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Bauhaus goes Jugendzimmer : Probier's mal mit Gemütlichkeit

  • -Aktualisiert am

Das Moodborad, übersetzt „Stimmungsbrett“: Wie fühlt man sich, was soll es sein? Bild: Hagmann, Roger

Junge Menschen wissen oft genau, wie sie wohnen wollen, doch es fehlen Platz und Geld. Das Bauhaus Dessau hilft bei der Gestaltung des Traumzimmers.

          Inmitten von bunten Papier- und Stoffresten sitzt Julia Centiny vor einer weißen DIN-A0-Kunststoffplatte und soll ein „Moodboard“ anfertigen. Wörtlich übersetzt ist das ein „Stimmungsbrett“ und kommt damit seiner Funktion ziemlich nahe. Bevor Julia ihr Zimmer einrichtet, muss sie Farben und Licht sowie Fußboden und Stoffe auswählen, die ihrer Bude Atmosphäre, Stimmung und Individualität verleihen. „Wenn ich meinen Raum so einrichte, dass ich darin tun und lassen kann, was ich will, dann wird er wertvoll für mich“, hat Designerin Evelin Fingerling erläutert, und schon werkeln 27 Kinder und Jugendliche los. Sie sind in der „Werkstatt Raum“ des Bauhauses Dessau, wo sie ganz im Sinne der einstigen Bewegung fernab von Regeln und Dogmen experimentieren wollen. Der Ort, an dem der Satz „Form folgt Funktion“ geprägt wurde, scheint bestens geeignet, muss doch ein Jugendzimmer oft auf kleinstem Raum Wohnen, Arbeiten und Schlafen optimal vereinen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Julia ist 17, besucht die 12. Klasse eines Dessauer Gymnasiums und hat seit sechs Jahren ihr eigenes Zimmer im Reihenhaus der Eltern. 60 Quadratmeter unterm Dach nennt sie ihr Eigen, die sie sich nicht mal mit einem Bruder oder einer Schwester teilen muss. Vor drei Jahren baute sie ihr Kinderzimmer komplett um, malte eine Wand knallrot, an eine andere ein riesiges Tattoo und legte auf den Fußboden ein Kuhfell. „Meine Mama war dagegen, aber bei mir hat sie nix zu sagen“, erläutert Julia, die gern mal umräumt und nun überlegt, wie sie ihr Zimmer künftig aufteilt, weil am Wochenende ihr Freund bei ihr wohnt. Die neue Funktion „Freund“ erfordere es, den Raum in Arbeits- und Schlafbereich zu trennen und ein eigenes Bad einzubauen.

          „Die Größeren haben schon ziemlich genaue Vorstellungen“, sagt Evelin Fingerling. „Sie wissen, was trendig, cool und schick ist.“ Die Jüngeren dagegen gestalteten unbefangen, von Modetrends weitgehend unbeeinflusst und dennoch mit erstaunlich viel Gefühl. Fabian etwa hat sein Moodboard ausschließlich mit Stoff und diesen auch noch Ton in Ton bestückt. „Das wirkt wärmer, und mein Zimmer soll gemütlich sein“, sagt der Zwölfjährige. „So ab zehn, elf Jahren entwickeln Kinder ihren eigenen Stil, sie wollen mehr unter sich, mit Freunden und weniger mit den Eltern zusammen sein“, erklärt Fingerling. Von diesem Alter an sei deshalb ein eigener Raum mit Platz für Poster, Bilder und Persönliches außerordentlich wichtig. „Die Eltern“, sagt die Zweiundfünfzigjährige, die zwei erwachsene Kinder hat, „sollten da gar nicht viel diktieren.“

          Fernab von Regeln und Dogmen wird experimentiert Bilderstrecke

          Sich als Jugendlicher einzurichten bedeutet meist, mit wenigen Mitteln viel zu machen - zu Hause und später im Internat, Wohnheim oder in einer Wohngemeinschaft. In einer solchen lebt Albrecht Meixner. „Weiße Wände, Laminat, Bett, dunkelblauer Schrank, roter Bürostuhl und ein Linoleum-Eck zum Basteln“, so beschreibt er sein Zimmer in der Dreier-WG. Meixner, 23, studiert im fünften Semester technisches Design in Dresden und will hier mal experimentieren, was sich aus seinem Raum noch machen lässt. In Seminaren verpasst er Werkzeugen und Maschinen ein ansprechendes Äußeres bei möglichst geringen Kosten; da müsse doch Ähnliches für sein Zuhause möglich sein. Die weißen Wände aber, so viel sei mal klar, sollen bleiben. „Sichtbeton kann ich nicht mehr sehen“, sagt Meixner. „Den hab ich an der Uni schon mehr als genug.“

          Janine Kasper aus Nürnberg weiß bereits, was sie verändern will. Sie ist mit Beginn ihres Maschinenbau-Studiums in ihre erste eigene Wohnung gezogen: ein 14-Quadratmeter-Zimmer im Plattenbau nebst kleiner Küche, Bad und Flur. „Ich genieße meinen eigenen Raum“, sagt die Zweiundzwanzigjährige. „Aber ich brauche mehr Platz.“ Wenn Besuch kommt, baue sie den Schreib- zum Esstisch und das Bett zum Sofa um, auch farblich sei manches noch nicht optimal; ihr grünes Klavier, der gelbe Stuhl und das lila Bett stünden auf dunklem Laminat. Ihre Kommilitonin Lisa-Marie Lüneburg, 21, dagegen plagt sich im Wohnheim mit der Frage: „Alle Möbel sind gestellt, aber wie kriege ich da Gemütlichkeit rein?“

          Ein ideales Zimmer entwerfen

          Originell und funktional zu sein, das lernen vor allem die Großen, ist nicht einfach. Albrecht weiß nicht, wie er Arbeits- und Freizeitbereich vernünftig trennen soll, Janine will keinesfalls auf Pflanzen verzichten. „Die Älteren denken komplexer“, sagt Designerin Fingerling. „Und sie merken, dass sie und ihre Freunde sehr unterschiedliche Geschmäcker haben.“ Julia etwa hat sich zu Beginn des Workshops mit Franz, 16, zusammengetan, um ein ideales Zimmer zu entwerfen. Doch beide merken schnell, dass sie keinen gemeinsamen Nenner finden. „Er wollte einen braunen Teppich und ich einen grünen“, erklärt Julia den Grundkonflikt. Jetzt werkeln beide an einem eigenen Modell.

          Albrecht hat schließlich eine schlüssige Struktur gefunden, Janine hat ein Hochbett installiert, um Platz zu schaffen, und Lisa-Marie hat ihr Modell mit Teppich, Kissen und Pflanzen wohnlich gemacht. Nahezu perfekt hat sich Julia eingerichtet; mit dem Ergebnis ist sie sehr zufrieden. Ihr Teppich ist dann doch braun geworden, dafür ist die Wand nun grün gestreift, die Möbel sind klar sortiert, auch die Gitarre hat einen eigenen Platz, weil Julia für ihr Leben gern musiziert. Jetzt fehlt freilich noch Geld, das sie später gern als Designerin verdienen will. „Das Einrichten ist ganz klar meine Sache“, sagt sie. „Mein Freund weiß: Wenn wir mal zusammenziehen, gestalte ich die Wohnung.“

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