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Nachhaltiges Möbeldesign : Lang lebe die Gartenbank!

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Die Bank Au der Designerin Tomoko Azumi steht jetzt im Garten von Kwame Kwei-Armah vom Young Vic Theatre. Bild: London Design Festival

Londoner Designerinnen und Designer haben hölzerne Möbel zum Weitervererben entworfen – mit Partnern aus dem Kulturleben. Herausgekommen sind dabei persönliche wie auch zeitlose Stücke.

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          Wenn es im Möbeldesign um Nachhaltigkeit geht, ist oft von den Materialien die Rede. Sie sollen natürlichen Ursprungs sein oder recycelt, ungiftig, wiederverwertbar und ressourcenschonend. Auch Herstellung, Vertrieb und Verpackung sind wichtig. Doch das stärkste Argument ist ein anderes: Möbel sind dann besonders nachhaltig, wenn sie lange im Einsatz sind. Bestenfalls überdauern sie ihre Besitzer und werden weitervererbt.

          Die meisten Menschen leben wohl mit mindestens einem Stück, das sie nicht gekauft, sondern von einem Verwandten oder Freund übernommen haben. Auch die Konjunktur von Vintageobjekten zeigt: Designer sollten sich Gedanken machen über die Langlebigkeit ihrer Entwürfe, wenn sie nachhaltig gestalten möchten.

          Aber welche Eigenschaften sind es, die Möbel zu Erbstücken prädestinieren? Belastbarkeit, Flexibilität, Wertigkeit? Eine zeitlose Ästhetik, eine emotionale Geschichte? Um solche Fragen kreist das Möbeldesignprojekt „Legacy“, das anlässlich des London Design Festivals 2019 im Victoria & Albert Museum (V&A) zu sehen war.

          Langlebige Sitzgruppen

          Die Aufgabenstellung für „Legacy“ lautete: ein hölzernes Möbelstück zum Weitervererben. Das ist an sich schon ein ungewöhnlicher Auftrag, der nicht nur den Designern, sondern auch gleich den künftigen Besitzern mit erteilt wurde. Insgesamt zehn Teams – je ein Gestalter oder Designstudio und eine Direktorin oder ein Direktor einer Kulturinstitution – entwickelten so gemeinsam ein Objekt. Ort und Nutzung waren mitzudenken. Initiiert hat das Projekt das American Hardwood Export Council (AHEC), ein Holzvermarktungsverband, kreativer Leiter war John Sorrell, Mitgründer des Design-Festivals.

          Dem exzellenten Kenner der britischen Design- und Kulturszene gelangen interessante Paarungen: Er spannte Hans Ulrich Obrist, den Leiter der Serpentine Galleries, mit Nina Tolstrup und Jack Mama von Studiomama zusammen, bekannt für ihre unkonventionellen Entwürfe. Das All-Star-Team bildeten zweifellos V&A-Direktor Tristram Hunt und Jasper Morrison, der eine Sitzgruppe für Hunts Vorzimmer beisteuerte.

          Das Regal „Musical Shelf“ ist für Schallplatten gedacht. Bilderstrecke

          Auch überraschende Verbindungen wie die von Ian Blatchford, Direktor des Science Museums, mit der jungen Französin Marlène Huissoud erwiesen sich als fruchtbar: Blatchford wünschte sich von Huissoud einen Bienenstock, der nun in der neuen Museumsabteilung über die Zukunft der Landwirtschaft ausgestellt wird.

          Das AHEC will mit „Legacy“ das Holz der amerikanischen Roteiche bewerben, aus dem alle Beiträge gefertigt wurden. Trotz dieses kommerziellen Hintergrunds überzeugten die Ergebnisse – beispielsweise die beiden Briefkästen, die Studiomama für Hans Ulrich Obrist entworfen haben. Sie warten nun in den Serpentine Galleries auf Post. Mit kannelierter Hülle erinnern sie an klassische Säulen und mit übertrieben schlauchbootlippigem Einwurfschlitz zugleich an eine Comicfigur.

          Ein Vermächtnis in Form gebracht

          High und Low kommen so spielerisch zusammen wie in der Arbeit von Obrist, der seit der Jugend ein Fan der Postkarte als künstlerischem Medium ist und die Besucher des Ausstellungshauses animieren möchte, wieder mehr handgeschriebene Karten zu verschicken. Die Hoffnung des Teams: Die Boxen mögen die bedrohte Kultur des Handgeschriebenen befördern, über Obrists Amtszeit hinaus.

          Weitaus privater ist das Regal, das der Designer und Möbelbauer Martino Gamper für Tamara Rojo vom English National Ballet entworfen hat. Es steht bei ihr zu Hause und ist für ihre Plattensammlung konzipiert. Durch die schräggestellten Elemente sind die Plattencover besser sichtbar als in anderen Regalen. Handwerklich ist es ein Meisterstück, Gamper spielte mit dem Verlauf der Maserung und zwei verschiedenen Oberflächenfinishs.

          Am stärksten durchdrungen von der Idee des Vermächtnisses ist wohl die Gartenbank von Kwame Kwei-Armah, dem künstlerischen Leiter des Young Vic Theatre, und der japanischstämmigen Designerin Tomoko Azumi. Das Möbelstück hat seinen Platz nun in Kwei-Armahs Garten und soll seine Nachfahren dereinst an ihn erinnern – wenn sie an die Zeit denken, die sie gemeinsam auf der Bank verbracht haben.

          Die Gitterhaube hat Azumi einem Bootsrumpf nachempfunden, eine weitere historische wie auch persönliche Dimension. Die Vorfahren des Theatermanns stammen aus der Karibik, wohin sie einst als Sklaven auf Schiffen aus Afrika gebracht worden waren. Bevor die Designerin zu zeichnen begann, hatte sie sich die Geschichte seiner Familie erzählen lassen – und dann für dieses Vermächtnis eine Form gefunden.

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