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Internationale Lichtkunst Ruhr 2010 : Kunst und Voyeurismus

  • -Aktualisiert am

Das Zimmer der 9 Jahre alten Michelle Giering als Ausstellungsort:eine Besucherin betrachtet eine Lichtinstallation von Sylvie Fleury Bild: Daniel Pilar

Sechzig Privatpersonen aus dem Ruhrgebiet haben ihre Wohnungen für das Projekt „Open light in private spaces“ zur Verfügung gestellt. Der Star der verstreuten Ausstellung ist 82 Jahre alt.

          3 Min.

          Alles ist schwarz. Als Gisela Schmidt aus Bergkamen im Kreis Unna ihre Kellertür öffnet, sehen die Besucher zunächst einmal: nichts. Kein Kunstwerk. Keine Lichtinstallation. Gar nichts. Das ist überraschend, denn Gisela Schmidt ist eine von 60 Privatpersonen aus dem Ruhrgebiet, die ihre Wohnungen zur Verfügung stellen, um Lichtkunstwerke auszustellen. „Open light in private spaces“ nennt sich die Verquickung von öffentlicher Kunst und privatem Raum, die Teil der ersten Biennale für Internationale Lichtkunst Ruhr 2010 ist. Zwei Monate lang können Interessierte zwischen 10 Uhr und 18 Uhr die einzelnen Kunstwerke besichtigen – oder schlicht die Wohnungen der Aussteller.

          Die Besucher und die Aussteller sind sich einig. Sie sprechen nur in den höchsten Tönen von der 82 Jahre alten Rentnerin: „Frau Schmidt ist unser Star.“ Doch bei Frau Schmidt ist es, wie gesagt, zunächst einmal stockdunkel. „Keine Sorge, es geht gleich los. Ich knipse das Kunstwerk gleich an“, sagt sie. Seit nunmehr 65 Jahren lebt sie im Ruhrgebiet. Doch ihr Wiener Schmäh schimmert noch immer in jedem ihrer Sätze durch.

          Die 1928 in Wien geborene Dame trägt einen rosafarbenen Wollpullover mit roten und violetten Rosen. Ihre kurzen grauen Haare hängen ihr in die Stirn. Sie geht voran. Leicht gebückt zwar, aber trotz der Finsternis steigt sie zügig die Treppe in den Kellner hinab.

          Lichtkunstausstellung im Hauswirtschaftsraum: Die 82-jährige Giesela Schmidt ist der Star der öffentlichen Kunst in privaten Räumen
          Lichtkunstausstellung im Hauswirtschaftsraum: Die 82-jährige Giesela Schmidt ist der Star der öffentlichen Kunst in privaten Räumen : Bild: Daniel Pilar

          Gemeinsam durch das zerstörte Deutschland geirrt

          Mit Dunkelheit kennt sich Frau Schmidt bestens aus. „Als ich nach Deutschland kam, war hier im Ruhrgebiet auch alles dunkel“, erinnert sie sich. Das war 1945. Es war kurz vor Kriegsende, als die damals 17 Jahre junge Frau ihren zukünftigen Ehemann kennenlernte. Er war Deutscher, deshalb musste das frisch verliebte Paar raus aus Österreich. „Die Österreicher waren damals ja nicht gerade froh über die Anwesenheit der Deutschen“, erinnert sie sich. „Mit dem Lastwagen wurde wir über die Grenze geschafft.“

          Gemeinsam irrten sie durch das zerstörte Deutschland. „Jeden Tag mussten wir woanders übernachten. Immer weiter, keine zwei Nächte konnten wir am selben Ort bleiben. Es war schlimm.“ Erst im Ruhrgebiet fand das Paar dauerhaften Unterschlupf. Zunächst noch in einem Bunker, später, als sie schwanger wurde, in einer Nissenhütte. „Es war November, als wir hier ankamen. Alles war dunkel, grau und trist.“ Die deutschen Städte waren zerstört, kein Stein stand mehr auf dem anderen. Schnell fand ihr Mann eine Anstellung, in einer Zeche im Ruhrpott. Um ein Haus zu bekommen, nahm er eine Stelle unter Tage an. Schmidt schüttelt den Kopf. „Waren sie mal dort unten? Ich war selbst mal unter Tage. Es ist schrecklich. Mal ist es ganz heiß, dann wieder furchtbar kalt. Und es ist immer stockdunkel. Wissen sie, wenn wir Frauen über unsere Männer schimpfen, dann sollten wir alle das einmal mitgemacht haben.“

          Kunstwerk zwischen Kochtöpfen

          Dann knipst sie das Kunstwerk unter Tage an: in ihrem Keller. Sechs Neonröhren tauchen den Raum in tiefrotes Licht: Geschichte – Ganzheit – Kontext – Ort – Teile – Bedeutung, alles in rot zu lesen. „Alles gewichtige Worte“, sagt Frau Schmidt. Es ist eine Lichtinstallation von Joseph Kosuth mit dem Namen „Sechs Teile, lokalisiert“. Zwischen alten Kochtöpfen, Aktenordnern, Gläsern und Vasen, unzähligen Kisten und Körben erstrahlen die sechs Worte. Frau Schmidt verschränkt die Arme vor der Brust, blickt verträumt auf das Wort Geschichte und beginnt, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

          Seit 1954 wohnt sie nun hier, zeitweise mit neun Personen unter einem Dach. „Da die einzelnen Zimmer sehr klein sind, war der Keller für uns immer sehr wichtig. Er war unser Lebensraum.“ Jeder hatte seine eigene Ecke hier unten. Links neben der Kellertreppe steht ein alter Kleiderschrank aus Holz. Er ist übersät mit zahlreichen Aufklebern. Die rechte Seite ist mit Farbe besprüht. „Das war mein jüngster Sohn. Er war ein Edel-Punk.“ Bei dieser Bezeichnung muss Frau Schmidt lachen. Gegenüber der Treppe, versteckt im Freiraum zwischen zwei Regalen, hängt an der Wand ein Schürhaken. „Den hat mein Mann gemacht. Als wir nach dem Krieg hierher gekommen sind, hat er damit im Schutt nach Sachen gesucht, die wir noch verwenden konnten. Wir hatten damals ja nichts.“

          Auf der Liste ganz vorne

          Das ist heute anders. Der Keller ist vollgepackt mit zahllosen Dingen. Ringsum sind Regale an den Wänden befestigt. Auf ihnen stapeln sich die Kisten, Kartons und Kästen aus durchsichtigem Plastik. Alles in ihrem Keller ist ordentlich verpackt. „Ich liebe Ordnung, das ist mein Naturell.“ Nur auf ihrem Schreibtisch herrsche ein fürchterliches Chaos. Dafür hat sie noch kein passendes System gefunden, das sucht sie noch.

          Zu dem Projekt „Open light in private spaces“ ist Frau Schmidt nur durch Zufall gekommen. Die städtische Kulturdezernentin habe ihr eines Abends gesagt, sie bekomme nicht die für das Projekt nötigen Personen zusammen, die ihre Wohnung für die öffentliche Kunstschau zur Verfügung stellen wollten. „Also habe ich ein wenig herumtelefoniert, und schwupps hatten wir die nötigen Leute zusammen.“

          Sie selbst wollte auf die Ersatzliste gestellt werden, „an letzter Position“. Matthias Wagner K, der Kurator der ersten Biennale für Internationale Lichtkunst, kam bei ihr vorbei und sagte, sie stehe auf der Liste, aber nicht ganz hinten, sondern ganz vorne, auf Platz 1. „Da konnte ich doch nicht absagen“, sagt Frau Schmidt erleuchtet.

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