https://www.faz.net/-hs1-xr3t

Gestecktes und Gesticktes : Milaneser Möbelfrühling

Eines der schönsten Sitzmöbel des Jahres: Der „Peacock” von Dror Benshetrit aus dem Haus Cappellini erinnert an einen Pfau Bild:

Auf der Mailänder Möbelmesse, die an diesem Montag endet, besinnen sich Designer und Hersteller wieder auf alte Handwerkstechniken. Es wird gedrechselt, gesteckt und gefräst. Die Materialien sind meist so innovativ, dass Möbel drinnen und draußen stehen können.

          Auf dem Tisch stehen zwei Leuchten mit geflügelten Glühbirnen. Der Entwurf von Ingo Maurer ist schon bald 20 Jahre alt. Nun dient er ihm zum Protest. Geschützt vor den Besuchern, stehen die gefiederten Leuchten mit dem Namen „Lucellino“ in einer großen, mit Silber ausgeschlagenen Box. An den Innenwänden sind von Hand geschriebene Sätze zu lesen: „What a sick idea to kill a light icon“ (Was für eine kranke Idee, eine Lichtikone zu töten) und „Wir empfehlen zivilen Ungehorsam“. Durch Fenster schaut man hinein und auf die Kritik Maurers an dem europäischen Versuch, Glühlampen durch sparsamere und angeblich umweltfreundlichere Leuchtmittel zu ersetzen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Lichtdesigner Maurer hat dafür kein Verständnis. Immer wieder hat er die Glühbirne zum Designobjekt erhoben - schon mit seiner „Bulb“ aus dem Jahr 1966. Sie war damals eine seiner ersten Arbeiten. Mit der überdimensionalen Lampe aus mundgeblasenem Kristallglas, die, auf ihrem Schraubsockel stehend, als Tischleuchte dient, erlangte er Weltruhm. Dass sich seine Kollegen schon vielfach abgefunden zu haben scheinen und längst anderen Leuchtmitteln zugewandt haben, auch das ist auf dem diesjährigen „Salone Internazionale del Mobile“ in Mailand nur zu gut zu sehen: Denn wie stets alle zwei Jahre findet zugleich auf dem Messegelände Fiera Milano in Rho-Pero die „Euroluce“ statt - die mit 525 Ausstellern wohl bedeutendste Lichtmesse der Welt.

          Eher langfristige Entwicklungen statt Trends

          Von Trends ist auf Möbelmessen nur bedingt die Rede, eher von langfristigen Entwicklungen. Trotzdem lassen sich Tendenzen ausmachen: Barhocker zum Beispiel sind zum festen Programmbestandteil von fast jedem Hersteller geworden. Man sitzt offenbar gerne schon beim Frühstück an der Theke - in der eigenen Küche. Auch Holz ist so präsent wie selten. Stühle selbst von kunststofferprobten Designern stehen dabei oft auf schlichten Beinen, die an Besenstiele erinnern, deren Sitze aber technisch raffiniert gearbeitet sind. Überhaupt wird die Verbindung zwischen altem Handwerk und serieller Industrieproduktion geschätzt: Es wird von Hand gedrechselt, gesteckt und gefräst, Textiles ist von Hand gestrickt, gestickt und genäht. Die Materialien indes sind meist so innovativ, dass viele Möbel mitsamt Kissen und Bezügen drinnen und draußen stehen können, weil sie wetterfest sind. Dass trotz des Maurerschen Protests auch der Naturschutz den Produzenten wichtig ist, zeigen Entwürfe aus Papier, Hanf oder Filz - solche Tische und Stühle sind kompostierbar.

          Inspiriert durch junge Bäume: der Stuhl „Vegetal” der Bretonen Ronan und Erwan Bouroullec

          Ganz so krisenfest indes, wie die Vielfalt der neuen Arbeiten und die mehr als 2700 Aussteller zu beweisen scheinen, ist auch die Möbelbranche in diesen Zeiten nicht. Leerstände sind zwar nicht zu verbuchen, dafür sind die Aussteller-Wartelisten für den „Salone“ viel zu lang. Überraschungen aber gibt es doch: Die Poltrona-Frau-Gruppe von Matteo di Montezemolo, dem Sohn von Luca Cordero di Montezemolo (Ferrari), ist in diesem Jahr nicht wie sonst mit gut 3000 Quadratmetern auf dem Messegelände vertreten. Stattdessen zeigen die von Montezemolo zusammengekauften Unternehmen wie Cassina, Cappellini und Alias ihre neuen Kollektionen im sogenannten „Milano Design Village“ an der Via Savona im Süden Mailands. Geldnöte hätten bei der Entscheidung keine Rolle gespielt, heißt es. Doch dürften die 2700 Quadratmeter in der alten Werkshalle preiswerter zu haben gewesen sein als der übliche Messeauftritt in den von Massimiliano Fuksas entworfenen Glas- und Stahlpalästen vor den Toren der Stadt.

          Montezemolos Messerückzug

          Nutznießer von Montezemolos Messerückzug waren auch gut zehn deutsche Hersteller (statt wie sonst um die 20 zeigen dieses Jahr genau 31 ihre Neuheiten auf dem Ausstellungsgelände in Rho-Pero). Sie standen zum Teil seit Jahren auf den Wartelisten. „Der Brief mit der Zusage kam im Januar“, erzählt Birgit Gämmerler von Zeitraum aus Wolfratshausen. „Wir fanden ihn vor, als wir von der Kölner Möbelmesse zurückkamen.“ Vier Jahre habe man auf diesen Moment gewartet. Noch bis Ende März musste sich das Unternehmen gedulden, bis endlich feststand, wie viele Quadratmeter sie in welcher Halle bekommen würden: 40 in Halle 7 - gewünscht hätten sie sich 80 in Halle 8 oder 12. „Aber überhaupt endlich hier zu sein ist für uns das Entscheidende“, sagt die Geschäftsführerin von Zeitraum. Der Aufwand hat sich gelohnt: Das Interesse an dem eleganten Holzstuhl „Morph“ und dem dazugehörenden Tisch vom Münchner Büro Formstelle (Claudia Wiedemann und Jörg Kürschner) ist groß.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Proteste vor IAA : Blockade mit drei farbigen Fingern

          Hunderte Demonstranten der Aktion „Sand im Getriebe“ haben zwei der fünf Eingänge der Messe blockiert. Ihr Protest richte sich nur gegen die Konzerne, sagen sie. Das empfinden viele Besucher anders.
          Zu häufiges Nutzen des Smartphones kann krank machen. Aber ganz darauf verzichten geht heutzutage auch nicht.

          Data Detox : Wie man mit wenigen Schritten seine Datenflut eindämmt

          Unsere Datenflut kommt Konzernen wie Facebook und Google zugute, wobei alles andere als klar ist, was genau mit den Informationen geschieht. Mit einigen Tipps kann man sein Handy vor Zugriffen schützen.

          Bayerns zwei Gesichter : „Keine Feuer legen, bitte“

          War es ein Taktik-Sieg von Julian Nagelsmann gegen Niko Kovac? Die Bayern haben offenbar nicht schnell genug auf Veränderungen des Gegners reagiert – und rutschten in der Tabelle ab. In München will man aber Ruhe bewahren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.