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Möbel von Ercolani : In 100 Jahren von Italien über London um die Welt

Die Brüder Ercolani: Mimo, William, Lucian und Victor im Jahr 1908 in London Bild: Foto privat, Hersteller

Über vier Generationen entwirft die Familie Ercolani bereits Möbel in England. Der Windsor-Stuhl machte sie nach dem Krieg berühmt – und auch heute noch entwirft sie Modernes.

          3 Min.

          In der Nähe von London lag einst ein Zentrum der europäischen Möbelindustrie. In High Wycombe in Buckinghamshire wurden vor allem Stühle hergestellt, zeitweise mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Einer von ihnen ist besonders bekannt geworden: der Windsor-Stuhl. Schon seit dem frühen 17. Jahrhundert wurde er in den Chiltern Hills und in High Wycombe produziert und von dort über das Städtchen Windsor die Themse hinunter nach London und weiter in die ganze Welt verschifft.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Für den Windsor-Stuhl wird wenig Holz benötigt, großes handwerkliches Geschick ist ebenfalls nicht vonnöten, um ihn in seiner einfachsten Form zusammen und auch schnell wieder auseinanderzubauen: Er hat vier Beine, die in Löchern in der Sitzfläche stecken, und eine Rückenlehne, die ebenfalls meist nur aus gedrehten Stäben gefertigt ist. Einer der erfolgreichsten Hersteller des Windsor-Stuhls in High Wycombe war Ercol.

          Die Geschichte dieses Unternehmens beginnt weit entfernt von High Wycombe – im kleinen italienischen Ort Sant' Angelo in Vado bei Urbino. Dort machte sich 1898 der damals zehnjährige Lucian Randolfo Ercolani mit seinen Eltern und seinen Brüdern Mimo, William und Victor auf den Weg, um in London sein Glück zu versuchen. Den Ercolanis half die Heilsarmee beim Neuanfang. „Der Vater meines Urgroßvaters hatte zuvor Bilderrahmen für die Uffizien in Florenz gefertigt“, erzählt Henry Tadros, der die vierte Generation im Hause Ercol repräsentiert.

          Der Windsor-Stuhl (vorne im Bild) auf einer Messe 2019 in Köln

          In London arbeitete Abdon Ercolani als Schreiner für die Heilsarmee. Dem Handwerk des Vaters folgte schon bald der älteste Sohn. Lucian Ercolani ließ sich am Shoreditch-Institut in London ausbilden, lernte zu zeichnen und Möbel zu entwerfen. Nach der Ausbildung ging er mit Anfang 20 zum damals bekanntesten Möbelhersteller des Landes, Frederick Parker, nach High Wycombe. Dort gründete Henry Tadros' Urgroßvater 1920 sein eigenes Unternehmen, das erst Furniture Industries hieß, später nach dem Familiennamen einfach Ercol. Lucian Ercolani und seine Frau Eva bekamen zwei Söhne, Lucian Junior, genannt Lucian B, und Barry, sowie eine Tochter, Roma. Sie ist Henry Tadros' Großmutter.

          Modernisierung im Familienbetrieb

          Ercol stellte zunächst fast ausschließlich Stühle her. Der kleine Betrieb wuchs schnell, doch bald schon kam der Krieg. Die Insellage erschwerte die Produktion, Holz und Werkzeuge waren Mangelware. Die wenigsten Briten dachten im Krieg daran, neue Möbel zu kaufen. Ercol bekam Aufträge vom Militär, stellte zum Beispiel Heringe aus Holz für Zelte und Patronenkisten her. Die Regierung in London bestellte im vorletzten Kriegsjahr bei Lucian Ercolani 100.000 besonders preiswerte Stühle. Er entwickelte eine Art Volksstuhl, der nur 50 Pence kostete, was damals nicht einmal fünf Reichsmark entsprach.

          Mit dem Volksstuhl machte sich Ercolani einen Namen im Königreich. Gleich nach dem Krieg, 1946, wurde er eingeladen, sich auf der Messe „Britain Can Make It“ im Victoria & Albert Museum in London zu präsentieren. Die Ausstellung sollte zeigten, welche Bedeutung Industriedesign für die am Boden liegende Wirtschaft hatte. Ercolani besann sich auf den für Notzeiten bestens geeigneten Windsor-Stuhl und entwarf eine ganze Kollektion.

          Vater und Sohn: Edward (links) und Henry Tadros repräsentieren die dritte und vierte Generation im Haus Ercol.

          Nach und nach kamen Sessel, Tische, Sideboards, Schränke und sogar eine Küche hinzu. Zu den bekanntesten Entwürfen Ercolanis zählt der sogenannte Loveseat, eine Bank für zwei Personen, und ein stapelbarer Stuhl, beide im Windsor-Stil und aus dem Jahr 1956. Der Stacking Chair wurde ein Verkaufsschlager, gerade weil er sich „unendlich“ stapeln lässt. Das bewies eine Installation von Martino Gamper im Jahr 2009 im Victoria & Albert Museum: Der aus Italien stammende Designer, der seit 20 Jahren in London lebt und arbeitet, steckte 120 Windsor-Stühle der Ercolanis zusammen und formte eine Art Triumphbogen aus ihnen.

          Bis heute hat Ercol etliche Stühle des Firmengründers im Programm. Doch Henry Tadros' Vater Edward, der 1993 die Verantwortung für Ercol von seinem Onkel Lucian B Ercolani übernahm, hat den Familienbetrieb auch modernisiert. Er hat namhafte Designer geholt, unter ihnen den Briten Matthew Hilton, die Japanerin Tomoko Azumi, die Italienerin Paola Navone und den Isländer Hlynur V. Atlason. Von ihm stammt die aktuelle Kollektion Von, ein modulares System aus Stühlen, Bänken, Tischen. Auch ein Sessel gehört dazu, den es unter anderem mit nur einer Armlehne samt kleiner Arbeitsplatte gibt.

          Sorge wegen anstehendem Brexit

          Lucian Ercolanis Urgroßenkel Henry arbeitet seit 2011 im Unternehmen mit. Der Einunddreißigjährige, der an der Schule für orientalische und afrikanische Studien der Londoner Universität Geschichte studiert hat und mit einem Bachelor abschloss, kümmert sich bei Ercol seit gut einem halben Jahr um den internationalen Markt. Der sei noch überschaubar, wachse aber stetig. „Gut 80 Prozent unserer Möbel verkaufen wir noch im Vereinigten Königreich, gefolgt von Deutschland, Australien und Japan“, erzählt Henry Tadros. Ihn beschäftigt der Brexit. „Es wird sicher nicht einfacher für unser Unternehmen, doch was genau passiert, weiß ich einfach nicht.“

          Henry Tadros lebt in London. Ercol selbst ist seit 2002 nicht mehr in High Wycombe, sondern ist nach Princes Risborough gezogen, ein paar Kilometer von der alten Produktionsstätte entfernt. Die neue Fabrik ist mit 16.000 Quadratmetern wesentlich größer als die alte. „Bis heute wird bei uns noch viel mit Hand gearbeitet“, sagt Henry Tadros. Die Möbelstücke werden zum Beispiel von Hand geschmirgelt, was vor allem Arbeitskräfte aus Süd- und Osteuropa erledigen.

          Der Juniorchef hat neben italienischen und englischen Wurzeln auch ägyptische (sein Großvater hieß Tadros) und über seine Mutter schottische. Oft wird Henry Tadros nach der Herkunft seines Familiennamens gefragt. „Ich antworte dann, dass ich die moderne Version eines Engländers bin.“

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