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Zum Tod Sonia Rykiels : Das Ende einer Ära

Bild: AP

Sie hatte ihre ersten Pullover für sich selbst in der Schwangerschaft gestrickt. 1968 traf ihre Mode den Nerv der Zeit und Sonia Rykiel wurde von Paris aus zur „Queen of Knits“ und machte ihr Modehaus zu einer Institution.

          In einer Zeit, als die Mode noch nicht in dem Maße von ein paar Großkonzernen bestimmt war wie heute, als die Zahl der Marken so überschaubar war, dass die sich gegenseitig kaum im Fach Marketing  übertrumpfen mussten, weil eh jeder des Produktes wegen für etwas Besonderes stand, gab es sie noch, die Modezaren. Der Begriff scheint heute wie ausgestorben, er erzählt von Designern, die den ganzen Tag von ihrer Muse umgeben waren und am Abend eine neue Kreation geschneidert hatten. Modezaren waren ausschließlich Männer. Frauen, die es als Designerinnen geschafft hatten, adelte man hingegen mit dem Titel Queen: Queen of Less (Jil Sander), Queen of Punk (Vivienne Westwood) oder eben Queen of Knits (Sonia Rykiel).

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass die Ära der Modezaren und der „Queens of…“ zu Ende geht, ist an diesem Donnerstag besonders deutlich. Die französische Modeschöpferin – auch so ein Titel, der heute unpassend scheint – Sonia Rykiel ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Das gab ihre Familie am Vormittag bekannt. Dabei hatte Rykiel streng genommen zwei Markenzeichen, ihre knits, also ihre bunten Strickkleider und Strickpullover, die sie in der Schwangerschaft zunächst für sich selbst strickte, und dann als Umstandsmode in der Boutique ihres Mannes verkaufte.

          Mit Strickpullovern, gern auch mit Streifen, wurde Rykiel berühmt. Dieser Idee blieb sie treu, wie hier bei der Pariser Fashion Show 2005.

          Als die Familienplanung abgeschlossen war, fertigte die Pariserin fortan kleinere Pullover, zum Glück der Frauen ohne Babybauch, der besonders zierlichen. Dann wurde es 1968, und mit den gesellschaftlichen Umbrüchen passten ihre unkomplizierten Pullover bestens in die Zeit – als Protestmode gegen die Diktatur des bürgerlichen Wohlstandes. Kein Zufall also, dass Sonia Rykiel im selben Jahr - und nun geschieden - ihre erste eigene Boutique in Saint-Germain-des-Prés eröffnete, dem Viertel, wo richtig was los war. Bald darauf sollte sie entsprechend bekannt werden. 1972 landete Rykiel mit ihrer Mode jedenfalls auf der Titelseite von „Women’s Wear Daily“, die „Queen of Knitwear“, wie das Blatt schrieb. Zu ihren Kundinnen zählten die Großen der Zeit: Brigitte Bardot, Catherine Deneuve, Audrey Hepburn, die Sonia Rykiel für ihre unkomplizierten wie einzigartigen Strickteile schätzten, die Dame mit den flammend roten Haaren in Dreiecksform, ihr zweites Markenzeichen, die bis ins hohe Alter auffällig leuchteten. So wie ihre Mode.

          Ausgezeichnet: Rykiel bekam 2009 den Orden der Ehrenlegion vom damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy überreicht.

          Sonia Rykiel brauchte, anders als die Modezaren der Zeit, keine Muse. Sie hatte ja ihre Tochter Nathalie, zugleich Model des Hauses, später Designerin, dann Geschäftsführerin und Kreativdirektorin und heute Beraterin. Das Haus wird nun nicht mehr von einer Queen kreativ verantwortet, sondern von Julie de Libran. Sie leitet die 48 Jahre alte Marke im Haifischbecken der Mode so erfolgreich, wie das eben möglich ist. Eine Pariser Institution bleibt das Haus Sonia Rykiel trotzdem, obwohl die chinesische Investmentfirma Fung Brands vor vier Jahren 80 Prozent davon übernommen hat. Als die Marke vor acht Jahren vierzigstes Jubiläum feierte, waren sie alle dabei: 30 Designer hatten Looks im Stil von Sonia Rykiel entworfen, darunter Karl Lagerfeld für Chanel, Jean Paul Gaultier, Christian Lacroix, Martin Margiela, Riccardo Tisci für Givenchy und Stella McCartney. Eine Art Comeback der Mode-Vergangenheit, der Zeit der Zaren und Königinnen, auf dem Laufsteg. Erst nach dem Besuch einer Sonia-Rykiel-Schau Anfang der Neunziger kam der Regisseur Robert Altman übrigens auf seine legendäre Satire „Pret-a-porter“.  In diesem Sommer verstarb die Queen of Knits nach langer Parkinson-Erkrankung.

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