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Hotelier Rocco Forte : Sir Service

Über zu viel Dekor kann man sich nicht beklagen: Der „English Tea Room“ im Brown’s, London. Bild: Brown’s Hotel

Rocco Forte verzichtet in seinen Hotels auf Schnörkel – im Leben und in der Erziehung seiner Kinder auch. Wirklicher Luxus bemesse sich nicht aus dem Interieur eines Hotels, sagt er.

          Ob er schon mal in der Jugendherberge war? Sir Rocco Forte wiederholt die Frage ein wenig ungläubig. Man hätte ihn vermutlich auch fragen können, ob er gerne häkelt. „Well“, sagt er dann, fasst sich mit der rechten Hand ans Kinn, überlegt, lächelt verhalten. „Well, ein schäbiges Hotel in Paris, als ich Student war, das war wohl das Nächste, das an eine Jugendherberge heranreichte.“ Und schon gerät er ins Plaudern über damals, als er mit seinem Fechtteam aus Oxford in Paris war, in diesem kleinen Zimmer unterkam und auch noch mit einem Kommilitonen das Doppelbett teilen musste. Unbedingt habe er ein eigenes Zimmer haben wollen, aber die Concierge habe nichts anderes frei gehabt, nur noch ein Zimmer, das allerdings, nun ja, Paris eben, auch noch anderweitig genutzt wurde.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das wird Sir Rocco Forte nicht oft im Leben passiert sein. Wenn man sich allein an diesem trüben Herbsttag in seinem Hotelzimmer umschaut, wird einem schier schwindelig vor lauter Behaglichkeit. Sofas in Sandtönen mit ein wenig orange in den Samtkissen, cremige und erdige Nuancen in Bildern, Vasen, Skulpturen, Teppichen, überall kleine butterweiche Fauteuils, in denen man den Tag vertändeln könnte. Nur an dem schwarz lackierten Flügel bleibt das Auge hängen. Das liegt aber nur an der Farbe, denn in den üppigen 100 Quadratmetern der Präsidentensuite wirkt das wuchtige Instrument wie ein Beistelltisch.

          „Iron Man“ läuft er nicht mehr, aber jeden Tag 10 Kilometer

          „Vierzig Quadratmeter ist heutzutage Minimum für ein Zimmer der gehobenen Klasse“, sagt Rocco Forte. Luxus definiere sich in Hotels immer mehr über die Größe der Zimmer. Vor allem, so sagt er, wollten die Leute große Bäder. Daher sei es mitunter schwierig, ehrwürdige Hotels gemäß diesen Ansprüchen zu renovieren. Was Sir Rocco Forte außerdem unter Luxus versteht, kann man im Münchner „The Charles Hotel“ sehen. Das Fünf-Sterne-Haus gehört, wie die meisten seiner zwölf weiteren Luxushotels, zu den „leading hotels of the world“: kein byzantinisches Dekor, kaum Glitzer, wenig Gold, dafür feine Stoffe, Hölzer und Naturstein, alles in Farben, die nicht nervös machen. Und da seine Hotels nicht umsonst „Rocco Forte Hotels“ heißen, passen sie auch zu seinem persönlichen Stil: maßgeschneiderter dunkler Anzug, gut sitzendes zartblaues Hemd. Den Maßanzug brauchte der Triathlet nicht. Mit 67 bestreitet er zwar keine Weltmeisterschaften mehr (noch 2005 wurde er beim „Iron Man“ in Klagenfurt zweiter seiner Altersgruppe), aber jeden Tag läuft er noch gut und gerne zehn Kilometer.

          Rocco Forte hält auf sich, und das mit einer Grandezza, die er nicht zuletzt von seinem italienischen Vater mitbekommen hat. Zwar verraten Akzent und leicht monotoner Erzählstil die britische upper class, die lässig geöffnete Manschette des rechten Hemdsärmels zeigt jedoch einen unverkrampften Umgang mit Reichtum und Stand, den Menschen haben, die sich in den höheren Lagen zwar sicher bewegen, aber eben noch nicht seit Generationen. So erzählt er vom geplanten Fasanenschießen an Weihnachten mit Freunden auf seinem Landsitz ebenso unbekümmert, wie er lachend von der schweren Entscheidung berichtet, in seiner Familie das richtige Sonnenziel für den Weihnachtsurlaub nach den Fasanen zu finden: „We are still debating!“ Er sähe sich am liebsten in Costa Rica bei Freunden.

          Sir Rocco Forte und seine Hotels … Bilderstrecke

          Rocco Fortes Welt ist nicht vom Himmel gefallen. Geboren wurde er 1945 im britischen Bournemouth. Seine Erziehung war im Wortsinn ein up-bringing, konnte er doch als Kind und junger Mann miterleben, wie sein Vater Charles in Großbritannien ein Imperium aus Restaurants und Hotels aufbaute. Angefangen hatte das 1934 gegründete Unternehmen Forte Plc. mit ein paar Milchbars. Im Alter von vier Jahren war sein Vater mit Sir Roccos Großmutter aus dem italienischen Monforte nach Großbritannien gekommen, ins schottische Alloa in Clackmananshire, wo sein Großvater ein Café betrieb – mit dem klangvollen Namen Savoy.

          Während sein später zum Lord ernannter Vater also die Hotels versah, studierte Sir Rocco Forte zunächst in Oxford Sprachen. In der anschließenden Buchhalterlehre lernte er, dass Sprachen zwar schön sind, ohne Zahlen jedoch nur schön bleiben. Es folgten Tätigkeiten als Vorstand und Geschäftsführer im väterlichen Unternehmen – und die Verantwortung für rund 800 Hotels, 1000 Restaurants und fast 100.000 Angestellte in mehr als 50 Ländern. Hotels wie das George V in Paris, das Sandy Lane in Barbados, das Ritz in Madrid und das Plaza Athenée in New York gehörten dazu. 1996 verlor die Familie das Unternehmen in einer feindlichen Übernahme.

          Im selben Jahr noch gründete Sir Rocco Forte, der zwei Jahre zuvor wegen seiner Verdienste für die englische Tourismusindustrie zum Ritter geschlagen worden war, die „Rocco Forte Hotels“. Er ist Vorstandsvorsitzender und Hauptaktionär des Unternehmens. Das Wort „Kette“ verschmäht er, vielmehr sieht er seine 13 Luxushotels – das Balmoral in Edinburgh, die Villa Kennedy in Frankfurt oder das Hotel de Russie in Rom – als „collection“. Das Vermächtnis des Vaters Lord Charles Forte, der bei seinem Sohn die Leidenschaft für die Hotellerie weckte, würdigte Forte nicht zuletzt im Namen für sein Münchner Hotel: „The Charles“. Auch die Präsidentensuite trägt eigentlich den Namen „Monforte-Suite“, nach dem Geburtsort des Vaters.

          Service ist der wirkliche Luxus

          Bei 13 Hotels soll es nicht bleiben: Kairo, Dschidda, Luxor und Marrakesch sind als „future openings“ fest eingeplante Standorte für weitere Quartiere seiner Sammlung. Auch New York reizt ihn, besonders die feine Gegend zwischen der 55. und der 70. Straße an der Park Avenue. Dazu sagt er aber nur vieldeutig: „Wir werden sehen.“ Mehr nicht. Wo auch immer neue Häuser eröffnet werden: Um Innenarchitektur und Design der Hotels kümmert sich Olga Polizzi, eine von insgesamt fünf Schwestern des munteren Sir Rocco. Der zurückgenommene Stil liegt in der Familie. Und daran wird, andere Landessitten hin oder her, international auch festgehalten. Es würde ihnen somit nicht einfallen, ihren Häusern im Mittleren Osten oder in Russland ein etwas barockeres Design zu verleihen. Ganz leicht lasse man den „local style“ einfließen, sagt er, aber keinesfalls so, dass es besonders auffällt.

          So sehr Wert auf Gediegenheit im Interieur geachtet wird: Den wirklichen  Luxus begründet nach seiner Meinung der Service. So lege er größten Wert auf zuvorkommendes Personal. „Wir brauchen niemanden, der Gäste von oben herab behandelt.“ Dazu gehöre auch, dass man sich um mitreisende Kinder bemühe, mit speziellen Menüs oder einem individuellen Besichtigungsprogramm. Für Familien gebe es zum Beispiel an Weihnachten in seinen Hotels besondere Angebote. „Die Leute treffen nicht mehr nur ihre Familien an den Feiertagen, sie reisen auch immer mehr mit der gesamten Familie.“

          Auch seine eigenen drei Kinder, Lydia, Irene und Charles, hielten sich gerne in Hotels auf. Doch alle drei arbeiten auch regelmäßig in den Häusern der Familie, in den Semesterferien oder als Berufsvorbereitung. Sie sollten halt schon von klein auf lernen, dass Luxus eine Dienstleistung ist, für die gearbeitet werden muss – um sie zu erbringen und um in ihren Genuss zu kommen.

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