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Designer Michele De Lucchi : Il Maestro und sein Bleistift

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Auf der Eisenbahnbrücke hatten sich De Lucchi und Sottsass, den er bis heute seinen Meister nennt, erstmals gegenübergesessen. Nun trafen sie sich in der kleinen Wohnung von Sottsass und seiner zweiten Frau, der Kunstkritikerin Barbara Radice, wieder. „Es war eine chaotische Nacht im Dezember 1980“, schreibt De Lucchi in seinem autobiographischen Büchlein „My Horrible Wonderful Clients“.

Ein bisschen Elvis, ein bisschen Rock'n'Roll

Und es war die Geburtsstunde einer der einflussreichsten Design-Bewegungen des 20. Jahrhunderts: Memphis. Der Name ist schnell erklärt: Die Gruppe, zu der sich auch Matteo Thun gesellte, hörte im Laufe des Abends den Bob-Dylan-Song „Stuck Inside Of Mobile With The Memphis Blues Again“. Das war es: Ein bisschen Elvis, ein bisschen Rock'n'Roll kann nicht schaden, auch nicht im Design. Innerhalb von zwölf Monaten entstand die erste Kollektion, sechs weitere sollten folgen.

First: Der Sessel (1983) zählt zu den bekanntesten Entwürfen der Memphis-Zeit und ist als Sitzgelegenheit vor allem unzweckmäßig und unbequem.

Memphis ging es nicht um pure Funktionalität, sondern um die Lust am Gestalten. Sottsass und De Lucchi als Anführer wollten sich die „Selbstherrlichkeit“ ihrer Auftraggeber nicht länger gefallen lassen. Die Industrie, der Markt und neue Technologien sollten nicht mehr bestimmen, wann sie was wie zu entwerfen hatten. Memphis war Protest, Memphis war radikal, und es sollte doch zu nutzen sein.

Sie hatten kein Geld, nur Prototypen

Denn auch das wollten die Revoluzzer: ihre aus meist geometrischen Formen zusammengesetzten und mit grellen Kunststofflaminaten beschichteten Möbel verkaufen. Das fiel ihnen allerdings oft schwer: Ein Stuhl wie De Lucchis First aus dem Jahr 1983, der als Armlehnen schwarze Kugeln und als Rückenlehne eine kleine blaue Scheibe hat, taugt als Ausstellungsstück, ist als Sitzgelegenheit aber unzweckmäßig und unbequem.

Der kommerzielle Erfolg blieb aus, viele Entwürfe blieben Prototypen: „Wir hatten kein Geld, keiner wollte in uns investieren“, erinnert sich De Lucchi. 1988 war Memphis offiziell am Ende. De Lucchi, der dank Sottsass' Kontakten zu Olivetti schon seit 1979 auch für den italienischen Computerhersteller arbeitete und 1992 sogar für zehn Jahre Chefdesigner des Unternehmens wurde, gründete sein Studio.

1987 wurde der Designer mit der Schreibtischleuchte Tolomeo (für Artemide) bekannt und erfolgreich.

Kurz zuvor war seine Schreibtischleuchte Tolomeo entstanden. Die matte Aluminiumkonstruktion ist das genaue Gegenteil von Memphis. Doch Ernesto Gismondi, selbst Mitglied der Bewegung und Chef des Leuchtenproduzenten Artemide, zählt wie auch Alberto Alessi zur neuen Generation von Industriellen: Hersteller und Designer begegneten sich auf Augenhöhe. Der Protest hatte also doch etwas bewirkt.

Zur Ruhe kommt De Lucchi nicht

Die Tolomeo wurde ein Riesenerfolg und bescherte De Lucchi finanzielle Unabhängigkeit. So konnte er sich auch Dingen widmen, die ihm am Herzen lagen, auch wenn sie kaum Geld einbrachten: seinem Projekt „Produzione Privata“ etwa. Mit ihm will er altem Handwerk zu neuer Geltung verhelfen, ohne sich der Logik des Marktes, der Industrie oder der Produktion zu unterwerfen.

De Lucchi, der am 8. November 65 Jahre alt wird, könnte sich längst zur Ruhe setzen. In seiner Autobiographie hat er Bilanz gezogen und all seine schlimmen und wunderbaren Auftraggeber aufgezählt, mit denen er schon zu tun hatte: Herr Zeitgeist und Frau Industrie zum Beispiel, Herr Markt und Frau Technologie, Herr Zukunft und Frau Natur.

Sein bester Auftraggeber aber lasse ihn einfach nicht zur Ruhe kommen, sagt er. Anerkennung zolle er ihm höchstens einmal, wenn es um einen neuen Job gehe und er ihm noch mehr Arbeit abverlange. „Trotzdem ist er mein treuester, langjährigster und spannendster Kunde“, meint De Lucchi. „Und ich weiß auch, dass er unter seinem langen Bart beständig lächelt.“

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