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Automobile : Die Wiedergeburt des Zonen-Ferraris

Cockpit des Melkus Bild: Stefan Boness

Er war der einzige je in der DDR gebaute Straßensportwagen: der 1969 erstmals gebaute „Melkus“. Jetzt ist ein Nachfolgemodell geplant - ohne politische Brianz, aber wieder mit Flügeltüren.

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          Mit dem Melkus RS 1000 ist es wie mit einem Einsatz der Bundeswehr im Ausland: Wer reingeht, muss sich verdammt gut überlegen, wie er wieder rauskommt. Es ist sogar noch komplizierter, denn allein das Reinkommen ist ein Problem. Der nach seinem Schöpfer, dem Rennfahrer Heinz Melkus, benannte einzige je in der DDR gebaute Straßensportwagen ist gut einen Meter hoch - also sehr flach. Misst man mehr als 1,80 Meter und versucht, sich hinter das Steuer des 1969 gebauten ersten Exemplars zu quetschen, verliert man den Mut schon auf der breiten Türschwelle. Zumindest die Orientierung. Erst die Füße oder erst das Gesäß?

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Mit einer Kombination aus beiden Techniken gelangt der Ersteinsteiger schließlich auf den Fahrersitz. Dann sind alle weiteren Fragen nach Bewegung ohnehin beantwortet: Die Knie klemmen unter dem Armaturenbrett, obwohl der Sitz auf der hintersten Position steht. Die Arme sind eng angewinkelt, und der Kopf hat stabilen Kontakt zum Fahrzeugdach. Zivilisatorische Albernheiten wie einen weich gepolsterten „Himmel“ gibt es nicht. So weit gekommen, würde man gern losfahren. Aber daraus wird nichts. Der Wagen steht in einer Ausstellungshalle - und hat keinen Motor mehr.

          Flügel wie der Mercedes 300 SL

          Die Türen des Melkus gehen nach oben auf. Das ist sicherlich das auffälligste Merkmal, das den Zonen-Ferrari mit dem zehn Jahre älteren legendären Mercedes 300 SL, dem „Flügeltürer“, verbindet. Aber es ist nicht die einzige Ähnlichkeit mit Berühmtheiten der Sportwagenwelt. Die Frontpartie des Melkus RS 1000 erinnert an den Opel GT, das Heck an den Lamborghini Miura, das kleine Dreiecksfenster hinter den Türen könnte vom Ferrari Dino stammen.

          Der Wartburg-Dreizylinder wurde auf bis zu 90 PS frisiert

          Alle drei Legenden des Autobaus aus dem freien Teil Europas erblickten wie der RS 1000 Ende der sechziger Jahre das Flutlicht der Motorsportwelt. Ihre Bilder hingen in der Küche von Heinz Melkus. Letzteres berichtet jedenfalls sein Enkel Sepp. Der ist zusammen mit seinem Vater Peter dabei, die vom Großvater geschaffene Legende wieder aufleben zu lassen. Zwanzig Nachbauten des Originals sind schon verkauft. Doch jetzt ist Schluss mit Kopieren. Jetzt soll ein ganz neuer Ost-Renner auf den Markt kommen: der RS 2000.

          Ausschließlich Teile aus DDR-Produktion

          Melkus? Sportwagen? Flügeltüren? In der DDR? Aber war sie denn nicht jener Teil Deutschlands, der zwar verurteilt wurde wegen seiner Diktatur, verachtet aber wegen seiner Autos? Trabi und Wartburg hatten schließlich mit einem zwölfzylindrigen Lamborghini so viel zu tun wie Erich Honecker mit der Menschenrechtscharta. Einer allerdings wollte das nicht wahrhaben, ein selbstbewusster Sachse. Heinz Melkus, geboren 1928 in Dresden, hatte sich unter den Bedingungen des Sozialismus dem Rennsport verschrieben. Seit 1951 rauschte er mit allerlei Eigenbauten über die Rennstrecken der DDR und zunächst auch des Westens. Nach dem Mauerbau war Schluss mit den Rennen im Westen. Richtung Osten war allerdings vieles möglich. Sogar in Moskau, so berichtet der Enkel, sei der Großvater Rennen gefahren.

          Während dieser Zeit wuchs in ihm der Gedanke heran, einen Sportwagen mit Straßenzulassung zu bauen. Die politische Führung in Ost-Berlin ließ den inzwischen zu einiger Reputation gelangten Rennfahrer gewähren, sagte erst einmal gar nichts. Melkus gelang es, materielle Beschränkung in eine politische Strategie umzumünzen. Er verwandte für seine Konstruktion ausschließlich Teile aus DDR-Produktion. Der Melkus ist - kurz gesagt - ein flacher Wartburg mit neuer Karosserie, einem sportlichen Fahrwerk und dem auf bis zu 90 PS frisierten Wartburg-Dreizylinder. Einige Teile, wie die Vergaser, nahm Melkus vom DDR-Motorrad MZ, und es gab Anleihen beim zweiten DDR-Auto. So rasten die Flügeltüren der sozialistischen Antwort auf den Mercedes 300 SL in Trabi-Schlösser ein.

          Mehr als 200 Stundenkilometer schnell

          Ist das erst geschehen, entwickeln auch die drei Zylinder ordentlichen Lärm im Fahrzeuginnern. Der drehfreudige Zweitakter schiebt gerne über die Hinterachse, wenn man etwas zu schwungvoll in die Kurve geht. Die Legende will es, dass der Melkus RS 1000 mehr als 200 Stundenkilometer schnell wird. Das möge ausprobieren, wer will. Es ist auch nicht ganz einfach, den dafür erforderlichen fünften Gang einzulegen, der durch das Zusammenbauen zweier Getriebe weit vom vierten Gang entfernt liegt. Aber eine Beschleunigung von null auf 100 in 13 Sekunden lässt sich immerhin bewerkstelligen. Für die späten sechziger und frühen siebziger Jahre ein ordentlicher Wert. Allerdings, so erzählt ein Zeitzeuge, sei es mit der Präzision bei der Verarbeitung nicht immer zum Besten bestellt gewesen. Bisweilen sei sogar der Regen eingedrungen. Handarbeit eben.

          Der RS 1000 war seit seiner Geburt im Jahr 1969 ein politisches Auto. Um der angesichts von bürgerlicher Eigeninitiative skeptischen politischen Führung sein Gefährt schmackhaft zu machen, stellte Melkus es als einen Leistungsnachweis zum zwanzigsten Geburtstag der DDR dar. Wer wollte, konnte das natürlich auch kritisch interpretieren. Schließlich führte Melkus vor, was sich selbst mit den spärlichen Möglichkeiten der DDR hätte machen lassen, wenn das System die Menschen nur nicht ständig gehindert hätte. Zehn Jahre lang wurde der RS 1000 in Handarbeit gefertigt, jedes Jahr zehn Stück. Verkauft wurde das Fahrzeug, das doppelt so viel wie ein Wartburg kostete, nur an Kunden, die damit an Rennen teilnahmen. Politische oder andere Prominenz sei nicht unter den Käufern gewesen, versichert die Familie.

          Nur 101 Fahrzeuge

          In den ersten Jahren verfolgte die DDR-Führung das Treiben in Dresden durchaus wohlwollend. Das ließ aber nach, und auch die Zuteilung von Material wurde allmählich beschränkt. So war nach 101 Fahrzeugen Schluss mit der Sportwagenherrlichkeit. 80 von ihnen gibt es noch heute, etwa fünfzig sind fahrbereit. Die simple Technik macht fast jede Reparatur möglich. Doch wer einen hat, gibt ihn nicht her. Oldtimerhändler in Ostdeutschland klagen, es seien keine Fahrzeuge auf dem Markt. In Fachmagazinen findet sich beim Melkus in der Rubrik „Verfügbarkeit“ der Eintrag „gegen null“. Wer doch mal einen erwischt, der muss inzwischen 25 000 oder mehr Euro für ein gut erhaltenes Fahrzeug bezahlen.

          Der Melkus ist eines der harmloseren Beispiele für DDR-Nostalgie. Als der Staat, der Arbeitern und Bauern eine Heimat geben wollte, nicht aber Rennfahrern, schließlich unterging, baute die Familie Melkus erst einmal eine BMW-Niederlassung in Dresden auf. Doch nach einer Weile klopften zwei Interessenten an die Tür, die einen Melkus RS 1000 haben wollten.

          Audi-Motor statt Original Wartburg-Dreizylinder

          So hartnäckig waren sie, dass schließlich erst fünf, dann 15 und am Ende zwanzig Fahrzeuge nachgebaut wurden. Die Werkstatt am Rande eines Dresdner Neubaugebietes hat zehn Mitarbeiter, das Werkzeug liegt auf einem Gartentisch, jedes Fahrzeugteil wird von Hand angefasst. Eine echte Manufaktur. „Ostalgiker“ sind es nach Auskunft von Sepp Melkus, die bereit sind, annähernd 50 000 Euro dafür zu bezahlen, dass speziell für sie das geschichtsbeladene Gefährt noch einmal aus Wartburg-, Trabi- und MZ-Teilen nachgebaut wird. Ein Kunde schickte gar eine kleine Blutprobe von sich, die er im Lack seines Fahrzeugs verarbeitet wissen wollte. Das geschah und wurde per Foto dokumentiert.

          Doch die Entpolitisierung des Melkus hat schon beim RS 1000 eingesetzt. Als das Unternehmen ankündigte, die letzten fünf nachgebauten Fahrzeuge würden nicht mehr mit dem Original Wartburg-Dreizylinder motorisiert, sondern mit einem modernen Audi-Motor, ging die Nachfrage zurück.

          270 PS sind geplant

          Der eigentliche Test aber, ob sich dieses Auto auch ohne politischen Hintergrund verkaufen lässt, findet in diesem Jahr statt. Dann kommt der RS 2000 auf den Markt, von dem ein erstes Bild an der Werkstattwand hängt und von dem es viele Entwürfe im Computer gibt. Vom Melkus werden im Wesentlichen der Name und die Flügeltüren übrigbleiben.

          Der Leichtbau, der trotz der geplanten 270 PS weniger durstig sein soll als andere Sportwagen, wird zwar auch von Hand gefertigt. Doch will Melkus Komponenten vom britischen Sportwagenhersteller Lotus übernehmen. Das Auto wird sich also fast ohne Ostalgie-Bonus auf dem Markt behaupten müssen - für stolze 80 000 bis 90 000 Euro. Wartburg-Elemente wird man vergebens suchen. „Es wird einen klaren Schnitt geben“, sagt Sepp Melkus. „Wir leben im Jahr 2008. Ich will nicht, dass der Melkus nur mit der DDR verbunden wird.“

          Da wird es dann nicht mehr so ursprünglich zugehen wie in Großvaters erstem RS 1000, in den man so schwer einsteigen kann. Allerdings, und hier liegt dann der nächste Unterschied zum Bundeswehreinsatz: So herrlich ist es innen drin, dass man gar nicht mehr raus möchte. Oder zumindest erst nach einer Viertelstunde, wenn der scharfe Benzingeruch in die Nasenschleimhaut beißt und der Krampf im Oberschenkel unausweichlich wird.

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