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Designer Christophe Delcour : Eigenhändig zum Erfolg

  • -Aktualisiert am

Ein Talent fürs Zeichnen: Delcourts Möbel entstehen auf Papier. Bild: Christophe Delcourt/Minotti

Christophe Delcourt wollte Schauspieler werden. Aber er stellte fest, dass er lieber an den Bühnenbildern arbeitete. Der Franzose fing neu an – und ist heute einer der erfolgreichsten Designer seiner Generation.

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          Fragt man einen Künstler oder Designer, wie er zu dem wurde, was er ist, also wie sich sein Auge ausgebildet und sein Geschmack entwickelt hat, bekommt man meist eine der zwei folgenden Antworten: „Es lag in der Familie. Alles um mich herum war schön, und so kam ich ganz natürlich dazu.“ Oder aber: „Alles um mich herum war hässlich, die Suche nach Schönheit war mein Mittel zur Flucht.“

          Für Christophe Delcourt, einen der erfolgreichsten französischen Möbeldesigner seiner Generation, entspricht eher Letzteres der Wahrheit: „Meine Eltern waren richtige Achtundsechziger. Sie lehnten alles ab, was der Generation vor ihnen wichtig gewesen war, unter anderem den guten Geschmack. Dementsprechend scheußlich sah es bei uns zu Hause aus: Nichts passte zusammen, nichts hatte eine interessante Form oder ein schönes Material. Es war furchtbar, aber es war ihnen egal.“

          Es ist ein kalter, sonniger Januarmorgen in Paris. Der 54 Jahre alte Designer sitzt in einem beigefarbenen Kaschmirpullover zu Jeans an einem Eichenholztisch im hinteren Teil seines lichtdurchfluteten Ateliers, neben ihm sein Lebensgefährte und Arbeitskollege, der Möbelverleger Jérome Aumont. Im Ausstellungsraum lässt sich gerade ein belgisches Paar einen Stuhl erklären, eine Trennwand weiter sitzt Delcourts Team an Entwürfen für die nächste Kollektion. Der Designer lacht über seine Erinnerung: „Wissen Sie, als Kind war mir die Hässlichkeit unserer Wohnung so zuwider, dass ich regelmäßig alle Möbel mit Bettlaken überzog.“ Eines nach dem anderen, bis alles unter einer weißen Stofflandschaft verschwand.

          Autodidakt: Christophe Delcourt kam als Quereinsteiger zum Beruf des Designers.
          Autodidakt: Christophe Delcourt kam als Quereinsteiger zum Beruf des Designers. : Bild: Francis Amiand

          Mit Umwegen ans Ziel

          Läuft man heute durch seinen Showroom, der in einer ehemaligen Klavierwerkstatt in einem idyllischen Hinterhof des siebten Arrondissements liegt, dann ist zwar nichts unter Laken verborgen, pas du tout, jedes seiner in Hellgrau-, Weiß- und Holztönen gehaltenen Möbel und Objekte folgt klaren Linien und Volumen, jedes hat seine eigene unaufgeregte Präsenz im Raum. Allerdings findet man trotzdem etwas von dem Esprit wieder, den Delcourt wahrscheinlich schon als Kind suchte und seinen Kunden heute vermitteln will: den Eindruck von Stille, visueller Ruhe und ästhetischer Harmonie.

          „Wenn die Leute von der hektischen Pariser Straße hier hereinkommen, wirken sie oft, als würde eine Last, die Anspannung von ihnen abfallen. Das gefällt mir.“ Hätte er sich, so gesehen, nicht viel früher denken können, dass seine wahre Berufung das Möbeldesign und die Innenarchitektur sind? Sein Lebensgefährte schmunzelt. Doch, natürlich, sagt Delcourt, aber manchmal bedarf es eben des einen oder anderen Umwegs, um ans Ziel zu gelangen.

          Klare Linien und Formen: Sofa Daniels (Minotti) als Zeichnung
          Klare Linien und Formen: Sofa Daniels (Minotti) als Zeichnung : Bild: Christophe Delcourt/Minotti

          Bei ihm waren es zwei: ein Studium der Landwirtschaft und eine Schauspielausbildung am berühmten Pariser Cours Florent. Er habe wirklich Schauspieler werden wollen, „aber ich war nicht gut genug“. Vielleicht. Vielleicht spürte er aber auch einfach, dass es ihn woanders hinzog. Immerhin stellte er noch während seiner Ausbildung fest, dass ihm das Gestalten einer Bühne fast mehr Spaß machte, als darauf Alfred de Musset oder Shakespeare zu deklamieren: „Wir hatten Seminare, in denen wir ein gesamtes Stück von vorn bis hinten inszenieren und das dazu passende Bühnenbild kreieren sollten. Für mich war das eine wahre Entdeckung. Mir wurde auf einmal bewusst, wie die Gestaltung eines Raums eine Geschichte und eine Atmosphäre beeinflussen kann, was Licht ausmacht, wie man es lenkt, wie man Objekte und Körper richtig in Szene setzt. Es war wunderbar, ich liebte es.“

          Lädt zum Verweilen ein: Sofa Daniels als fertiges Produkt.
          Lädt zum Verweilen ein: Sofa Daniels als fertiges Produkt. : Bild: Christophe Delcourt/Minotti

          Mit diesem Bewusstsein im Kopf und einer weder gescheiterten noch jemals ernsthaft begonnenen Schauspielkarriere in der Tasche, stolperte er mit knapp 30 Jahren in das Atelier eines Tischlers und eines Kunstschmieds.

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