lässt, könnte man nun damit anfangen? „Wir haben viel herumexperimentiert“, sagt Adamcio. „Wir wollten etwas Schönes daraus machen.“ Sie schrieben einen Wettbewerb an Hochschulen und Universitäten in Polen aus, und die Resonanz übertraf ihre Erwartungen. Die Ideen reichten von Leuchten und Sesseln bis zu Carports, Aussichtstürmen und Brücken. Besonders gefielen Adamcio die Entwürfe von Designstudenten des Instituts für Bildende Künste der Universität Grünberg. Sie schnitten aus dem Material Bänke undHocker, Sessel und Liegen, beplankten sie mit Holz,lackierten sie wieder strahlend weiß und verwandelten das einstige Rotorblatt in stilvolle, individuelle und haltbare Outdoormöbel.


„Wir haben viel herumexperimentiert. Wir wollten etwas Schönes daraus machen.“
ANDRZEJ ADAMCIO

Adamcio gefiel, was er sah. Fast das gesamte Rotorblatt ließ sich auf diese Weise verwerten, und das nahezu unkaputtbare Material bekam ein zweites, sinnvolles Leben. Er fertigte ein paar Prototypen, auf die just vor einem Jahr drei Männer aus Sachsen aufmerksam wurden, die sich aus ihrer Jugend kennen – sowie Adamcio und sein Unternehmen wiederum noch aus Studentenzeiten. „Wir waren von den Entwürfen schwer begeistert“, sagt André Schnabel. Der Mittvierziger war von der Idee des Windrad-Upcyclings sofort angetan. „Seit ich Kinder habe, mache ich mir durchaus Gedanken über Nachhaltigkeit, über die Frage, wie wir die Umwelt hinterlassen.“ Schnabel erzählt von den Unmengen an Rotorblättern, die in den kommenden Jahren aus alten Windkraftanlagen anfallen werden. Bisher werden sie meist zerkleinert in Zementfabriken verbrannt. Dort aber schädigt der Kunstbrennstoff die Öfen, sodass immer nur kleine Mengen zugesetzt werden können, womit das keinesfalls die große Lösung sein kann.

In Form gebracht: In die zersägten Teile der Rotorblätter montieren die Arbeiter Sitz-und Liegeflächen aus Lärchenholz, die jeweils individuell angepasst werden müssen.


Ob Möbel die große Lösung sind, steht freilich noch in den Sternen. Die neue Nutzung alter Materialien aber müsste doch ein entscheidendes Verkaufsargument sein, dachte sich Schnabel, der Bankbetriebswirt ist. Er gründete mit seinen zwei Kompagnons im vergangenen Sommer in Dresden Wings for Living, als Joint Venture mit den polnischen Produzenten und mit dem Ziel, die Produkte in Deutschland und in der ganzen Welt zu vermarkten.

Sie hätten aber schnell festgestellt, dass potentielle Kunden Nachhaltigkeit bisher eher als hübsches Beiwerk wahrnähmen, sagt Schnabel. Das bringe sie jedoch nicht von ihrer Mission ab, mit den Flügelmöbeln Ökologie und Design zu vereinen. Die Rotorblätter, aus denen die ersten Möbel entstanden, drehten sich einst in einem Windenergiepark in Mecklenburg-Vorpommern. 25 Jahre lang produzierten sie dort Strom, im Schnitt 12,5 Megawattstunden täglich, für rund tausend Haushalte. Gut 36.500 Tonnen Kohlendioxid seien so je Anlage gespart worden – und jetzt noch einmal mehr, weil die Flügel nicht re-, sondern upgecycelt werden, also neu genutzt.

Keines der Möbelstücke gleicht dem anderen, weil es verschiedene Rotorblätter gibt und jedes daraus geschnittene Teil anders als die anderen ist.
Keines der Möbelstücke gleicht dem anderen, weil es verschiedene Rotorblätter gibt und jedes daraus geschnittene Teil anders als die anderen ist.

Sie erarbeiteten eine Strategie, gaben den Möbeln schicke Namen, bauten einen Onlineshop auf und sammelten vor allem Erfahrungen. Eine davon sei, dass sowohl massenwarenmüde Baumarktkunden als auch auf Distinktion bedachte Stadt- und Kurverwaltungen das individuelle Design besonders schätzten.

Keines der Möbelstücke gleicht dem anderen, weil es verschiedene Rotorblätter gibt und weil jedes daraus geschnittene Teil anders als die anderen ist. „Wir nehmen die Form, wie sie ist“, sagt Schnabel. „Wir filetieren die Flügel wie einen Fisch, biegen nichts zurecht.“ So sehen beispielsweise der Stuhl San Francisco oder die Gartenliege Ibiza, die aus den breiteren Teilen eines Rotorblatts gewonnen werden, immer wieder anders aus, weil sich aus einem Blatt nie zwei gleiche Stücke schneiden lassen. Die Unikate halten praktisch ewig, aber André Schnabel will das Nachhaltigkeitsversprechen auch an seine Kunden weitergeben und garantiert deshalb die Rücknahme der Möbel, sollten sie irgendwann einmal ausgedient haben. „Dann werden sie runderneuert oder, wenn das nicht mehr möglich ist, zermahlen.“ Auf der ganzen Welt wird derzeit an Verfahren geforscht, Glasfaserkunststoff auch zu recyceln.

Sitzmöbel aus alten Rotorblättern auf dem Firmengelände von Airchitecture in Szprotawa/Sprottau, Polen.


Vielseitige Verwertung

In Sprottau hat Andrzej Adamcio inzwischen eine neue Werkhalle zur Weiterverarbeitung gebaut. Hier schleifen und spachteln mehrere Mitarbeiter die Rotorblatt-Rohlinge und montieren darauf Sitz- und Liegeflächen aus Lärchenholz. Auch für letztere gibt es kein Standardmaß, vielmehr müssen die Tischler das Holz den aus den Flügeln gewonnenen Grundformen individuell anpassen. Das Holz wiederum wird zuvor geflammt oder lackiert, die Rohlinge werden nach dem Spachteln meist weiß oder platingrau lackiert.

Immer wieder anders: Die Modelle des Sitzmöbels San Francisco sind Unikate.
Immer wieder anders: Die Modelle des Sitzmöbels San Francisco sind Unikate.

Auf dem Hof türmen sich zahlreiche Formen, die Lagerung im Freien macht dem Material nichts aus. „Wir versuchen, jedes Stück eines Flügels zu verwenden“, sagt Marcin Sobczyk und zeigt auf einen Stapel Halbschalen. Sie stammen aus überbreiten Flügelpartien und werden als Füße für die Liegen genutzt. „Bei 200 Tonnen Material haben wir weniger als eine Tonne Abfall“, sagt Sobczyk stolz. Er ist Projektmanager der Möbelserie und für neue Anwendungen, früher hat er Windparks in ganz Europa mitgebaut. Dass er jetzt an der Windradverwertung tüftelt, war nicht geplant, es hat sich so ergeben. „Es macht Freude, nach Alternativen zu suchen, Ideen zu entwickeln“, sagt er. Und er glaubt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist. Allein in Deutschland gibt es heute 30.000 Anlagen an Land, die meisten davon haben bald ausgedient. Viele könnten ohne weiteres weiterhin Strom liefern, doch weil die Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz ausläuft, werden sie unwirtschaftlich und abgebaut oder durch neue ersetzt, die größer und ertragreicher sind.


„Wir versuchen, jedes Stück eines Flügels zu verwenden“
MARCIN SOBCZYK

Etwa 500.000 Tonnen Rotorblatt-Abfall wird es allein in Deutschland in den kommenden Jahren geben. Schier unmöglich, diese Menge zu Möbeln zu verarbeiten. Adamcio und Sobczyk tüfteln deshalb an alternativen Anwendungen. Neben der Halle stehen auf einem Gerüst zwei Rotorblätter, die an ihren breiten Enden verbunden sind. Links und rechts sind Stahltrossen angebracht, die mit Holz beplankt werden. Was futuristisch aussieht, soll im Sommer die erste Rotorblatt-Brücke der Welt werden.

Die Stadt Sprottau will sie über den Fluss im Zentrum für Fußgänger und Radfahrer bauen; die tragenden Teile sind ausschließlich zwei Rotorblätter. Zuvor hatten sie das Material an den Universitäten in Warschau und Rzeszów getestet – und waren überrascht. Sie setzten die Flügel 150 Tonnen Zug- und Druckbelastung aus, es war das Maximum der Testvorrichtung. Das Material hielt. Es erfüllt europäische Standards und wurde von den polnischen Behörden zugelassen.

Sitzmöbel aus alten Rotorblättern
Sitzmöbel aus alten Rotorblättern

In der Firma experimentieren sie nun auch mit nachhaltiger Stadtmöblierung: Wartehäuschen, Fahrradunterstände und Carports sind als Prototypen zu sehen, dazwischen steht eine halbrunde Sitzbank mit einer Flügelspitze als Rückenlehne. „Das ist Sharky“, sagt Adamcio und lacht sich halb kaputt, obwohl die „Hai-Bank“ wegen der sehr aufwendigen Herstellung wohl ein Einzelstück bleiben wird. Auf einer Zeichnung prangt dagegen das nächste Großprojekt: ein Aussichtsturm, aufgehängt an Rotorblättern, die senkrecht im Boden verankert sind. Das geht auch mit den Möbeln, die zwar schon wegen ihres Gewichts kein Wind mehr bewegen kann, die so aber zusätzlich vor Dieben gesichert sind. Der Kunststoff schädigt weder sensible Böden, noch rostet er oder fault irgendwann weg.

Andrzej Adamcio hat das kürzlich auf seinem Grundstück selbst getestet und sich aus drei Rotorblättern, also einem Windrad, einen Angelsteg gebaut: Zwei Blätter hat er als Pylone aufgestellt und zwei Stahlseile darüber gelegt, die das dritte Blatt halten, auf dem ein Holzsteg bis über die Flussmitte führt. Die Zukunft, so viel ist für ihn klar, hat hier gerade erst begonnen.


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Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 12.05.2021 09:26 Uhr