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Möbelhersteller Classicon : Holy Good

Oliver Holy ist seit 2003 Geschäftsführer des Möbelproduzenten Classicon GmbH Bild: Andreas Müller

Classicon ist ein junger Möbelhersteller, der klassische wie zeitgenössische Entwürfe produziert. Hinter dem Erfolg steckt ein Mann, der einer bekannten Familie entstammt. Seine Karriere begann er auf Umwegen.

          Vor zwei Jahren brach sich Oliver Holy beim Skilaufen den Arm – nicht einmal, sondern gleich zwölfmal. Wochenlang war Holy in seinem Bewegungsdrang beeinträchtigt: Ohne zwei heile Arme kann er seinen Rollstuhl nur mühsam fortbewegen. Holy aber gibt nur selten auf. Obwohl sein Arm noch immer von einer langen Metallplatte zusammengehalten wird, zieht es ihn in diesem Winter schon wieder mit seiner Ski-Spezialanfertigung auf die Piste. „Ohne die Berge kann ich einfach nicht“, sagt der Schwabe, der in Metzingen, der Stadt seiner Vorväter, aufgewachsen ist, doch längst in München wohnt – schon allein wegen der Nähe zu den geliebten Alpen. Dabei sollte man meinen, er hätte allen Grund, sie zu verfluchen. In den Bergen, auf einer Skipiste, war Holy als Achtjähriger so schwer verunglückt, dass er seither in einem Rollstuhl sitzen muss.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wenn sich Oliver Holy etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt er sich nur schwer davon abbringen. Mehrere Jahre lang hatte der Classicon-Chef die Kölner Möbelmesse gemieden und stattdessen in der Designpost, nur wenige Schritte vom Messegelände entfernt, seine Neuheiten ausgestellt. In dem knapp 100 Jahre alten Postgebäude, das aus drei wunderschönen, vom Tageslicht durchfluteten Gelenkbogenhallen besteht, sind eine Reihe hochklassiger Hersteller aus dem In- und Ausland das ganze Jahr vertreten. Noch im Januar 2009 präsentierte der Münchner während der Möbelmesse mit großem Erfolg seine Produkte in der Designpost, unter anderem den Sessel „Mole“ des Brasilianers Sergio Rodrigues. Dann plötzlich der Sinneswandel. Zur Überraschung vieler seiner Kollegen entschied sich Holy, in diesem Jahr als Aussteller auf die Messe zurückzukehren. Ein mutiger Schritt, denn innerhalb nur eines Jahrzehnts hat die Kölner Möbelmesse viel von ihrer einstigen Größe und Bedeutung eingebüßt. Vor allem die qualitätvollen Hersteller bleiben im nasskalten Januar Köln fern und zeigen ihre Ware lieber drei Monate später im oft schon angenehm warmen Mailänder Frühling auf dem „Salone Internazionale del Mobile“.

          Er interessiert sich nicht für Mode

          Holy indes wollte ein Zeichen setzen: „Wenn die Messe wegbricht, ist Köln tot.“ Dass er zugleich von der Messeleitung mit verbilligten 99 Quadratmetern geködert wurde, sich der Auftritt für den Geschäftsmann so auch finanziell besonders lohnt, ist kein Geheimnis. Seine Entscheidung beeinflusst habe das aber letztlich nicht.

          Er präsentiert auf der Messe in Köln Entwürfe des Brasilianers Rodrigues: der Sessel „Mole” aus dem Jahr 1961

          Seit bald zehn Jahren verantwortet Oliver Holy den Möbelhersteller Classicon. Dass er nicht in die Fußstapfen seines Vaters Jochen Holy treten und das Erbe seines Urgroßvaters Hugo Boss mitübernehmen würde, stand schon früh fest. „Ich wollte kein riesiges Unternehmen führen, in dem der Chef so gut wie nichts über die Sorgen und Nöte seiner Angestellten weiß.“ Zudem interessiert sich Oliver Holy nicht für Mode, sondern für Möbel. Design aber mochte er dann doch nicht studieren, auch wenn er sich nach dem Abitur zunächst einige der besten Designhochschulen ansah. „Ich merkte, dass ich die Welt des Designs von der Herstellerseite beeinflussen wollte.“ Holy begann ein Jurastudium – und brach es kurz vor dem Examen ab. Denn sein Vater ermöglichte es ihm, ohne Abschluss als Mitgeschäftsführer bei einem Möbelhersteller einzusteigen.

          Im Zweifel würde der Vater es schon richten

          Stephan Fischer von Poturzyn hatte als ehemaliges Vorstandsmitglied der traditionsreichen Vereinigten Werkstätten in München im Jahr 1990 die Firma Classicon (Classic Contemporary Design) gegründet. In seinen Besitz gingen auch wertvolle Lizenzen berühmter Klassiker der Werkstätten über, darunter vor allem Entwürfe von Eileen Gray. Zugleich holte er vielversprechende zeitgenössische Designer ins Unternehmen, unter ihnen den jungen Konstantin Grcic. Als sich Fischer von Poturzyn dann aus seiner Firma zurückziehen wollte, kaufte Vater Holy seinem Sohn vor zehn Jahren Classicon.

          Der neue künftige Chef begann im Lager und arbeitete sich von dort durch alle Abteilungen. Trotzdem hing dem Filius lange der unkonventionelle Seiteneinstieg nach. Mit dem familiären und vor allem auch finanziellen Background könne er sich doch einfach alles leisten und so viel falsch machen wie er wolle, hielten ihm Kritiker vor. Im Zweifel würde der Vater es schon richten. Doch Geld allein führt nicht automatisch zum Erfolg. Und Erfolge kann der Sechsunddreißigjährige vorweisen – ohne die Hilfe seiner Familie in Anspruch zu nehmen. Sie hält sich schon lange aus den Geschäften ihres Sohns heraus.

          Ausgewogen hat er die Produktlinien erweitert

          So hat Oliver Holy in den vergangenen zehn Jahren sehr viel richtig gemacht. Gut eingeführt war der Name Classicon, Holy musste ihm nur gerecht werden. Ausgewogen hat er die Produktlinien erweitert – die Klassiker genauso wie Contempora. Die Wiederentdeckung des Brasilianers Rodrigues und Neueinführung einiger seiner schönsten Arbeiten während der vergangenen Möbelmesse in Köln zum Beispiel war ein Coup. Doch auch die zeitgenössischen Classicon-Aufträge (etwa an Clemens Weisshaar, Christoph Böninger oder die Engländer Barber Osgerby) haben sich zu Verkaufsschlagern entwickelt.

          In dieser Woche präsentiert Oliver Holy auf der Messe in Köln nicht nur weitere Entwürfe des 1927 in Rio de Janeiro geborenen Rodrigues (unter anderem seinen „Mole“ in weißem Leder, dazu die schlichte Holzbank „Mucki“ und den Barhocker „Nine“). Classicon zeigt auch den eleganten „Munich Lounge Chair“ der Berliner Architekten Sauerbruch Hutton. Der Stuhl wurde eigens für das 2009 eröffnete Museum Brandhorst in München entworfen. Ob ihm damit ein weiterer großer Streich gelungen ist, lässt sich noch nicht sagen. Der Zuspruch am Classicon-Stand in Halle elf ist zwar groß, und über Holys Neuheiten wird auch viel berichtet. Doch das liegt daran, dass in Köln sonst eben nur wenig gutes Neues zu finden ist. Auch damit hat der Geschäftsmann Holy natürlich gerechnet.

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