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Der weiße Anzug : Ich, weiß

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Erst erlebte er den Siebzigern sein Revival durch Robert Redford und dann brachte ihn Leonoardo DiCaprio in der selben Rolle wieder auf die Leinwand: der weiße Anzug am „großen Gatsby“ Bild: Warner Bros

Der weiße Anzug ist Weisheit zum Anziehen. Unser Autor probiert ihn an, entwirft sich als Michael Jackson und erreicht eine höhere Bewusstseinsebene.

          5 Min.

          Der weiße Anzug ist das letzte Stück Widerstand in der Kleidungswelt. Er ist so etwas wie der Fehdehandschuh, den man der modischen Beliebigkeit hinwirft. Nach dem schwarzen Rollkragenpullover der Existentialisten ist er das einzig übriggebliebene Stück Philosophie zum Anziehen, weil er das innere Licht seines Trägers scheinen lässt. Ein elegantes Priestergewand der Erleuchtung auf dem Weg ins Mode-Nirwana, mit dem der Träger schon äußerlich demonstriert, dass er eine höhere Bewusstseinsebene erreicht hat – wie der langhaarige John Lennon mit Vollbart auf der Abbey Road, der 1969, ein Jahr nach dem legendären „White Album“, dem Rest der Beatles nicht nur in der Anzugfarbe einen Schritt voraus war.

          Kaum ein Kleidungsstück polarisiert so unmittelbar wie der weiße Anzug, weil er in jeder bunten Menschenmenge sofort auffällt. Er kühlt mit seinem Gestus der Unberührtheit die gefühlte Temperatur im Mikroklima um ihn herum automatisch um ein paar Grad ab.

          Die Haltung des Anzugträgers

          Dabei ist die Überlegenheit der Farbe, die alle anderen Farben in sich vereint, schon wortwörtlich mit Licht und Reinheit verbunden. Das griechische leukos (weiß), aus dem im Lateinischen lux wird (das Licht), gab Zeus, dem höchsten Gott des Olymp, der sich problemlos in einen weißen Stier oder Schwan verwandeln konnte, seinen Beinamen leukaios (der Weiße). Und auch zu den höchsten christlichen Feiertagen schreibt die katholische Liturgie jene Farbe vor, in der Gott Daniel als Vision erschienen ist. Weiß ist auch semantisch der Weisheit am nächsten. Der weise weiße Anzug ist aber trotz unschuldiger Farbe immer noch eine Provokation. Woran liegt das nur?

          Knapp 100 Jahre nach dem gleichnamigen Musical von Cole Porter gilt doch heutzutage in der Mode mehr denn je: anythinggoes. Jeder kann alles anziehen, was ihm beliebt, niemand regt sich mehr über irgendetwas auf. Selbst Tattoos, Nasenringe, Nieten oder Piercings gehören vier Jahrzehnte nach Punk inzwischen zur Uniform der Hipster. Was macht also die Leute am weißen Anzug nur so wütend?

          Eckhart Nickel, deutscher Schriftsteller und Journalist, posiert im weißen Anzug von Boss X Michael Jackson.
          Eckhart Nickel, deutscher Schriftsteller und Journalist, posiert im weißen Anzug von Boss X Michael Jackson. : Bild: Jana Mai

          Die Haltung, mit der er getragen wird. Es gilt als frech, sich ihn leisten zu können, was aber nicht an seinem Preis liegt, sondern an der Nonchalance, die mit ihm einhergeht. Wer einen weißen Anzug trägt, besitzt die Chuzpe zu denken, er könne sauber bleiben und müsse sich im Lauf des Tages oder der Nacht nicht die Hände schmutzig machen. Auch ohne Dreiteiler gibt er zu erkennen, dass er eine weiße Weste hat. Seine Selbstdisziplin bewahrt ihn vor jeglichen Verunreinigungen, was Max Goldt 2002 in seinem Werk „Wenn man einen weißen Anzug anhat“ zu der Theorie inspirierte, die Konzentration, mit der man in einem weißen Anzug Rotwein trinke, führe letztlich dazu, dass einem „wahrscheinlich gar nichts mehr passiert“.

          Der große Schein

          Wer ihn anzieht, stellt sich in eine elitäre Ahnenreihe, die ebenfalls anstößig sein mag. Da ist zunächst eine Figur von Thomas Mann, der selbst später den kalifornischen Stil im Exil von Pacific Palisades adaptierte und sich ganz in Weiß im Garten mit Enkel Frido ablichten ließ. Sein Künstler Gustav von Aschenbach im „Tod in Venedig“ steht wie kein anderer für Dekadenz und Verfall.

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