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Mailänder Möbelmesse : Bella figura auf Deutsch

Stuhl „Pressed Chair” von Harry Thaler für Nils Holger Moormann Bild: Nils Holger Moormann

Die Möbelmesse in Mailand feiert ihren 50. Geburtstag. Designer und Hersteller aus der ganzen Welt sind vertreten - besonders viele kommen dieses Mal aus Deutschland.

          Hartnäckigkeit alleine setzt sich nicht durch. Zum dritten Mal hintereinander zeigt Sebastian Herkner nun schon auf der Nachwuchsschau der Mailänder Möbelmesse, dem „Salone Satellite“, Möbel. Allerdings ist er hier, in Halle 22 auf dem Gelände der Messe in Rho vor den Toren der lombardischen Metropole, nur einer von 700 Designern aus 33 Nationen, denen die Chance geboten wird, sich und ihre Entwürfe auf der ganz großen Bühne zu präsentieren. Da geht man schnell unter und wird im Vorbeischlendern leicht übersehen. Nicht so der Dreißigjährige aus Offenbach: Er hat sich schon einen Namen erarbeitet. Und er hat, im Gegensatz zu den meisten anderen Talenten um ihn herum, sogar ein Produkt vorzuweisen, das bereits in Serie hergestellt wird – seinen „Clip Chair“.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der schlichte Stuhl aus hellem Eschenholz hat das niederländische Unternehmen De Vorm überzeugt, und es hat ihn in sein Programm aufgenommen. Nun steht der Stuhl gleich vorne rechts auf dem 16-Quadratmeter-Stand, den sich Herkner in diesem Jahr mit zwei ehemaligen Kommilitonen, Reinhard Dienes und Kai Linke, von der Hochschule für Gestaltung in Offenbach teilt. Den beiden verlängerten Hinterbeinen seines Möbels hat Herkner zwei PVC-Kappen aufgesetzt, an denen die Rückenlehne mittels Noppen befestigt ist – fast wie bei Druckknöpfen. Daneben stehen einfache Metallkörbe, schlicht „Bask“ genannt“, das Flechtwerke ist aus reißfesten Papierfäden. Das Material habe er auf einer Spanienreise entdeckt. „Das hat mich so fasziniert, dass ich unbedingt etwas daraus machen wollte.“ Sebastian Herkner greift bei seiner Arbeit gerne auf altes Handwerk zurück und lässt es in seine Entwürfe einfließen. Auch dafür hat er den mit 8000 Euro dotierten Nachwuchs-Designpreis der Bundesrepublik Deutschland bekommen, der vom Bundeswirtschaftsminister gestiftet und dem Rat für Formgebung mit Sitz in Frankfurt vergeben wird.

          Dabei ist der Deutsche eigentlich kein Nachwuchs mehr – und schon lange nicht mehr Student. Inzwischen hat er sogar schon einen Lehrauftrag an seiner alten Hochschule im Fachbereich Produktgestaltung. Doch aller Anfang ist eben schwer, und so bemüht sich Herkner noch einmal in der Talentecke der Mailänder Messe, in der Hoffnung, weitere Kontakte zu möglichen Produzenten knüpfen zu können. Immerhin zahlen die drei Deutschen für den Stand an die Messe 3000 Euro, hinzu kommen noch die Kosten für die Entwicklung der Prototypen und die Standgestaltung sowie die Reise nach und die Unterkunft in Mailand. „Das sind locker noch ein paar tausend Euro mehr“, sagt Herkner. Der Aufwand aber lohne sich, genauso wie eine Teilnahme am „Satellite“.

          Sessel „Avus Lounge Chair” von Konstantin Grcic für Plank

          Herkner wäre nicht der erste Deutsche, der sich über das Mailänder Sprungbrett in der internationalen Designszene etablierte. Stefan Diez zum Beispiel wurde 2002 ebenfalls auf der Talentschau der Mailänder Messe erst so richtig entdeckt. Inzwischen zählt er zur Ersten Liga seiner Zunft. Gleich mehrere Projekte zeigt der Münchner während der Messe – darunter seinen immer und immer wieder verbesserten Stuhl „Chassis“, an dem er fünf Jahre tüftelte, bevor er nun endlich am Mittwoch Weltpremiere feiern konnte.

          Inspirieren ließ sich Diez von bisher im Möbeldesign noch wenig eingesetzten Techniken aus der Automobilbranche, dem Karosseriebau. So erklärt sich auch der Name des Entwurfs. Dabei wird Stahlblech durch ein spezielles Verfahren in einem Stück zu einem dreidimensionalen, hochfesten und dennoch leicht elastischen Sitz- und Rückenrahmen verformt, der nur einen Millimeter Materialstärke hat. Darauf kommt eine kaum dickere Sitzschale, die aus erhitztem und so verfestigtem Hanf besteht und anschließend zum Beispiel mit Leder bezogen wird. Der Sitz gibt leicht federnd nach und passt sich angenehm der menschlichen Form an. Der unbegrenzt stapelbare Stuhl wiegt 2600 Gramm. Hergestellt wird der Stuhl von Wilkhahn, einem Möbelunternehmen aus Bad Münder, das allerdings nicht zu den offiziellen Ausstellern der Messe zählt, weil die Firma diese Neuheit lieber in der Stadt präsentiert oder womöglich schlicht keinen Platz auf dem Messegelände bekam.

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