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Die Collegejacke : Home-Run für ein Kleidungsstück

Immer mehr Designer präsentieren die angesagten College-Jacken in ihren Kollektionen, wie hier bei Moschino Bild: Hersteller

Herbst, Saisonstart: Das Training ist vorbei, die Baseballjacke ist im Alltag angekommen. Auch Designer können von den markanten Teilen nicht mehr lassen.

          Man könnte sie für amerikanische Studenten halten. Oder für High-School-Schüler. Erwachsene, die eigentlich längst aus dem Alter raus sind und in Metropolen leben, kleiden sich zur Zeit nicht selten wie jene, die nach den Herbstferien gerade zurückkehren in ihre kleinen Universitätsstädte an der Ostküste, um das Wintersemester zu Ende zu bringen. Es fehlen nur noch die alten Gemäuer und die noch älteren Lieblingsbäume, an die sie sich lehnen, um als Studenten getarnt nachmittagelang die Nase in Büchern zu stecken.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Verantwortlich dafür ist die Baseballjacke mit Abzeichen auf der Brust, auch Collegejacke genannt. Sie suggeriert Zugehörigkeit zu einer bestimmten Universität oder zu einem Team und wird schon seit einiger Zeit auch von Designern zitiert. In diesem Herbst legt sie einen echten Home-Run hin, quer durch die Szenebezirke und die weniger szenigen Teile des Landes.

          Der perfekte Überwurf für jeden Anlass

          Die feste Wolle, die Ärmel aus Leder, das gesteppte Innenfutter, die elastischen Windstopper-Bündchen, all das macht die Baseballjacke zur idealen Übergangsjacke für den Herbst - vorausgesetzt, es regnet nicht. Davon mal abgesehen, passt sie gewissermaßen immer. Zur Jeans, zur Jogginghose, zu Hemd und Krawatte, aber auch zur weißen Seidenbluse oder zum silbernen Paillettenkleidchen.

          Wie für den Preppy: College-Jacke aus der aktuellen Kollektion von Lacoste Live

          Sie ist das Kleidungsstück für den Konsens, und jeder darf den Trend mitmachen. Entsprechend groß ist die Auswahl. Zweifarbig gibt es die Baseballjacke bei H&M für 39,90 Euro; der blaue Überwurf von Finanzschwindler Bernard Madoff mit orangefarbenem Namensschriftzug auf dem Rücken erzielte bei einer Auktion im Jahr 2009 14.500 Dollar.

          Studentenlook für Jedermann

          Wie einige andere gute Ideen wurde auch diese in Harvard entwickelt. Die ersten Modelle von 1865 trugen das geschnörkelte "H" mittig auf der Jacke, dem "letterman" oder auch "varsity jacket", wie man sie in den Vereinigten Staaten noch nennt. Zunächst wurden die H-Jacken ausschließlich an die besten Sportler des Harvard-Baseballteams vergeben. Im Gegensatz dazu sieht man das Teil heute nicht nur an Menschen, die vor Bällen weglaufen würden, anstelle sie zu fangen; es flimmert außerdem über die Leinwand. Zum Beispiel demnächst in dem Film "Moneyball", der im Dezember in den deutschen Kinos startet und Brad Pitt als Manager eines Baseballclubs zeigt. Und auch in der High-School-Serie "Glee", einer Art "Grease" von heute im wöchentlichen Format, gehören rot-weiße Baseballjacken zur Standard-Requisite.

          Old-School: Jacke mit Wildleder und blauen Ärmeln für den Professoren-Look

          Frisch wie aus "Glee" entsprungen wirken die Models der Kampagne von Lacoste Live, einer neuen Zweitlinie der französischen Marke mit bunten Baseballjacken für den Herbst. Catherine Marchand, Brand Director von Lacoste Live, beschreibt die Jacken als "Hauptbestandteil und Bestseller der Kollektion" und führt dies auf den Preppy-Trend zurück - Mode, die von der Kleidung amerikanischer Ivy-League-Studenten inspiriert ist und sich an der Schnittstelle zwischen Tradition und Spaß bewegt. Die Brown University oder eine andere der Efeu-Traditionsuniversitäten wäre ein naheliegender Drehort für den Werbespot von Live gewesen, aber die Macher entschieden sich für Berlin. In dem Anderthalb-Minuten-Streifen sieht man Mädchen und Jungs in Baseballjacken durch die U-Bahn hüpfen, im Fotoautomaten, an der Currywurstbude und schließlich auf der Tanzfläche eines dunklen Kellerclubs.

          Designer entdecken den Baseball-Style

          Interessanterweise hat die Baseballjacke hierzulande noch ein weiteres Heimspiel. Von Berlin aus startete die deutsche Coverband "The Baseballs", die momentan durch Europa tourt. In ihrer Musik transportieren die drei Jungs Songs von Lady Gaga oder 50 Cent in die fünfziger Jahre, dazu tragen sie Haare wie Elvis Presley und Baseballjacken mit den eingestickten Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen auf der Brust. Ende Juni spielten sie beim Männer-Defilee von Moschino in Mailand, während auf dem Laufsteg eine Serie von Baseballjacken Einzug hielt. In Dunkelbraun mit hellblauen Ärmeln sah eine aus, als gehöre sie einem älteren Professor, der in seiner Jugend einmal in einer Milchshake-Bar gejobbt hat. Und ein tropisches Exemplar mit Palmendruck könnte Ausrüstung des Sportvereins der Florida State University sein.

          Hollywood im Trend: Im neuen Film Moneyball spielt Philip Seymour Hoffman einen Baseball-Trainer, natürlich im passenden Outfit

          Genauso wie ein stundenlanges Baseballspiel für Laien gefühlt Jahre dauert, ist auch beim Jacken-Trend vorerst kein Ende in Sicht. Miuccia Prada, die bekannt dafür ist, immer einen Schritt voraus zu sein, spulte in ihrer Kollektion für den nächsten Sommer zu den Fünfzigern zurück, der Zeit der süßen Mädchen in schwingenden Röcken, pastellfarbigen Cadillacs und, na klar, Baseballjacken. Auch Stella McCartney, die für diesen Herbst Baseball-Mäntel mit klassischen Druckknöpfen und Wollbündchen zeigte, kann nicht von ihnen lassen. Ihre Anoraks für den nächsten Sommer sind wieder an die Retro-Teile angelehnt. Nike, Michalsky und Thom Browne sind ebenfalls bei dem Trend dabei.

          Ein Stück Stoff voller Illusionen

          Schneller als vor dem nächsten Frühjahr kommt man an eine Jacke mit dem eigenen Vornamen von dem amerikanischem Teamausstatter Stewart & Strauss, der auch nach Deutschland liefert. Dazu passend runden einige Accessoires den Look thematisch von Kopf bis Fuß ab. Die Baseballkappe aus Filz von Miu Miu auf dem Kopf und an den Füßen die Baseballsneakers, die Keds mit der amerikanischen Style-Autorität Opening Ceremony entworfen hat, könnten den Platz auf den Bleachers, den amerikanischen Tribünen, sichern.

          Warum diese Jacken so gerne gekauft werden? Sie sehen gut aus, geschenkt. Vielleicht sind sie auch deshalb so populär, weil sie ihrem Träger die Illusion geben, man besitze in ihnen ein eigenes Stoff gewordenes Poesiealbum der Erinnerung an eine unschuldigere Zeit, selbst wenn es diese Zeit nie gab - und die Erinnerung eigentlich anderen Leuten gehört.

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