https://www.faz.net/-hrx-8b3pb

Designer Ingo Maurer : Es werde Licht

Es waren schwere Zeiten für den jungen Familienvater, der als freier Designer mühsam versuchte, „Geld für Windeln“ zu verdienen. Und so ist er nicht nur die Lichtgestalt, die Ikonen der Designgeschichte entworfen hat, sondern auch der Geschäftsmann, der damals eine nach ihm benannte und weitgehend vergessene massentaugliche Leuchten-Kollektion auf den Markt brachte. Mit Füßen aus Murano-Glas, Schirmen mit Zebra-Muster und aus Holz gefertigten und mit Baumwollstoff bezogenen Veroneser Schirmen. Die Maurer-Leuchten, kurz „ML“, nennt er „meine Puffkollektion“. Auch mit Obst, Würsten und Gemüse aus weichem Kunststoff verdiente er sein Geld. „Tutti Frutti“ hießen die Deko- und Scherzartikel, mit denen er über Messen tingelte. Sie waren ein Erfolg, weil sie quietschten, wenn man sie zusammendrückte.

Licht ist sein Lebensinhalt – bis heute

Auch mit seiner Leuchte „Bulb“ fuhr er anfangs durch die Lande, um sie Möbelhäusern zum Verkauf anzubieten. Dabei sei es ein Glück gewesen, dass er und seine Frau sich auf München als Wohnort geeinigt hatten. „Hier habe ich noch immer einen Handwerker gefunden, der meine verrückten Ideen umsetzen konnte.“ 1970 bezog er an der Kaiserstraße mit einer Handvoll Mitarbeitern eine eigene alte Werkstatt. Im Laufe der Jahre wurde sein Unternehmen immer größer. 1983 gründete er sein Designteam. Seither entwickelt er alle Projekte gemeinsam mit Designern, die fest für ihn arbeiten. Zeitweise hatte das Unternehmen mehr als 70 Mitarbeiter, heute sind es in seinem „Studioshowroomwerkstattatelier+Shop“, wie er die Kaiserstraße Nummer 47 nennt, noch etwa 65, unter ihnen Claude Maurer, eine seiner zwei Töchter, und bis zum vergangenen Jahr auch Jenny Lau, seine zweite Frau, die über viele Jahre die Geschäftsführerin seines Unternehmens war. Ihr Tod mit nicht einmal 70 Jahren setzt ihm noch immer zu. „Sie hat mich stets fliegen lassen und dann immer wieder wie einen Drachen eingefangen.“

Maurer, heute 83 Jahre alt, ist noch täglich im Studio, auch um mit dem Team an den vielen Großprojekten zu arbeiten. Es sind Firmensitze (KPMG, Linde AG), Hotels (London Edition), Einkaufspassagen (Hamburger Hof), Flughäfen (Lester B. Pearson in Toronto) und Sehenswürdigkeiten wie das Atomium in Brüssel. Eines der ersten großen Projekte war 1998 die Lichtplanung für den U-Bahnhof München Westfriedhof. Ihm verpasste Maurer elf über dem Bahnsteig abgehängte Aluminiumkuppeln mit einem Durchmesser von 3,80 Metern. Die Schirme aus Stahl sind innen in Blau, Rot und Gelb matt lackiert, beleuchtet aber wird die Station nur mit blauen und weißen Leuchtstoffröhren – der Bahnhof als „Blaue Grotte“.

Licht ist sein Lebensinhalt. Seit einem halben Jahrhundert stellt er sich der Dunkelheit. Doch strahlend muss es für ihn nicht sein. „Ich mag zwielichtige Stimmungen.“ Das schwebende Licht über dem Schnee zum Beispiel liebt er. Überhaupt sei der Winter vom Licht her interessanter als der Sommer, wegen der Nuancen. Über die Jahre hat sich seine Sicht auf seine Arbeit verändert. Anfangs sei ihm die Gestalt der Leuchten wichtig gewesen, heute gehe es ihm zuerst ums Licht. „Form follows light“: Dem Menschen sei nicht bewusst, wie wichtig Licht für unser Wohlbefinden sei. Und so ist Maurer fest davon überzeugt, dass die Energiesparlampen vor allem eine Nebenwirkung haben: Mehr Menschen werden sich bei Psychotherapeuten behandeln lassen müssen. Schon deswegen lohne es sich weiterzumachen.

Anmerkung der Redaktion

In einer früheren Version dieses Artikels waren einige Absätze einem Defekt zum Opfer gefallen. Wir haben das inzwischen korrigiert und präsentieren Ihnen den Text nun in seiner ursprünglichen Länge.

Weitere Themen

Der König der Nacht

Schweizer Pistenbully : Der König der Nacht

Eiserne Krallen zerfetzen den Schweizer Schnee: Mit dem 400-PS-Bully die Piste Planatsch hinauf und 60 Kilometer durch die eiskalte Nacht.

Topmeldungen

Biden-Präsidentschaft, Tag 1 : Er hat sich viel vorgenommen

An seinem ersten Tag im Amt nimmt Joe Biden zahlreiche Regelungen von Donald Trump zurück. Der neue Präsident will den Klimaschutz voranbringen und den Kampf gegen Corona besser koordinieren – Hindernisse sind allerdings schon programmiert.

Party für den Präsidenten : Eine große Werbeveranstaltung für Joe Biden

Anstelle des traditionellen Balls wird für Joe Biden eine virtuelle Party mit vielen Stars veranstaltet. Doch das als gutgelaunte Feier getarnte Event entpuppt sich als PR-Video. Gerade im Fahrwasser der Trump-Regierung wirkt diese Lobhudelei befremdlich.
Eine amerikanische und eine chinesische Flagge vor dem Sitz eines amerikanischen Unternehmens in Peking

Kurz nach Bidens Amtsantritt : China verkündet Sanktionen gegen 28 Amerikaner

Betroffen sind frühere Minister und Mitarbeiter der Trump-Regierung. Unternehmen, die mit ihnen in Verbindung stehen, dürfen keine Geschäfte mehr mit China machen. Ein Wechsel in die Wirtschaft könnte für die Sanktionierten so schwerer werden.
Infektion der anderen Art: Hacker erpressten die Funke-Mediengruppe durch sogenannte Ransomware.

Funke nach dem Cyberangriff : Wir haben ihre Daten!

Nachdem die Funke-Mediengruppe Ende Dezember Opfer eines Cyberangriffs geworden war, musste sie ihre gesamte IT-Struktur binnen weniger Wochen wieder aufbauen. Nun will man den Notfallmodus wieder verlassen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.