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Designer Stefan Diez : Ein Stuhl entsteht

Nur die Sitzfläche des Barhockers ist noch zu schräg: Stefan Diez in seinem Münchner Studio. Bild: Andreas Müller

Stefan Diez geht für den Hersteller „e15“ ans Werk. Erst nach jahrelanger Arbeit kann er sich hinsetzen. Zurücklehnen wird er sich nicht.

          Beim ersten Stuhl stand gar nichts fest. Klar war nur, dass er zu den schon vorhandenen Möbeln passen sollte – vor allem zum „Bigfoot“. Der Tisch, von Philipp Mainzer und Florian Asche vor 20 Jahren entworfen, hat dicke schwere Beine, die aus dem Kern einer Eiche gesägt werden. Zwischen den massiven eckigen Säulen ruht eine Platte, die aus sieben bis acht Brettern von vier Zentimetern Dicke zusammengesetzt ist. Einfach bewegen lässt sich das standhafte Ungetüm kaum. Und doch zählt der archaische Entwurf zu den modernen Designklassikern. Er ist zudem das Markenzeichen des von Philipp Mainzer gegründeten Unternehmens „e15“.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Vor sechs Jahren, als Stefan Diez den Auftrag bekam, einen auch zu „Bigfoot“ passenden Stuhl für „e15“ zu entwerfen, war der Tisch gerade nicht auf Lager. Für den Münchner Designer war das kein Problem: Er baute ihn sich über Nacht schnell in Pappe nach. Danach machte er sich an den gewünschten Stuhl. Der Pappkamerad im Stil eines „Bigfoot“ wollte aber nicht gelingen. „Was wir auch versuchten: Es sah total langweilig aus“, erzählt Diez. Die strikte Sprache des Tischs ließ sich nicht einfach auf den Stuhl übertragen. „Das verschwamm zu einem Brei.“

          Weniger Material, mehr Industrie

          Stefan Diez fand schließlich die Lösung: Statt kantig und schwer musste der Stuhl rund und leicht werden. Knapp zwei Jahre später, im April 2009, konnten Stefan Diez und Philipp Mainzer ihren „Houdini“ auf der Mailänder Möbelmesse präsentieren. Für ihn hat Diez nur wenige Millimeter dicke Schichtholzplatten in Form gebogen und verleimt. Das Material wirkt so zerbrechlich, dass die ersten Neugierigen es zunächst nicht einmal wagten, sich auf den Stuhl zu setzen. „Houdini“ ist in seiner Herstellung ein aufwendiges Möbel, das viel Handwerk erfordert. Stefan Diez, gelernter Tischler, spricht von Haute Couture. Er ist stolz auf seinen „tailored chair“, der aus nur fünf Teilen (plus vier Beinen) zusammengesetzt wird. Aus dem Stuhl wurde schnell eine Familie: „Leo“ nennt sich der „Houdini“ ohne Armlehne, „Jean“ ist der dazu passende elegante Barhocker.

          X-Beine für den Stuhl: Skizzen von Stefan Diez

          Trotzdem ließ sich Diez im vergangenen Sommer nur zu gerne von Philipp Mainzer ein weiteres Mal herausfordern. Dieses Mal stand von Anfang an fest, was am Ende herauskommen sollte: ein „Houdini light“, ein Stuhl, in dem weniger Material und mehr Industrie steckt. „Philipp sprach von einer T-Shirt-Kollektion“, erzählt Diez. Der Nachfolger des großen „Houdini“ sollte jünger, unkomplizierter, alltäglicher, strapazierfähiger und nicht zuletzt auch preiswerter werden.

          Stefan Diez setzte sich hin und begann zu zeichnen. Doch mit Papier und Bleistift hält sich der Münchner, Jahrgang 1971, nie lange auf. Schon nach kurzer Zeit entstand ein dreidimensionales Modell – zuerst aus Pappe, dann aus Holz. So fand er in kurzer Zeit seine Antwort auf die entscheidende Frage: Wo kann ich einsparen?

          Der Schreiner bei der Arbeit: Stefan Diez mit einem ersten Entwurf aus Holz

          Die Basis von „Houdini“ ist eine hölzerne Scheibe, in der die vier Beine stecken. Sie dient als Sitzfläche und muss darum auch etwas dicker ausfallen. Leichtigkeit verleiht ihr eine dünne Holzkrempe drumherum. Hinten steht sie hoch, da ist die Rückenlehne angeleimt. Vorne neigt sie sich in Richtung Boden. Bei seinem neuen Stuhl verzichtet Diez nun auf die Scheibe als Basis. Er ersetzt sie durch einen sichelförmigen Holm, der den Beinen und der Rückenlehne Halt geben muss. Auf ihm liegt nur noch eine dünne Schichtholzplatte als Sitzfläche auf. Die vorderen Beine gehen in den Rücken über, was dem Stuhl ein leicht x-beiniges Aussehen verleiht. „Das Prinzip erinnert an einen Kinosessel“, sagt Diez. „Nur lässt sich die Sitzfläche nicht hoch- und runterklappen.“

          Demokratisierung des Designs

          Im Vergleich zum „Houdini“ gibt es noch einen weiteren Unterschied: Bei der „Houdini“-Familie werden die viereinhalb Millimeter dicken Schichtholzplatten – Lehne und Krempe – in Form gezwungen, bis der Leim trocken ist. Für den Nachfolger hat Mainzer in Aluminiumwerkzeug zum Pressen des Holzes investiert. Die Platten werden darin erwärmt, in Form gebogen und erst danach zusammengeleimt. Auch damit lassen sich die Kosten weiter senken, ganz im Sinne einer Demokratisierung des Designs: „Mit einem Stuhl, der 600 Euro kostet“, so meint Stefan Diez, „erreichen wir die Leute nicht.“

          Zuletzt noch die Farbe: Der Holzstuhl soll bunt sein.

          In gerade einmal einem halben Jahr, rechtzeitig zur diesjährigen Möbelmesse Mitte April, wurde der „Houdini“-Nachfolger fertig. Und nicht nur er: Diez konnte dieses Mal gleich die ganze Familie vorstellen, benannt nach dem Kartenspielertrick „This“ (Stuhl), „That“ (Sessel) und „Other“ (Barhocker). Noch sind es nur drei Prototypen, doch stehen sie kurz vor der Serienreife. Mit dem Sessel ist Stefan Diez schon rundum zufrieden. Am Bar¬hocker aber, der eine Rückenlehne hat, muss er nachbessern: Wer auf ihm sitzt, kommt zur Zeit nicht gut wieder auf die Beine. Die Neigung des Sitzes fällt nach hinten ein wenig zu stark ab.

          Die Vorgaben aber hat Diez alle erfüllt. Der industriell hergestellte „This“ ist mit rund 300 Euro wesentlich preiswerter als der knapp 500 Euro teure „Houdini“. Auch jünger gibt sich der kleine Bruder.  Philipp Mainzer lässt den Holzstuhl nämlich in Mintgrün und Neonpink färben. Das verlangt Mut. Doch den kann sich „e15“ mittlerweile leisten. Selbst „Bigfoot“ können die knalligen Farben wenig anhaben. Im Gegenteil: Er bekommt dadurch mehr Aufmerksamkeit als vorher.

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