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New York Fashion Week : Nicht so simpel gestrickt

Derek Lam: Lochmuster geben der Kollektion die Strenge, die Stoffe und Farben ihr nehmen Bild: Helmut Fricke

Die Schau sei „pretty interesting“ gewesen, schreibt Cathy Horyn, eine der wichtigsten Modekritikerinnen. Gaga, hilf! Die New Yorker Mode ist inzwischen so gut, dass man sie endlich richtig kritisieren kann.

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          Endlich kommt einmal das Streiten in Mode. Und diese Auseinandersetzung zwischen einem Star und einer Schreiberin hat das Zeug zu einem intellektuellen Schlagabtausch, wie man ihn seit dem Positivismusstreit in der deutschen Soziologie oder dem Ballack-Streit im Deutschen Fußball-Bund nicht mehr erlebt hat. Die Hauptfiguren: Lady Gaga, der modisch innovativste Star der Welt, und Cathy Horyn, eine der wichtigsten Modekritikerinnen. Das Thema: Stil.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          In jedem Wortsinn. Hat es also Stil, wenn man über Stil urteilt? Oder ist es vielmehr stilvoll, alles stilvoll zu finden? Was soll man über eine Kollektion der „Mercedes-Benz Fashion Week“ in New York schreiben, die flach ist oder gar geschmacklos? Soll man sich über sie mokieren, sie „flach“ nennen, womöglich „gedankenlos“ oder gar „daneben“? Oder soll man sie trotzdem toll finden, weil der Designer doch Unterstützung braucht, weil die ganze Szene so cool ist, oder gar: Weil man seine Anzeigen im nächsten Modeheft braucht oder sich von dem Modehaus zur Modewoche hat einladen lassen?

          Es fällt schwer, zu Lady Gaga Nein zu sagen. Aber ihre Invektiven gegen die Kritikerin von der „New York Times“ auf der Website des Magazins „V“ sind so naiv wie Ballacks subkutane Bitten um Beachtung. Gaga fragt: „Wird die Lauterkeit des Kritikers nicht gefährdet, wenn die Artikel dauernd von Negativem geprägt sind? Müsste man nicht einen moderneren und progressiveren Ansatz finden?“ Leider kann die Popsängerin kaum kaschieren, dass sie auf Cathy Horyns Verriss ihres Versace-Outfits vom Juni noch immer wütend ist. Außerdem müsste gerade sie, ein erkenntnistheoretisch und ästhetisch geschulter Marc-Jacobs-Fan, eigentlich wissen, dass Fortschritt Kritik braucht.

          Alexander Wang: Die am Pier 94 gezeigte Kollektion vereinigt Sportswear, Motorradkluft und Couture in mehreren Dimensionen
          Alexander Wang: Die am Pier 94 gezeigte Kollektion vereinigt Sportswear, Motorradkluft und Couture in mehreren Dimensionen : Bild: Helmut Fricke

          Alexander Wangs „fashion moment“

          Und dann wieder hat sie doch recht. Man muss nur am Wochenende an Pier 93 gewesen sein, in der alten Lagerhalle am Hudson, in der Alexander Wang seine Entwürfe für Frühjahr und Sommer 2012 präsentierte. Es ist eine Kollektion, wie sie selten zu sehen ist. In der gerade beginnenden Saison wird man solch einen „fashion moment“ vielleicht noch bei Marc Jacobs, Miuccia Prada oder Raf Simons erleben. Die rasante Fahrt geht durch Sportswear, die modisch ist, durch geometrische Cut-out-Muster, die floral gebrochen sind, durch Technomaterialien und Motorradlederjacken, die mit Couture-Stoffen aufgewertet werden. Was man da eigentlich gerade gesehen hat? Alexander Wang, langes Haar, junger Star, lacht hell: „Es sollte vor allem futuristisch sein, aber eben auch romantisch und weiblich.“ Und was schreibt Cathy Horyn am nächsten Tag, geradezu vernichtend? Die Schau sei „pretty interesting“ gewesen. Gaga, hilf!

          Ein Fehlurteil macht noch keinen Herbst. Die Idee einer pariserisch vertrackten Mode, eines schwer entzifferbaren Programms, einer vielseitigen Vielschichtigkeit – sie immunisiert aber eine ganze Generation asiatisch-amerikanischer Modemacher gegen Cathy Horyns Simplizitätsvorwurf. Bei anderen Modemachern wiederum könnte man auch in die negative Weltsicht der „New York Times“ fallen. Tommy Hilfiger macht einfach da weiter, wo er aufgehört hat. Costello Tagliapietri entwerfen schön drapierte Kleider, die aber Variantenreichtum vermissen lassen. Zac Posen nähert sich gefährlich der gepflegten Langeweile eines Oscar de la Renta. Marken wie Luca Luca erfüllen das allzu amerikanische Klischee, einfach schöne und schön einfache Kleider zu machen. DKNY: belanglos.

          Die neue Modewelt der „Asian-Americans“

          Die „Asian-Americans“ dagegen erschaffen, obwohl sie oft aus extrem kundenbezogenen Textildynastien stammen, eine ganz neue Welt der Mode. Die Entwürfe von Thakoon Panichgul, Richard Chai, Phillip Lim, Prabal Gurung, Alexander Wang und Derek Lam sind anspielungsreich, aber nicht überfrachtet, glamourös, aber nicht übermenschlich, trendig, aber nicht untragbar. Michelle Obama, mindestens ebenso begeistert von der New Yorker Szene wie Lady Gaga, hat sie aus all diesen Gründen zu ihren Haus- und Hofschneidern gemacht.

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