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Modewoche in Frankreich : Paris macht sich schön

Der langjährige Mitarbeiter von Galliano, Bill Gaytten, zeigte vorrangig klassische Entwürfe Bild: Helmut Fricke

Viele Marken haben neue Designer geholt. Doch eine Frage bleibt vor der Pariser Modewoche: Wer wird Nachfolger von John Galliano als Design-Chef bei Dior?

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          Kaum sind vor der Schau Saftgläser auf dem Laufsteg zerbrochen, kommt eine Besenkolonne herbei und fegt die Splitter weg. Kaum ist die Besenkolonne verschwunden, rückt die Putzkolonne an. Eine Frau spritzt Reinigungsmittel auf die Flecken, vier Männer wischen alles weg, und zwei Fotografen bitten die junge Frau in Schwarz, noch mal zu sprühen - damit sie die Szene noch mal fotografieren können. Bei diesen Berichterstattern sticht die Dame der Putzkolonne alle Models aus, die nur Minuten später vorbeidefilieren.

          Und die beiden Fotografen haben sogar recht. Kaum besser als mit solchen Bildern ließe sich verdeutlichen, mit welcher Genauigkeit das Modehaus Lanvin und viele weitere Marken in Paris an den Präsentationen ihrer Kollektionen für Frühjahr und Sommer 2012 arbeiten. Kein Fleck soll auf den Bildern zu sehen sein, die den Ruhm des Lanvin-Chefdesigners Alber Elbaz und seiner wunderschönen Kollektion aus zurückgenommener schwarz-weißer Tagesgarderobe und herrlich plissierter, drapierter und kolorierter Cocktail- und Abendmode beschmutzen könnten.

          Ein ganzer Schwung neuer Köpfe

          Ganz Paris macht sich schön. Mit mehr als 100 Schauen und noch mehr Präsentationen beglückt das Prêt-à-porter seit vergangenem Mittwoch neun Tage lang die Stadt und den Erdkreis. Die Marken sind nach fast zwei Jahren wunderbaren Wachstums in guter Stimmung. Aber die konzertierte Putzaktion zeigt auch, dass hinter den Bühnenvorhängen Nervosität herrscht. Schon gehen die Aktien von Luxushäusern bergab, weiter drohen die Ungewissheiten in der krisengeschüttelten Europäischen Union - und noch immer ringen manche Marken um ihre Zukunft.

          Die Abendkleider aus Organza, Seide und Spitze wirken mit Plissees und Flattervolants jedoch etwas altbacken

          Es ist fast schon verdächtig, wie viele Modehäuser neue Designer geholt haben. Olivier Rousteing debütiert bei Balmain, nachdem Christoph Decarnin mit Depressionen aufgegeben hat. Issey Miyake hat wieder einen neuen Nachfolger, dieses Mal Yoshiyuki Miyamae. Paco Rabanne setzt große Hoffnungen auf den indischen Designerstar Manish Arora, der am Dienstag zeigt, was er kann. Und am Freitag gab Sonia Rykiel bekannt, dass die schottische Designerin April Crichton, schon seit zwei Jahrzehnten im Haus, Kreativchefin der Hauptlinie wird.

          Das große Rätselraten um den Nachfolger

          Und was wird aus Dior? Anfang März wurde Chefdesigner John Galliano (“I love Hitler“) entlassen. Seitdem ist Bill Gaytten am Zug, der 23 Jahre lang mit Galliano zusammenarbeitete. Und seitdem wird nicht zur Freude von Gaytten wild spekuliert, wer nun wirklich Design-Chef werden könnte. In abnehmender Wahrscheinlichkeit: Marc Jacobs, Haider Ackermann, Riccardo Tisci, Alexander Wang. Oder doch Ersatzmann Gaytten?

          Tradition: Bill Gaytten nutzte bei seinen Entwürfen das klassische Diro-Rot und den A-Linien-Schnitt

          Seine Kollektion vom Freitag kann sich sehen lassen. Er interpretiert das Haus Dior nach den Regeln des Hauses Dior - und das sieht zuweilen schmeichelnder und jedenfalls tragbarer aus als die ewige Galliano-Extravaganz. Das starke Dior-Rot, die typische A-Linie, die verkürzten Kimonoärmel: Musste er dafür noch mal in die Archive steigen? „Nein“, sagt Gaytten nach der Schau lachend und tippt sich an die Stirn: „Das habe ich alles hier.“ Die Abendkleider aus Organza, Seide und Spitze wirken mit Plissees und Flattervolants altbacken. Die schönste Idee sind die aufgenähten kleinen Kacheln aus Schildpatt und Galalith auf dem feinen Leder und die Glasmosaike auf dem leichten Organza. Die Hüte sind aus feinem Handschuhleder.

          Mit geraden Schnitten sind die Kreationen von Designer Bill Gaytten tragbarer als die seines Vorgängers John Galliano

          Auch die prominenten Kundinnen sind angetan. Schauspielerin Marisa Berenson findet alles „leicht und weiblich“. It-Girl Olivia Palermo sieht sich weiter als „großen Fan“. Und als noch erfinderischerer Sprücheklopfer entpuppt sich Dior-Chef Sidney Toledano. Auf die Frage, wer denn nun Chefdesigner werde, sagt er: „Die Leute, die etwas wissen, reden nicht. Und die, die reden, wissen nichts.“ Er weiß es also. Karl Lagerfeld, den wir später treffen, weiß es vielleicht auch. Er tippt weiterhin auf Marc Jacobs, auch wenn der angeblich zehn Millionen Dollar pro Jahr verlangt. Und wenn Kaiser Karl das sagt, in dessen Reich die Wonne nicht untergeht, dann hat Dior gar keine Wahl mehr.

          Klassische Eleganz: Eine Kreation in Nude-Tönen aus dem Hause Dior

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