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Designer Omer Arbel : Der Erleuchter und sein ganz großer Traum

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Das ist insofern ein spannender Ansatz, als dass Arbel damit traditionellere Lichtkonzepte aufbricht, nach denen Leuchten zentrale Fokuspunkte innerhalb eines Raumes setzen. Lichtskulpturen von Bocci sind so auch „Hacks“ klassischer Lüster, irgendwo zwischen Design übrigens kaum von „Lampen“, sondern eben von „beleuchteten Objekten“ oder „Lichtskulpturen“. Man trifft diese so meistens dort an, wo Platz, Geld und Kunstliebhaber aufeinandertreffen, in repräsentativen Altbauwohnungen, Szenerestaurants, Designbüros, Galerien, Museen und vielleicht Privatbanken.

Idee No. 64: wenn man Wachs und gecrushtes Eis in einer Zentrifuge mischt – Bienenwachskerze.
Idee No. 64: wenn man Wachs und gecrushtes Eis in einer Zentrifuge mischt – Bienenwachskerze. : Bild: Fahim Kassam

Und bei Bocci 79, des Labels Berliner Dependance und Europazentrale im 1896 erbauten ehemaligen Charlottenburger Grundbuchamt. Das Gebäude wird auch als „lebendes Archiv“ bespielt: Auf fünf Stockwerken bieten weitläufige Räume viel Freiheit für Arbels Arbeiten – und die Kulisse des wuchtigen Bürokratenbaus einen schönen Bruch zur fragilen Ästhetik der Objekte. Durch Bocci 79 zu mäandern ist wie ein Streifzug durch Arbels Gehirn: Wer seine „glücklichen Zufälle“, wie er sie liebevoll nennt, rückwärts denkt, kommt nicht umhin, sich das Chaos vorzustellen, das permanent in seinem Kopf herrschen muss.

Um Ordnung ins System zu bringen, katalogisiert Arbel alle Ideen streng mit fortlaufenden Nummern, die durch das Anhängen weiterer Ziffern unendlich individualisiert werden können, die Hundertermarke ist bereits geknackt. 1.2: das Raumtrenner-Regal aus seinem Hauptquartier. 76: die Glas-Kupfer-Arbeit, die so aussieht wie ein rankendes Fossil. 28: die Installation im V&A. Glückszahl? Er lacht: „Tatsächlich haben wir die Nummer 13 ausgelassen – die 14 wurde dann unser erster kommerzieller Erfolg.“

Idee No. 84: Leuchte im Treppenhaus von Bocci 79, der Berliner Dependance in einem ehemaligen Grundbuchamt.
Idee No. 84: Leuchte im Treppenhaus von Bocci 79, der Berliner Dependance in einem ehemaligen Grundbuchamt. : Bild: Fahim Kassam

Der kommerzielle Erfolg einiger Leuchten gibt Arbel die Möglichkeit, seine geld- und zeitintensive experimentelle Arbeit, die Grundlage seines Schaffens, weiterzuverfolgen: „Schon jetzt kann man mit 3D-Technik praktisch jedes Material in jede Form zwängen. Aber will man das?“ Interessanter bleibt für ihn die Frage, was dabei herauskommt, wenn sich die einem Material eigenen physischen oder chemischen Charakteristika im Prozess frei entfalten können und sich darüber – vielleicht – eine neue Form ergibt. In Zeiten, wo vermutlich jedes vorhandene Produkt formal schon unendlich oft und anders gedacht wurde, bietet so eine Hinwendung zum Materialexperiment noch Raum für Innovation.

Gerade tüftelt Arbel an einem neuen Projekt, über das er nur so viel verraten will: Dieses Mal kooperiert er mit Wissenschaftlern. Auch im „Social Engineering“ ist er stark.

Ein Haus mit ungewöhnlichen Säulen: Modell des Projektes 75.9, das derzeit in Kanada realisiert wird.
Ein Haus mit ungewöhnlichen Säulen: Modell des Projektes 75.9, das derzeit in Kanada realisiert wird. : Bild: Fahim Kassam

Für Arbels freies kreatives Arbeiten sei generell hilfreich, „dass Vancouver so weit weg von allem ist“. Es sei eine extrem junge Stadt ohne ausgeprägte Kulturlandschaft und folglich ohne die Permanentbeschallung durch eine Szene. Nach Berlin, das für den europäischen Markt strategisch gut liegt, wo viele Wegbegleiter leben und wo „Kultur für die Menschen kein Hobby ist“, kommt er, seit er Vater geworden ist, nicht mehr so regelmäßig, wie ihm lieb wäre. Ursprünglich hatte Arbel geplant, Teile der Glasproduktion nach Berlin zu verlagern, allerdings gäbe es in der Hauptstadt kaum noch Kunsthandwerker. „Außerdem haben wir hier in Vancouver mittlerweile eine wirklich starke Expertise.“

Ein Verstärker für dieses Knowhow ist die Tatsache, dass der pazifische Nordwesten mit rund 1000 Glaskünstlern mittlerweile das größte Zentrum für Glaskunst der Welt ist. Und dessen Herz Seattle liegt nur zweieinhalb Autostunden und einen Grenzstopp entfernt. Man kann von dem ein oder anderen Wissenstransfer in der Region ausgehen.

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