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Desingunternehmen Kartell : Alchimist und Plastikversteher

Verdreht: Der „Bookworm“ vom Briten Ron Arad war 1994 das erste flexible Regal der Welt. Seither wurde er tausendfach kopiert. Bild: Kartell

Kartell setzt seit mehr als 60 Jahren auf fast nur ein Material: Kunststoff. Seit Claudio Luti Chef des Hauses ist, sind die Möbel des italienischen Designunternehmens in Haushalten auf der ganzen Welt zu finden.

          Giulio Castelli war Chemieingenieur, Claudio Luti hat Betriebswirtschaft an der Università Cattolica del Sacro Cuore in Mailand studiert. Das alleine begründet zwar nicht den Erfolg eines der bedeutendsten Designunternehmen der Welt, doch es erklärt vieles: die Begeisterung für innovative Materialien zum Beispiel oder auch die finanzielle Risikobereitschaft, sich ständig neue Märkte zu erobern. Das hat sich ausgezahlt, gerade in Krisenzeiten. Kaum ein anderes italienisches Unternehmen konnte sich in den vergangenen vier Jahren global so gut behaupten wie Kartell. Signor Luti expandiert derzeit sogar - selbstverständlich vor allem in Ostasien, aber auch in Südamerika.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wer den Namen Kartell hört, denkt fast automatisch an Kunststoff. Mit ihm ist das Unternehmen schon in den fünfziger Jahren groß geworden - anfangs vornehmlich durch Haushalts- und Laborartikel sowie Autozubehör. Erst seit den frühen Sechzigern kamen auch Möbel hinzu. Giulio Castelli und seine Frau Anna Castelli Ferrieri, die sich als Designerin für Kartell einen Namen machte, wollten das arme Nachkriegsitalien mit bunten und funktionalen, mit preiswerten und industriell hergestellten Produkten lebenswerter und schöner machen. Es entstanden Design-Klassiker, darunter zum Beispiel der Sessel „4801“ von Joe Colombo. Seine geschwungenen, wie ineinandergesteckten Formen ließen sich in den sechziger Jahren allerdings noch nicht in Kunststoff gießen. Darum ist der Stuhl Kartells einziges Produkt, das damals ganz aus gebogenem Holz gefertigt wurde. Inzwischen gibt es aber natürlich auch eine Plastik-Variante.

          Signore Luti hat das Glück: Seit 25 Jahren führt der Betriebswirt das Unternehmen. Bilderstrecke

          Beim Namen Kartell denken viele Jüngere auch an Philippe Starck, den französischen Stardesigner, der für den Umbruch im Hause Castelli-Luti steht. Den Mann aus Paris holte Luti nach Italien, um dem Unternehmen „eine neue Seele“ einzuhauchen. Mit Erfolg: Ihm verdankt Kartell seinen Bestseller - den Stuhl „Louis Ghost“, der selbst gut zehn Jahre nach seiner ersten Erscheinung die Designwelt noch heute spaltet. Denn die vorgeblich schlichte Kopie eines barocken Klassikers besteht aus ebenjenem Material, das für viele immer noch etwas von billig hat: Plastik.

          “Es ist mein Lieblingsstück“, sagt Claudio Luti über „Louis Ghost“. Das sagt er selbstverständlich auch, weil sich kaum ein anderes Produkt, das er als Kartell-Chef auf den Markt brachte, so hervorragend verkauft hat. Doch der Stuhl, der unverkennbar den Möbeln der Epoche unter den beiden letzten französischen Königen mit Namen Louis nachgeformt ist, steht auch für eine technologische Revolution. Kartell setzte für den fast unwirklich erscheinenden, weil transparenten Stuhl ein neues Material ein, das mit General Electric entwickelt wurde, Polycarbonat. Erst der widerstandsfähige Stoff ermöglichte es, ein Kunststoffmöbel aus einem Guss zu schaffen, das ohne stützende und verstärkende Materialien wie Metall oder Holz auskommt.

          Für Luti ist der „Louis Ghost“ aber nicht nur eine weitere Hightech-Errungenschaft in der Möbelgeschichte. „Er weckt Emotionen“, ist sich Luti sicher. Und er passe sich überall ein, mache sich neben Antiquitäten genauso gut wie in einer durch und durch modern eingerichteten Wohnung, selbst wenn der Stuhl nicht völlig durchsichtig, sondern leicht eingefärbt ist.

          Luti, seit 25 Jahren Chef im Hause Kartell, übernahm 1988 das durchaus schon gut geführte Haus von seinem Schwiegervater. Giulio Castelli suchte mit knapp 70 Jahren einen Nachfolger und fand ihn - italienisch traditionell - in der Familie. Luti, damals 42 Jahre alt, konnte bereits auf eine erstaunliche Karriere blicken: Er hatte mit seinem Freund Gianni Versace ein Mode-Imperium aufgebaut, das er, wie er sagt, nach fast zwölf Jahren als Geschäftspartner von Gianni nicht schweren Herzens verließ. Es seien persönliche Gründe gewesen. Der eher zurückhaltende und bescheidene Luti verkaufte seine Anteile an die Versace-Familie aber wohl auch, weil er ein wenig müde und ausgelaugt vom überdrehten Modezirkus war.

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