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Geniekünstler Emil Lettré : Das Gold der Goldenen Zwanziger

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Die Werke des Goldschmieds Emil Lettré werden am 30.11. im Auktionshaus Grisebach in Berlin versteigert. Bild: Grisebach

„Über die meisten der zehn Gebote, kam ich leichten Herzens hinweg“, schrieb das Goldschmied-Genie Emil Lettré über seine Zeit in Berlins wilden Zwanzigern. So avantgardistisch wie sein Lebensstil war auch seine Kunst. Nun wird der verloren geglaubte Nachlass versteigert.

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          Fast hätte er Rilke zum Goldschmied gemacht. „Ich habe ihn arbeiten gesehen“, schreibt der Dichter in einem Brief. Vor „diesen stillen Gegenständen und dem Schaffen des Handwerkers“ habe er empfunden, „dass hier der richtige Weg“ sei. Emil Lettré, junger Goldschmied aus Hanau, hatte Rainer Maria Rilkes Manschettenknöpfe gefertigt und seine Begeisterung geweckt. Dann jedoch besann sich der Dichter aufs Dichten und widmete seinem Freund 1906 ein Gedicht: „Der Goldschmied“.

          „Emil Lettré war ein genialer Gold- und Silberschmied. Er hatte ein phantastisches Gefühl für Ästhetik“, sagt Christianne Weber-Stöber, die das Deutsche Goldschmiedehaus in Hanau leitet. Es ist ihr zu verdanken, dass die Stücke jetzt ans Licht kommen. Erst anlässlich einer Ausstellung in Lettrés Heimatstadt Hanau 2010 fingen sie an, die Erben zu kontaktieren und Stücke zu sichten. Jetzt, sieben Jahre später, werden sie beim Auktionshaus Grisebach in Berlin versteigert.

          „Für uns ist das Bedeutende an seinem Werk diese unglaubliche Zeitlosigkeit, diese klaren, kühlen Linien, handwerklich ausgefeilt und hochindividuell“, sagt Stefan Körner, Kunsthistoriker beim Auktionshaus. 60 Lose gibt es, vom Wandspiegel über Zigarettenbecher hin zu Tafelbesteck und einer feuervergoldeten Toilettengarnitur, von Perlenringen mit Saphiren und Diamanten hin zur silbernen Fruchtschale. Lettré war der Schmied, der das Gold in die Goldenen Zwanziger trieb.

          „Klare, kühle Linien und handwerklich ausgefeilt und hochindividuell“,  sagt Stefan Körner, Kunsthistoriker beim Auktionshaus über Lettrés Werke.

          Er galt als Genie

          Emil Lettré wurde 1876 in eine Hanauer Handwerkerfamilie geboren. Als Goldschmied wurde er schnell bekannt, machte Stationen in Wien, Zürich, Nizza und Paris. Er war anders als die renommierten Goldschmiede: progressiver und klarer. Über München kam er nach Berlin, dem Ruf Alfred Messels folgend. Lettré sollte das Geschirr für das „Kronprinzensilber“ liefern, als Geschenk der preußischen Städte zur Hochzeit von Kronprinz Wilhelm. Doch Lettré gefielen die Ideen der anderen nicht, also stieg er einfach aus. Leisten konnte er es sich: Er galt als Genie, das auf der Grenze zwischen Selbstbewusstsein und Größenwahn vor sich hin ziselierte. Krupp wie Kaiser kauften bei ihm ein. Als andere das „Kronprinzensilber“ fertigstellten, war die Monarchie längst in der Auflösung begriffen – und Lettré ein Star.

          Ornamentaler Goldschmuck und Silberwaren von „entzückender Einfachheit“: Sein Werk war so mannigfaltig, dass manche kaum glauben konnten, dass nur ein Mensch dahintersteckte. Er folgte dem Ruf einer Zeit, als Berlin von Charleston und Foxtrott lebte. Lettrés Schmuck wird geprägt von klassizistischer Formensprache, dem rasenden Puls einer jungen Weltstadt und den Einflüssen der englischen Landhauskunst. Die Mode der Engländer brachte er früh nach Deutschland. In Berlin war er einer der Ersten, die Smoking trugen. „Über die meisten der zehn Gebote“, schrieb Lettré in dieser Zeit, „kam ich leichten Herzens hinweg.“

          Goldschmied-Genie Emil Lettre (links) mit dem Architekten Edgar Koenig und dessen Ehefrau auf dem Sezessionsball in Berlin 1925

          Lettré hat sich gern inszeniert, selbst im Geschäft. Wenn Kundschaft kam, lag er schon mal auf dem Boden, den Blick in die Ferne schweifend, und näselte: „Reden Sie nur, ich höre schon.“ Wenn die Frau eines Kunden seinen Schmuck nicht mochte, war es eben die falsche Frau, sagte Lettré. Ohnehin nannte er seine Kunden abfällig „Besteller“, selbst die wichtigen, fast klang es wie „Bittsteller“, das waren sie in seinen Augen. „Lettré gab sich kühl und unnahbar wie seine Kunst“, sagt Körner. Sein Lieblingsobjekt ist ein Diadem mit Straußenfedern von 1914.

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