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Designer Herkner im Interview : „Mein Haus ist antideutsch“

  • -Aktualisiert am

Dieser Mann jagt, sammelt und hortet: Sebastian Herkner in seinem Offenbacher Studio Bild: Rainer Wohlfahrt

Sebastian Herkner ist gerade überall, diese Woche als Ehrengast auf der Möbelmesse in Köln. Wir haben den Designer in seinem Atelier besucht. Ein Gespräch über sein Problem mit Trends, seine Liebe zum Handwerk und seine Installation „Das Haus“.

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          Sagen Sie mal, warum hängen in Ihrem Atelier so viele Besen an der Wand?

          Ich reise viel, um verschiedene Kulturen und Handwerkstechniken kennenzulernen. Früher, mit meinen Eltern, war ich nur mit dem Campingwagen in Europa unterwegs. Heute sind meine Ziele auch mal Zimbabwe und Kolumbien. Fast immer kehre ich mit einem Besen zurück. In Europa ist der Besen ein banaler Gegenstand, aber in Asien und anderswo auf der Welt hat er einen ganz eigenen Stellenwert. Es gibt wahnsinnig schöne Besen.

          Woher rührt Ihre Liebe zum Handwerk?

          Es geht immer um die Menschen. Deswegen ist das Handwerk interessant, weil man auf viele tolle Menschen mit allerlei Fähigkeiten trifft. Es ist wichtig, das Handwerk zu bewahren. Modehäuser wie Chanel und Hermès kaufen ja nicht ohne Grund Manufakturen auf. Sonst kann das Besondere irgendwann niemand mehr fertigen. Das hat auch eine soziale Komponente.

          Auf der Imm Cologne sind Sie als Ehrengast für „Das Haus“ verantwortlich, einer Installation, die sich mit den Themen Wohnen und Einrichten auseinandersetzt. Ein Haus ist im Idealfall Rückzugsort, soll aber auch den Lebensstil des Besitzers repräsentieren. Wie haben Sie das umgesetzt?

          Ich wollte ein Haus, das anders ist als die „Häuser“ zuvor. Offenheit und Gastfreundschaft stehen im Vordergrund. Ich wollte keinen klar definierten Ein- und Ausgang - den gibt es jetzt trotzdem, denn die Feuerwehr hat gewisse Brandschutzbestimmungen. Das Haus ist gegliedert in verschiedene Bereiche: Bad, Küche, Wohnen, Schlafen. In der Mitte der Innenhof, über den alles erreicht werden kann. Die Wände sind textile Schichten, transparent und fließend. Wie bei einer Zwiebel. So kann jeder frei entscheiden, wohin er geht. In der Küche werden wir auch kochen, bei privaten Partys spielt sich schließlich auch viel in der Küche ab. Nur Schlafzimmer und Badezimmer haben feste Wände. Wichtig war mir, dass das „Haus“ barrierefrei ist.

          Rundes Haus, kaum Privatsphäre : Ist das das Wohnen der Zukunft?

          Woher kommt die Einrichtung?

          Die Möbel habe ich einfach zusammengestellt. Für einige Objekte nutze ich Kontakte zum Handwerk. Bei uns kennt man die klassischen Handwerksberufe ja nur noch aus dem Freilichtmuseum, wo alte Webstühle stehen. Die Wand im Bad ist aus Seife gefliest, die von der Offenbacher Firma Kappus kommt. Im Sommer, wenn die Fenster offen sind, riecht man an einem Tag Rose und am nächsten Tag Lavendel, wenn man dort vorbeigeht. Mit Rosenthal habe ich einen Porzellan-Paravent aus Perlen gemacht, die Kacheln für die Küche kommen von einem Ofenbauer, mit dem ich oft zusammenarbeite. Nya Nordiska steuert die Textilien für die Vorhänge bei. Es gibt verschiedene Schichten, je nachdem wie man sie zusammenfährt, von blickdicht bis halbtransparent.

          Greifen Sie auch Einrichtungstrends auf?

          Mit Trends tue ich mich schwer. Es ist doch spannender, den anderen Weg zu gehen: Wenn ich merke, dass Gestelle immer dünner werden, dann mache ich sie dicker, wie bei meiner „Pipe“-Linie für Moroso. Für die Imm Cologne fand ich es spannend, ein textiles Haus zu machen. Tapeten kommen langsam wieder, Vorhänge vielleicht auch bald. Sie gehören zu den ältesten Textilbespannungen, zum Beispiel in Schlössern.

          Vorhänge trennen und verbinden: das zentrale Element im „Haus“
          Vorhänge trennen und verbinden: das zentrale Element im „Haus“ : Bild: imm cologne

          Ihr „Haus“ ist rund wie eine Jurte.

          Wobei es runde Häuser immer gab, vor allem die mobilen wie Zirkuszelte. Das Pantheon ist rund, der neue Apple-Campus wird rund, es gibt runde Kirchen. Wenn man natürlich deutsch denkt, und das Lieblingswort der Deutschen ist Stauraum, dann ist es natürlich kontraproduktiv, wenn man nicht jede Ecke ausfüllen kann - weil es keine Ecken gibt. Deswegen ist mein „Haus“ vielleicht ein bisschen antideutsch.

          Glauben Sie denn, dass es Dinge gibt, die das Haus „deutsch“ machen?

          Es sind die Vorschriften, die mein Haus deutsch machen: Geländer, Absturzsicherug, Brandschutz. Eine Kehrwoche muss ich aber zum Glück nicht machen (lacht). Ich bin keiner, der die typische deutsche Designsprache spricht. Von ausländischen Journalisten werde ich oft gefragt: „Was ist typisch deutsch an dir?“ Die denken dann immer an Bauhaus und Rams und die zehn Thesen, aber damit hat man natürlich nichts zu tun, weil Rams für seine Zeit spricht. Und genauso spricht jeder Designer heute für seine Zeit, Epoche und Gesellschaft.

          Sie sprechen oft von „Sinnlichkeit“ in Zusammenhang mit Ihren Entwürfen.

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