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Designhauptstadt Helsinki : Echte Natur gestalten

Inzwischen produziert das Familienunternehmen der Puotilas sogar Möbel aus Papier – wie etwa den super bequemen Lounge Chair „K“ mit Ottoman von Harri Koskinen (Jahrgang 1970). Insgesamt überschaubare 56 Produkte hat Woodnotes im Angebot. Fast alles wird von Hand hergestellt, und es werden stets nur natürliche Materialien verwendet. Überall steckt allerdings auch Papier drin. Ein Muss, selbst wenn, und das bedauert Puotila, der Rohstoff aus Schweden stammt, weil in Finnlands Fabriken Papier in solchen Massen hergestellt wird, dass Woodnotes als Kunde einfach zu klein ist. Und auch ein Teil der Produktion findet nicht in Finnland, sondern in Estland statt.

Das gute Alte hat über das schlechte Neue obsiegt

Papier, sagt Puotila, sei wirklich geduldig. Zumindest ist das von ihnen verwendete, meist in Fadenform versponnene und dann verwebte Papier strapazierfähig. Selbst Kaffee oder Rotwein lasse sich von ihren Teppichen einfach abtupfen. Alle Wood-notes-Produkte sind ökologisch abbaubar und könnten problemlos auf dem garteneigenen Kompost verrotten. Die papiernen Ergebnisse können sich sehen lassen. Der Teppich „Beach“ von Ritva Puotila, in dessen zwei Farben sich Strand und Meer widerspiegeln, wurde erst in diesem Jahr auf der Kölner Möbelmesse IMM mit einem „Interior Innovation Award“ ausgezeichnet.

Wie es zum Namen Woodnotes kam? Weil er viele Assoziationen befördere, sagt Mikko Puotila. „Zunächst steht Finnland ja für Wälder.“ Man könnte aber auch ans Weben von Teppichen denken, an die kleinen Knoten, englisch „knot“. Eigentlich aber, sagt Puotila, geht Woodnotes auf das gleichnamige Gedicht des Amerikaners Ralph Waldo Emerson zurück, in dem er die Töne des Waldes beschreibt, wenn sich zum Beispiel Espenlaub im Wind bewegt. Symbolhaft ist auch der Ort, an dem Ritva Puotila ihre Werkstatt und Mikko Puotila seinen Showroom haben: in einer ehemaligen Kabelfabrik von Nokia. Anscheinend hat hier, im zugleich größten Kulturzentrum Finnlands, das gute Alte über das schlechte Neue obsiegt.

1945 bis 1967: Die goldene Ära des finnischen Designs

Finnland ist eine erfolgreiche Industrienation. Fiskars ist der beste Beweis. Der größte Verkaufsschlager des 1649 gegründeten Eisenwerks stammt aus dem Jahr 1967: eine Schere mit orangefarbennem Plastikgriff, die sich bislang auf der ganzen Welt eine Milliarde Mal verkauft hat. Der Kunststoff senkte vor allem die Produktionskosten der einstmals ganz aus Metall bestehenden Scheren erheblich. Das Orange des Designerstücks, das seinem Gestalter zufällig in der Restetonne in die Hände fiel, wurde später zum Markenzeichen des Unternehmens und findet sich nun an jedem Produkt des Hauses Fiskars.

Natürlich ist auch die Schere inzwischen ein Exponat des einzigen finnischen Designmuseums, so wie rund 7500 weitere Produkte. In diesem Jahr zeigt das Designmuseo in Helsinki in einer Ausstellung mit dem stolzen Titel „Die Erbauer der Zukunft“ finnisches Design aus den Jahren 1945 bis 1967. Es war die goldene Ära. Wenn auch viele der bekanntesten Arbeiten vor 1945 entstanden sind, so fand das finnische Design doch erst nach dem Krieg auch international die ihm gebührende Beachtung.

Eine Designreise in die diesjährige Designhauptstadt der Welt muss einfach im Wohnhaus und Studio der beiden Lichtgestalten des finnischen Designs enden. Bis zu 30 Architekten arbeiteten im Haus an der Straße mit Namen Tiilimäki, die in Munkkiniemi liegt und erst seit wenigen Jahrzehnten zu Helsinki gehört. Früher fuhr eine private Tram hinaus in die Wälder zu Aino und Alvar Aalto. Heute fährt eine Straßenbahn in die nicht mehr ganz neuen Neubaugebiete der Stadt. Ihr Vermächtnis ist groß, und es ist überall zu haben, auch weil die beiden 1935 mit zwei Freunden das Unternehmen Artek gründeten. Es sollte ihre Möbel verkaufen, zugleich aber auch eine moderne Wohnkultur in Finnland befördern. Dass sie damit gleich die ganze Welt erreichen würden, hätten sie sich damals wohl selbst nicht träumen lassen.

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