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U-Bahnhof Museumsinsel : Ein Sternhimmel unter Berlin

Unendlich blau: Das Ultramarin des Sternhimmels erinnert an die Nacht in den Bergen, die Bilder an den Wänden an Schinkels Werke in der Stadt. Bild: Stefan Müller

Nach mehr als neun Jahren Bauzeit wird der U-Bahnhof Museumsinsel am Freitag eröffnet. Pendler, Touristen und Bahnfans können sich beim Warten auf den nächsten Zug in einem Sternhimmel verlieren.

          3 Min.

          Ein Sternhimmel unter Erde – in Berlin wird es Wirklichkeit. Wenn an diesem Freitag der U-Bahnhof Museumsinsel eröffnet wird, ist Berlins Mitte um eine Attraktion reicher. Dann können sich Pendler, Touristen und Bahnfans in dem tiefen Blau der Decke und ihren 6662 Lichtpunkten verlieren, bevor sie wieder im Trubel der Hauptstadt verschwinden.

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          „Es ist eine besondere Herausforderung, eine U-Bahn-Station so zu gestalten, dass man gern dort verweilt, bis der Zug kommt“, sagt Max Dudler. Der Architekt hat den Sternhimmel unter Berlin entworfen. Die beiden Streckentunnel und die von zwei Säulenreihen getragene Plattform mit einer flachen Decke bilden den Bahnsteigraum. „In der U-Bahn-Station ist ja immer Nacht. Und ein Sternhimmel hat etwas Unendliches. Man weiß nicht, wo er aufhört. Dieses Gefühl von Unendlichkeit wollte ich erzeugen.“

          Inspiriert hat ihn dabei Karl-Friedrich Schinkel. Der Bahnhof ist für Dudler eine Hommage an den preußischen Architekten. „Im 19. Jahrhundert wurde der ganze Stadtraum von Schinkel geprägt. Es war von Anfang an meine Idee, ihn unterirdisch zu verewigen.“ Das Alte Museum und das nicht weit entfernte Schauspielhaus auf dem Gendarmenmarkt gehören zu Schinkels bekanntesten Werken. Dudler gestaltete den räumlichen Übergang zwischen Gleisen und Bahnsteig nach dem Vorbild eines klassizistischen Arkadengangs. So fahren die gerade aus dem Tunnel kommenden Züge schon nach fünf Metern in einem steinernen Torbogen ein. Die Wände des gesamten Bahnhofs wurden in Anlehnung an klassizistische Architektur mit hellem Granit aus dem Fichtelgebirge verkleidet.

          Der Schweizer Architekt Max Dudler
          Der Schweizer Architekt Max Dudler : Bild: Pascal Rohé

          Für die gewölbte Decke orientierte sich Dudler an einem Bühnenbild, das Schinkel 1816 für eine Aufführung von Mozarts „Zauberflöte“ gestaltete: die Sternenhalle im Palast der Königin der Nacht. Wichtig war ihm dabei die Farbe: „In den Bergen ist der Nachthimmel schwarzblau – nicht schwarz, denn es gibt immer das Licht der Sterne. Das ist ganz fantastisch!“ Für die Arkaden des U-Bahnhofs wurde deshalb ein besonders kräftiges Dunkelblau der Schweizer Farbmanufaktur kt.COLOR gewählt: Ultramarin – der französische Maler Yves Klein soll es als „sichtbares Zeichen der Unendlichkeit“ bezeichnet haben.

          Auch die Wände hinter den Gleisen sind ein Blickfang des 180 Meter langen Bahnhofs. Wo sonst Werbung hängt, können Fahrgäste hier Fotos von Stefan Müller und Philipp Arnold betrachten. Die großformatigen Bilder zeigen Detailaufnahmen wie Säulen oder Fragmente der umliegenden Gebäude. „Diese Tafeln sind Ausschnitte von oben“, sagt Dudler. „Wir fanden es interessant, dass Schinkels Fragmente von der Museumsinsel auch unter dem Sternhimmel auftauchen.“

          Bild: F.A.Z.-Karte sie.

          Dudler, der aus den Bergen stammt, nämlich aus der Schweiz, studierte Architektur an der Städelschule in Frankfurt und an der Hochschule der Künste Berlin. 1992 gründete er sein Architekturbüro. Für den vielfach ausgezeichneten Architekten ist die Museumsinsel nicht der erste Bahnhof, den er gestaltet hat. In Leipzig schuf er die unterirdische S-Bahn-Station Wilhelm-Leuschner-Platz. Deshalb wurde er von der Stadt Berlin eingeladen, am Wettbewerb um den Auftrag für die Museumsinsel teilzunehmen, den er 1998 gewann. Bis zum Baubeginn vergingen noch 14 Jahre. Da der U-Bahnhof Museumsinsel zum Teil unter dem Spreekanal liegt, musste zum Schutz gegen eindringendes Wasser zunächst der Boden vereist werden, bevor mit den eigentlichen Bauarbeiten im April 2012 begonnen wurde. Das Richtfest fand schließlich am 10. Februar dieses Jahres statt. Mit der Eröffnung des Bahnhofs ist der Lückenschluss der Linie U5 zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor fast abgeschlossen. Die Nachbarbahnhöfe „Rotes Rathaus“ und „Unter den Linden“ gingen schon im Dezember in Betrieb.

          Der neue Bahnhof hat vier Eingänge zwischen Kupfergraben und Deutschem Historischen Museum, dem Kronprinzenpalais und auf dem Schlossplatz. „Die Zugänge sind für mich besonders wichtig“, sagt Dudler. „Sie sind der Eintritt in die Unterwelt.“ Wegen der historischen Umgebung habe er sie zurückhaltend gestaltet.

          Im Vor-Corona-Jahr 2019 zogen die fünf Museen auf der Museumsinsel knapp 2,5 Millionen Besucher an. Dudlers Bahnhof wird also einiges aushalten müssen. Auch deshalb legt der Architekt viel Wert auf Nachhaltigkeit, im materiellen wie im künstlerischen Sinne. „Die Räume müssen langfristig gedacht werden. Der U-Bahnhof sollte kein technisches Wunderwerk werden, sondern ein Raumerlebnis. Heutzutage gibt es viele Architekten, die zu technologisch denken – mit wahnsinnig tollen Materialien. Aber die sind weder nachhaltig noch zeitlos. Sobald man den Raum verlässt, hat man ihn auch schon wieder vergessen.“

          Hellgrauer Schiefer aus dem Fichtelgebirge wurde zur Verkleidung der U-Bahnstation genutzt.
          Hellgrauer Schiefer aus dem Fichtelgebirge wurde zur Verkleidung der U-Bahnstation genutzt. : Bild: Stefan Müller

          Ganz ohne Technik kommt jedoch auch Dudler nicht aus. Damit seine 6662 Sterne tatsächlich leuchten, müssen die verbauten Lichtwellenleiter von Projektoren angestrahlt werden. Diese sind hinter der Deckenverkleidung angebracht. Der U-Bahnhof Museumsinsel wird Berlins 175. Metrostation sein, mit 20 Metern unter der Erde sogar der tiefste der Hauptstadt. Für Dudler jedoch ist sie mehr: ein Kulturbahnhof. „U-Bahn-Stationen sind öffentliche Orte wie ein Platz oder eine Straße. Man baut die Stadt unterirdisch weiter. Die Besucher sollen Freude daran haben, durch den öffentlichen Raum zu gehen.“

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