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Designer Chalayan im Gespräch : „Kreativität ist die wichtigste Technologie“

  • -Aktualisiert am

Hussein Chalayan hält eine handwerklich fundierte Ausbildung für Modeschaffende dabei unverzichtbar. Bild: Alexander Rentsch

Mit robotischen und ferngesteuerten Kleidern hat sich Designer Hussein Chalayan einen Platz im Louvre in Paris und im Metropolitan Museum of Art in New York gesichert. Für die Zukunft fordert er im Interview vor allem zwei Dinge.

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          Sie haben die Evolution der Mode vom Viktorianischen Zeitalter bis zu Christian Diors „New Look“ vor einigen Jahren anhand eines einzigen Kleides durchgespielt – es verwandelte sich auf dem Laufsteg dank Mikrochips wie von Zauberhand. Heute verzichten Sie auf solch spektakuläre Inszenierungen und zeigen Ihre Mode „nur noch“ im Rahmen eines klassischen Defilees. Wie kommt das?

          Für mich ist Technologie nur ein Werkzeug, kein Allheilmittel. Als ich diese Inszenierung 2007 zeigte, ging es mir darum, die Wahrnehmung in Frage zu stellen, für den damaligen Moment war sie das richtige Mittel.

          Und heute?

          Man muss zwischen Technologie als Kommunikationswerkzeug und Technologie als Teil des Designprozesses trennen. In meiner Lehrtätigkeit in Wien und jetzt an der Berliner HTW sprechen die Studierenden täglich über soziale und ökologische Themen wie beispielsweise den Klimawandel. Sie wollen ihre Energie darauf verwenden, eine bessere Zukunft zu gestalten. Hier spielt die Technologie eine große Rolle, mit deren Hilfe neue Materialien entwickelt werden: ohne den Einsatz von Wasser, kompostierbar, ohne schädliche Chemikalien, ohne neue Ressourcen zu verwenden – da gibt es viel Entwicklungspotential.

          Und wie ist es mit Technologie als Kommunikationswerkzeug?

          Durch die digitale Kommunikation und die sozialen Medien ist die Mode sehr gleichförmig geworden. Das Design spielt auf Sicherheit, denn heute ist es wichtiger, gemocht zu werden, Likes und Follower zu generieren, als etwas Neues zu wagen.

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          Sie meinen, Follower sind wichtiger als Ideen?

          Die Generation junger Designer ist begeistert von einer großen Gefolgschaft. Ich will das nicht kleinreden, denn es ist aufregend, wenn viele Menschen einem folgen. Nur sollte das nicht auf Kosten des Designs gehen. Heute scheint die Logik oft zu sein: Solange dein Business auf Instagram gut läuft, ist alles phantastisch. Leider nimmt die Qualität des Designs dabei enorm ab. Sowohl auf Seiten der Designer als auch auf Seiten der Kunden – denn diese geben sich mit weniger zufrieden. Aber: Alles verläuft zyklisch, die Mode ganz besonders, und insofern vertraue ich darauf, dass es eine Gegenbewegung geben wird. Eine Rückbesinnung auf Originalität und Handwerkskunst.

          Die gibt es doch schon? Der aktuelle Luxusbegriff beispielsweise ist geprägt von einer Rückbesinnung auf das Handwerk.

          Es ist schwierig, eine allgemeingültige Entwicklung in der Mode festzustellen. Es gibt so viele unterschiedliche Tribes und Anschauungen. Für die eine Gruppe ist die Rückbesinnung auf das Handwerk relevant, eine andere bevorzugt die Idee des Kuratierens, und wieder andere sehen sich hauptsächlich als Stylisten. Heute meint jeder, er habe das Recht, ein Designer zu sein, ganz ohne eine technisch-handwerkliche Ausbildung. Deswegen kommt es plötzlich ganz und gar auf den guten Geschmack an, die Fähigkeit zu kuratieren und ein Umfeld, das die eigenen Entscheidungen unterstützt. Mit Hilfe der sozialen Medien ist die Mode nicht nur zugänglicher und demokratischer geworden. Jetzt denkt auch jeder, er könne selbst Mode schöpfen. Es gibt ja genug Beispiele. Auf der einen Seite denke ich: Wieso nicht? Aber auf der anderen Seite verwässert das Ideen, es gibt keine Auseinandersetzung mit und über Mode mehr, und wenn doch, dann zieht sie sich zäh wie ein Kaugummi. In der Kunst und in der Architektur würde man ausgelacht, wenn man völlig ohne Kenntnisse arbeitete.

          Klingt, als würde die Kommunikationstechnologie nicht nur die Qualität des Designs verderben, sondern auch die Autorität des Designers unterlaufen?

          Es gibt eine starke Monopolbildung. Neben den CEOs und großen Luxuskonglomeraten sind es vor allen Dingen Fotografen und Stylisten, die eine Art Monopol in der Mode haben, viel mehr als die Designer selbst. Sie haben die Kontakte zu den Magazinen, zu den Agenturen, sie produzieren nicht nur redaktionell unabhängige Strecken, sondern auch die Anzeigenmotive, also Werbung. Sie sind Teil dieses riesigen Geschäfts. Das bedeutet nicht, dass die Designer bedeutungslos sind, schließlich liefern sie die Zutaten für all diese Produktionen. Das gerät aber in Vergessenheit, denn die Hoheit über die finalen Bilder liegt bei den Fotografen und den Stylisten. Es ist ja schön und gut, dass sie ein gutes Auge haben. Aber ohne unsere Zutaten wären sie nichts. In dem Kontext finde ich es wichtig, den Designern wieder mehr Macht zu geben. Wir sind schließlich diejenigen, die die Mode überhaupt erst kreieren.

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