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Alles nur Prototypen: Steffen Kehrle ist mit seinen Entwürfen noch nicht restlos zufrieden, auch nicht mit dem umgedrehten Freischwinger aus dem 3D-Drucker. Bild: Tobias Schmitt

Designer Steffen Kehrle : Wie der „Münchner Stuhl“ entsteht

Der Münchner Designer Steffen Kehrle soll für die Neue Sammlung einen Stuhl entwerfen. Um ein markttaugliches Produkt geht es auch. Aber zunächst ist der Weg das Ziel.

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          Es ist nur eine Studie. Gleich mehrmals fällt dieser Satz. Ergebnis der Studie soll ein Stuhl sein. Entstanden ist allerdings nicht nur ein Stuhl. Im Münchner Studio von Steffen Kehrle stehen viele Stühle, und sie könnten unterschiedlicher kaum sein: Einer ist aus Pappe, ein anderer aus Kunststoff, ein dritter aus alten Holzplatten zusammengeschraubt (auf ihm kann man sogar sitzen). Einer hat vier Beine, der nächste steht auf Kufen, mal sind die Stühle blau, mal gelb, mal grün. Den letzten der vielen meist gebrechlichen Prototypen hat gerade erst ein 3D-Drucker ausgespuckt. „Als ich den Stuhl sah, war ich fünf Minuten total glücklich“, sagt Steffen Kehrle. „Dann war ich den Rest des Tages todunglücklich.“

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Es ist nur eine Studie, eine Studie mit offenem Ausgang. Das war dem Designer von Anfang an klar, schon als er den Auftrag bekam, einen „Münchner Stuhl“ zu entwickeln – für die Neue Sammlung, kurz DNS, die seit 2002 in der Pinakothek der Moderne ihren Standort hat. Das Designmuseum mit einer Zweigstelle in Nürnberg ist das älteste der Welt. Es wurde 1907 aus dem Geist des Deutschen Werkbunds gegründet. Mit mehr als 100.000 Inventarnummern zählt die Neue Sammlung zu den größten Sammlungen überhaupt.

          Den Auftrag für die Entwicklung eines Stuhls bekam Steffen Kehrle, der 2009 sein eigenes Studio gründete, von der Direktorin des Museums, Angelika Nollert. Wenig später kam das Unternehmen Thonet als Partner hinzu. Thonet feiert in diesem Jahr sein zweihundertjähriges Bestehen, aus diesem Anlass inszeniert Kehrle eine Ausstellung von Thonet-Stühlen in der Neuen Sammlung. Teil davon wird auch seine Studie sein, mit den Prototypen, von denen einer womöglich eines Tages auf den Markt kommt – produziert von Thonet.

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          „In meiner Vorstellung kommt der Stuhl als Ganzes aus einer Maschine heraus“, sagt Kehrle. Sein Stuhl soll nicht aus Einzelteilen zusammengesetzt sein. Das wiederum spräche dafür, dass der Entwurf durch eine Art Druckguss-verfahren Form annimmt, dass er aus einem Kunststoff oder einem Metall besteht. Doch Kehrles Stuhl ist in seiner Gestalt so ungewöhnlich, dass er wohl nicht allein aus Kunststoff, sondern auch aus Metall bestehen müsste, damit er genügend Halt hat und auch gibt – und damit er nicht bricht.

          Es war erst der Anfang

          „Die Materialität haben wir noch nicht festgelegt“, sagt der 43 Jahre alte Designer und beschreibt die Entwicklung seines Stuhls: Zunächst wollte er ein kleines Möbel machen, einen nur 25 Zentimeter breiten Stuhl mit vier Beinen, auf dem Museumswächter und -besucher gleichermaßen sitzen sollten. „Der Entwurf kam schon sehr gut bei Angelika Nollert an“, erzählt Kehrle. Doch für ihn war es erst der Anfang.

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          Als nächstes bekam der Stuhl ein Stahlrohrgestell, er wurde zu einem Freischwinger, wie ihn Mart Stam und Ludwig Mies van der Rohe Mitte der zwanziger Jahre entwickelt hatten. Die Rechte an einigen der bekanntesten Freischwinger besitzt das in sechster Generation geführte Familienunternehmen Thonet im nordhessischen Frankenberg. Da Thonet Partner des Münchner Projekts ist, hätte ein hinterbeinloser Stuhl nur zu gut gepasst. „Mir war das aber zu banal“, sagt Kehrle. Er wolle ja in die Zukunft denken und nicht einfach Stahlrohr oder auch Wiener Geflecht, wie es bei vielen Thonet-Stühlen vorkommt, als Zitate verwenden.

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