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Origami für die Industrie : Alles beim Falten

  • -Aktualisiert am

Leitglosse vor dem Abheben: Der Kranich aus Zeitungspapier ist nicht nur Spielerei. Das Falten soll zu Anwendungen führen, etwa in der Medizintechnik. Bild: Rainer Wohlfahrt

Airbag, Teebeutel, Blutgefäßstützen oder Sonnensegel für den Weltraum: Wenn Kristina Wißling etwas zerknittert, dann ist das Origami für die Industrie.

          Frauen können sich stundenlang über Falten unterhalten. Mit Kristina Wißling könnte man sogar tagelang über Berg-, Tal- und Quetschfalten reden. Die Frau aus Lennestadt wirkt nicht einmal zerknittert dabei. Schließlich redet sie am liebsten über Faltlösungen, nicht fürs Gesicht, aber für die Medizin-, Auto- oder Weltraumbranche: Die Designerin hat sich auf Origami für die Industrie spezialisiert.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bei der traditionellen japanischen Faltkunst geht es darum, aus quadratischem Papier ohne Schere oder Kleber zwei- oder dreidimensionale Objekte zu falten. „Genau dieses Konzept ist auch für die Industrie interessant“, sagt Wißling. „Effizienz bei Material, Zeit und Produktion wird immer wichtiger. Durch Falttechnologie lassen sich komplexe Bauteile aus einem Stück fertigen, ohne Kleben, Nieten, Schweißen.“ Überall im Alltag habe man mit Faltungen zu tun – ob es die Zeitung, der Teebeutel, der Regenschirm oder das Cabrioverdeck sind. „Meistens nehmen wir sie nur nicht als solche wahr.“

          Die Welt durch Falten optimieren

          Origami ist schon Jahrhunderte alt – der Industrie in Deutschland werden aber erst langsam die Vorteile der Faltkunst bewusst. „In den Vereinigten Staaten, Japan oder China sieht das anders aus. Dort ist Origami ein fester Bestandteil der Ingenieurwissenschaften. Es gibt eigene Studien- und Ausbildungsgänge.“

          Kristina Wißling faltet aus Leidenschaft.

          Richtiges Knicken und Falten ist nicht einfach nur ein bisschen Basteln. „Hinter industriellen Produkten steckt viel Planung und Konzeption am Computer“, sagt die Zweiunddreißigjährige. Wichtig ist nämlich nicht nur das richtige und fehlerfreie Falten, sondern bei vielen Objekten auch das Entfalten. Das gilt etwa für Gefäßstützen, die Stents, die sich nach dem Einsetzen in den Blutgefäßen ausbreiten. Oder für Sonnensegel und Antennen, die beim Transport in der Raumkapsel möglichst klein sein, sich im Weltall dann aber schnell und korrekt entfalten sollen. Auch der Auto-Airbag ist ein klassisches Beispiel für Origami im Alltag, so wie Landkarten oder Stadtpläne.

          Doch Wißling will nicht nur vorhandene Faltprodukte optimieren, sondern neue Gebiete entdecken, in denen die richtigen Falten eine Lösung sein können. Unter anderem hat sie ein faltbares Teeservice aus Porzellanfolie entworfen. In kleinen Küchen lässt sich so mächtig Platz sparen – in flachem Zustand kann man die Tasse stapelweiseim Schrank aufbewahren, zum Trinken in Form bringen. Daneben bietet die minimalinvasive Medizin aus Wißlings Sicht einen großen Markt für Faltungen. So wird klein gefaltetes chirurgisches Werkzeug immer wichtiger, denn der Trend geht zu einer Verringerung des Operationsrisikos durch immer kleinere Hautschnitte.

          Sie gestaltete auch dieses Teeservice aus Porzellanfolie.

          Jeder Origami-Figur liegt ein konstruierter Faltplan zugrunde. Darunter verstehen Fachleute ein Quadrat voller Striche und Punkte. Laien können darauf nichts erkennen. „Aber für Origami-Falter ist es das Kommunikationsmittel“, sagt Wißling. „Es ist wie eine Fremdsprache, die man mühsam erlernen muss.“ Da Literatur über komplexe Origami-Faltungen in deutscher Sprache rar ist, hat Kristina Wißling sich anhand japanischer Bücher das Falten beigebracht. „Ich habe zwar die Sprache nicht verstanden, aber gelernt, mich in die Zeichnungen von Faltplänen einzulesen.“ Beim Falten müsse man sehr konzentriert sein, erzählt die Unternehmerin. „Denn wenn man bei großen Faltungen nach acht Stunden Arbeit merkt, dass man vor zwei Stunden etwas falsch gemacht hat, ist das wahnsinnig ärgerlich.“

          „Origami ist vor allem Mathematik“

          Nicht nur die Industrie interessiert sich immer mehr für Origami-Faltungen. Auch Schulen entdecken das Potential der japanischen Kunst. „Ich habe schon einige Lehrer und Professoren kennengelernt, die Origami im Geometrieunterricht verwenden. Origami ist nämlich nicht nur Kunst, sondern vor allem auch Mathematik“, sagt Wißling, die schon im Kindergartenalter alles klein gefaltet hat, was ihr in die Hände kam – Fahrkarten, Kassenbons, Bonbonpapiere. Israelische Schulen sind den deutschen um einiges voraus. Dort ist „Origamitria“ ein Unterrichtsfach. „10 000 Kinder lernen wöchentlich Origami an 40 israelischen Schulen, gefördert vom Ministerium für Bildung.“ Anhand der Faltungen wird geometrisches Wissen vermittelt, werden aber auch Konzentration, Geschicklichkeit und motorische Fähigkeiten ausgebildet.

          Origami, ein Zukunftsmarkt? Wenn Kristina Wißling erzählt, welche Faltlösungen für Verpackungen ihr allein bei einem Supermarktbesuch einfallen, kann man das wahrhaftig glauben. Woran sie genau arbeitet, will sie nicht verraten. Grenzen würden ihr nur durch nicht faltbares Material gesetzt.

          Ein dankbares Objekt für Origami-Falter wäre auch der Medizinbeipackzettel. Er passt nämlich nach dem Herausnehmen nie wieder so in die Verpackung wie vorher. Übrigens helfen der studierten Kommunikationsdesignerin die Falten auch im Alltag. Sie weiß, wie man viele Kleider in den Koffer bekommt. „Dank der Faltkunst kann ich platzsparend packen.“

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