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Möbeldesign : Schwede! Welcher Schwede?

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Hätten sie es gewusst? Das String-Regal ist ein schwedischer Designklassiker. Bild: Hersteller

Skandinavisches Design kennt jeder. Aber was genau stammt eigentlich aus Schweden? Wer keine Namen wie Alvar Aalto und keine Ikonen wie den Egg Chair vorzeigen kann, wird leicht übersehen.

          Draußen Berlin-Dahlem, drinnen Schweden. Wer den Botschafter in seiner Residenz besucht, ist sehr schnell sehr weit weg. Denn alles hier ist mit skandinavischem Design eingerichtet. Hell, klar, einfach. So wie wir es schätzen und dabei Ländergrenzen gern unbeachtet lassen. Genauer gesagt, steht hier speziell schwedisches Design, nicht einfach skandinavisches. Woran man das merkt? Weil man fast keins der Möbelstücke kennt. Kein geläufiger Klassiker springt ins Auge, kein Designername, der bei uns in aller Munde wäre. Hocker von Thomas Sandell? Teppich von Pia Wallén? Stuhl von Claesson Koivisto Rune? Bei den meisten Menschen klingelt da nichts.

          Die Schweden – sie gehen gern mal unter, wenn es um Design geht. Übersehen zwischen Finnland und Dänemark, die bekannt sind für unzählige Stardesigner und Designklassiker. Schweden hat keinen Alvar Aalto, keinen Hans J. Wegner, keinen Arne Jacobsen oder Verner Panton. Nirgends eine PH-Leuchte, ein Tulpenstuhl, ein Egg Chair. Schweden ist eher bekannt für Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter und Michel aus Lönneberga, der dort Emil heißt. Dabei lassen die Entwürfe nichts zu wünschen übrig – weder im Stil noch in der Qualität. Wie kommt’s also, dass man nicht wirklich berühmt wurde?

          Bekannte Klassiker und junge Wilde

          Ewa Kumlin streicht über einen schlanken, stoffbezogenen Sesselrücken im Separee der Residenz. Die Chefin von Svensk Form, der schwedischen Designorganisation, an diesem Märzabend beim Botschafter zu Gast, ist selbst eine Art Botschafterin für die schönen Dinge des Landes. Natürlich kennt sie jedes Stück, jeden der Designer – das Interieur des Botschaftshauses eine Fundgrube. „Diese Sessel von Anna Kraitz liebe ich besonders.“ Sie befühlt die wild auf der Lehne verteilten und daher ihrer Funktion beraubten Knöpfe.

          Stuhl „Unna“ von Monica Förster (für Zanat).

          Im kleinen Salon stehen eine Reihe „Hochzeitshocker“ von Thomas Sandell ineinandergesteckt an der Wand entlang. Sie wirken wie eine moderne Landleben-Version, perfekt für ein urbanes Bullerbü – und bekamen 1990 einen Preis für exzellentes schwedisches Design. In der Ecke des Kaminzimmers ein ausladender Solist, der Sessel „BD5“ von Björn Dahlström. Der steht da so selbstbewusst, dass man kurz überlegt: Muss man den kennen?

          Seit dreizehn Jahren überblickt Ewa Kumlin die schwedische Designszene – sowohl die nationalen Highlights als auch die jungen wilden Entwürfe. Da sind allen Schweden bekannte Klassiker wie das „String-Regal“, bei dem die Regalbrettern quasi in kleinen Leitern stecken, der filigrane Gartenstuhl „Desirée“ von Yngve Eckström aus den Fünfzigern und das Volksgeschirr mit Ährenmuster, „Swedish Grace“, dazu viele Innovationen wie der Airbag-Fahrradhelm „Hövding“ und neuere Entwürfe wie der Kerzenleuchter „Salut“ aus recyceltem Aluminium von Signe Persson-Melin oder die durchdachte Küchenutensilienserie von Shane Schneck für Ommo sowie der hölzerne Loungechair „Unna“ von Monica Förster.

          Design für alle

          Svensk Form verleiht alle zwei Jahre den Design-S-Preis für die besten schwedischen Produkte und den Ung Svensk Form für neue Designideen. Sicher kann sie erklären, warum die Schweden zwischen ihren Nachbarn so lange übersehen wurden? „Wir waren immer ein wenig anonymer“, meint Ewa Kumlin. Man setzte mehr auf Teamarbeit als auf Stars, zumindest bis in die neunziger Jahre. Der international bekannteste Designer war vielleicht noch Bruno Mathsson, Sohn eines Schreiners. Er hat die ergonomische Form vorgedacht. Sein Mantra: Bequemes Sitzen darf keine Kunst sein. Mathssons berühmtestes Möbel: der mit Gurten bespannte Holzsessel „Eva“. „Nichthierarchisch mit humanistischer Perspektive, das war immer in der DNA unseres Designs“, erklärt Ewa Kumlin. Also kein Personenkult. Prinzip Gleichheit. Das Design von Menschen für Menschen. Für ihr Wohlbefinden, für ihre Gesundheit. Und oft auch gut für den Geldbeutel.

          Sessel „Eva“ von Bruno Mathsson.

          Dass Schweden die Heimat eines großen, internationalen Möbelhauses ist, kommt nicht von ungefähr. „Unternehmen wie H&M und Ikea hat man in anderen nordischen Ländern nicht, und sie konnten nur in diesem Kontext wachsen.“ Also im Nichthierarchischen, Simplen, Leistbaren. Und sie fügt an: „Natürlich haben sie auch ein großes Geschäft mit dieser Philosophie gemacht.“ Berührungsängste gibt es keine. Auch die Design-Elite des Landes entwirft ganz selbstverständlich für Ikea. Warum auch nicht? Design für alle – wo ist man näher am Menschen als dort?

          Initiative für schwedisches Design

          Wenn ein Schwede an seine Kindheit denkt, fallen ihm so schöne Dinge ein wie dieser Dackel zum Ziehen oder das kleine, rote Dalapferd. Handwerkstraditionen erhalten heißt in Schweden auch oft gleich das Stilvolle erhalten. Das ist natürlich dankbar. Zugegeben: In den Nachbarländern ist das nicht anders. Design als etwas Alltägliches, überall anzutreffen, kein Luxus. Das ist uns in Deutschland nie gelungen. Wer ist hierzulande schon mit Bauhausmöbeln aufgewachsen?

          Vielleicht war man in Schweden bisher einfach zu bescheiden? Jedenfalls wurde im Februar in Stockholm und nun in Berlin-Dahlem eine Regierungsoffensive gestartet, die „Swedish Design Moves“, die vier Jahre lang schwedisches Design, Mode und Architektur in die Welt hinaustragen und Besucher auf der Suche nach dem Land des guten Designs nach Schweden locken soll. Für alle, die es diesen Sommer nicht so weit schaffen: Småland findet sich auch ganz in der Nähe, in jedem Ikea, ist dort allerdings keine schwedische Region, sondern eine Kinderaufbewahrung.

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