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Designlegende John Loring : Girl’s Best Friend

John Loring verkörpert die Marke - und ist besonders angetan von den Stücken der High-Jewellery-Linie „Blue Book“. Bild: Tiffany & Co.

John Loring ist bei Tiffany & Co. zur Designlegende geworden. Heute ist er im Ruhestand, aber umtriebig wie eh und je.

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          Die Eröffnungsszene aus „Frühstück bei Tiffany“ ist unvergesslich. Audrey Hepburn alias Holly Golightly nähert sich zu den Klängen von „Moon River“ im Morgengrauen mit einem Taxi dem Juwelier an der Fifth Avenue. Sie trägt ein elegantes schwarzes Abendkleid, Sonnenbrille und Tiara im Haar, steigt aus, steht auf der menschenleeren Straße, blickt bewundernd auf die Fassade des Gebäudes, sieht die Aufschrift „Tiffany & Co.“ am Eingang, darüber die große Uhr, die von einer Atlas-Statue getragen wird. Was für Zeiten! Der Film entstand mehr als zwei Jahrzehnte, bevor gleich neben dem Tiffany-Laden der Trump Tower eröffnet wurde.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Atlas-Uhr hat für John Loring eine persönliche Bedeutung. Loring war 30 Jahre lang Chefdesigner des amerikanischen Schmuckkonzerns, und er ist besonders stolz auf die Produktserie, die von diesem Wahrzeichen inspiriert ist. 1983 brachte Tiffany eine unter seiner Führung entworfene Armbanduhr mit dem Namen „Atlas“ heraus, die ähnlich wie der Zeitmesser an der Fassade wuchtige römische Ziffern hatte. Zwölf Jahre später wurde daraus eine ganze Kollektion, und bis heute verkauft Tiffany Ketten, Ringe und Armreife mit den Ziffern als Markenzeichen. Loring erinnert sich noch, dass nicht jeder im Unternehmen von der ersten Atlas-Uhr begeistert war. Manche hätten gesagt, die Ziffern seien zu kantig, das könne vor allem die für Tiffany so wichtige japanische Kundschaft abschrecken. Es freut ihn bis heute, dass sich die Sorgen als unbegründet herausstellten. „Wir hatten 10.000 Vorbestellungen aus Japan, als die Uhr herauskam“, sagt er im Gespräch in der New Yorker Tiffany-Zentrale.

          Seinen Posten als Chefdesigner hat Loring schon 2009 abgegeben. Aber er spielt bis heute als „Design Director Emeritus“ eine Rolle im Unternehmen. Vor dem Gespräch traf er den Tiffany-Vorstandschef zum Mittagessen. Loring ist zwar offiziell im Ruhestand, hat aber noch immer jeden Tag in irgendeiner Form mit Tiffany zu tun, „je nachdem, wofür sie mich gerade brauchen“. Er versteht sich heute als Botschafter und Berater des Unternehmens. Oder auch, wie er es selbst etwas theatralisch formuliert, als „Hohepriester in einem Tempel der Kultur“.

          Loring, der in Chicago geboren wurde, ist 77 Jahre alt. Er ist eine elegante, aber unaufdringliche Erscheinung, ein Gentleman der alten Schule, in Anzug und mit Krawatte ohne sonderlich auffälliges Design. Er ist erfreut, mal wieder einen deutschen Besucher zu haben, und erzählt begeistert davon, dass seiner Familie vor langer Zeit einmal das Hotel „Weißer Bock“ in Heidelberg gehörte.

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          In der Geschichte von Tiffany ist Loring eine legendäre Figur. Er arbeitete hier Seite an Seite mit berühmten Designern wie Paloma Picasso und Elsa Peretti. Über seinen langjährigen Arbeitgeber verfasste er 21 Bücher, darunter ein Werk über die Geschichte des Unternehmens und ein Kochbuch. Ein halbes Dutzend dieser Bücher gab er zusammen mit Jacqueline Kennedy Onassis heraus. Loring sagt, er werde niemals vergessen, wie schockiert er war, dass die frühere First Lady nach einem fünfminütigen Treffen sagte, sie wolle mit ihm arbeiten. Und er erinnert sich, mit welchen Worten sie oft auf ihre Tochter verwies, wenn ihr eine Idee missfiel: „John, Du denkst doch wohl nicht, ich will bei Caroline den Eindruck entstehen lassen, dass ich so etwas unterstütze.“

          John Loring hat sich nicht nur als Schmuckdesigner einen Namen gemacht. Bevor er zu Tiffany kam, war er Büroleiter für die Zeitschrift „Architectural Digest“, und er lehrte als Kunstprofessor an der Universität von Kalifornien. Er hat selbst an der amerikanischen Eliteuniversität Yale und dann an der École des Beaux-Arts in Paris studiert. Mit Begeisterung malte er, einige seiner Werke sind sogar im Bestand des Museum of Modern Art und des Whitney Museum of American Art. Zwar hat er das Malen inzwischen aufgegeben. Dafür beschäftigt er sich jetzt mehr mit Fotografie. Überhaupt ist er gefragt. Mehrmals im Jahr reist er zum Beispiel nach Kopenhagen, wo er dem Vergnügungspark Tivoli in Designfragen hilft, unter anderem in Sachen Weihnachtsdekoration.

          Er versteht sich nicht als Nostalgiker des Schmucks. „Es ist heute viel besser als früher, in diesem Geschäft zu sein“, sagt er. In seiner Anfangszeit als Chefdesigner seien die finanziellen Möglichkeiten von Tiffany und damit auch sein eigener Spielraum viel begrenzter gewesen als heute. „Damals hatten wir einen Umsatz von 70 Millionen Dollar, jetzt sind es mehr als vier Milliarden.“ Heute seien ein paar Stücke aus der „Blue Book“-Kollektion von Tiffany so viel wert wie damals das gesamte Inventar des Unternehmens. Diese jährliche Kollektion umfasst besonders edle Vorzeigestücke von Tiffany, die oft von Superstars bei Anlässen wie der Oscar-Verleihung getragen werden. Das teuerste Stück der diesjährigen „Blue-Book“-Serie war ein Diamantring für 4,3 Millionen Dollar.

          Tiffany-Zentrale mit Atlas-Figur.

          Freilich kämpft Tiffany zur Zeit mit gewaltigen Schwierigkeiten. Vor allem auf dem Heimatmarkt läuft das Geschäft nicht mehr so gut, und das nicht nur, weil die verschärften Sicherheitsvorkehrungen vor dem Trump Tower nach Donald Trumps Wahl zum amerikanischen Präsidenten es eine Zeitlang beschwerlicher gemacht haben, in die New Yorker Filiale zu gelangen. Touristen und Einheimische kaufen in Amerika weniger ein als früher. Im Februar sah sich das Unternehmen gezwungen, den Vorstandsvorsitzenden auszuwechseln, kurz zuvor hatte sich schon die Designchefin verabschiedet.

          John Loring zeigt sich nicht davon beunruhigt. „Veränderungen sind gut. Das kann manchmal neue Energie freisetzen.“ Er sagt, er traue der gegenwärtigen Führung zu, die Relevanz der amerikanischen Traditionsmarke zu erhalten, auch für eine jüngere Kundschaft. Schließlich sei das Geschäft von Tiffany & Co. in gewisser Weise zeitlos. Der alte Spruch „Diamonds Are a Girl's Best Friend“ gelte bis heute. Der erfahrenste Frauenversteher der Marke muss es wissen.

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