https://www.faz.net/-hrx-8b3pb

Designer Ingo Maurer : Es werde Licht

In Wirklichkeit ist „Porca Miseria!“ nicht das Werk eines unbedachten Moments. Die Produktion der Leuchte, nach einem italienischen Fluch („elendige Schweinerei!“) benannt, ist extrem aufwendig. Eine Woche lang wird feinstes Porzellan sorgsam zersägt und zerschnitten und dann behutsam wieder zusammengefügt. Die Geschirrexplosion begeisterte nicht nur die Familie Holy, weil sie ihrer Küche etwas Unordnung und viel Dynamik gab. Die leuchtende Bescherung wurde auch zum Verkaufsschlager und in die Design-Sammlung des Museum of Modern Art (Moma) in New York aufgenommen. Im Laufe der Zeit entstanden etliche Variationen: etwa „Porca China“ aus chinesischem Porzellan und Essstäbchen sowie „L'Eclat Joyeux“ mit lachenden Buddha-Köpfen.

Ideen wie aus heiterem Himmel

Maurer geht nicht mit der Zeit, er geht voran. Mit seinem Niedervolt-Lichtsystem „YaYaHo“ zum Beispiel, einem der ersten Seilsysteme überhaupt, das er kurz nach der Entwicklung in Paris im Centre Pompidou installierte. Auch zu „YaYaHo“ gibt es natürlich eine Geschichte. Die Idee sei wie ein Blitz aus heiterem Himmel auf ihn gekommen, erzählt Maurer. Am frühen Neujahrsmorgen des Jahres 1980 habe er auf Haiti Glühlampen gesehen, die direkt mit den Stromkabeln verlötet waren und die Straßen für das Fest beleuchteten. Maurer war sofort Feuer und Flamme. Allerdings dauerte es vier lange Jahre, bis das System aus Niedervolt-Halogenreflektoren, die von straff gespannten Kabeln abgehängt werden, perfektioniert war. Der Kraftaufwand hätte seine Firma fast in den Bankrott getrieben. Die Leuchte wurde tausendfach kopiert. Aber allen Plagiaten fehlen die Präzision und die detaillierte Ausarbeitung des aus 276 Teilen bestehenden Systems.

Ingo Maurer wagt sich auch immer früh an neue Materialien. Corian zum Beispiel: „Zero One“, die erste Leuchte aus dem Mineralwerkstoff, entwarf er mit seinem Designteam 1990. Oder Papier: Als alle in den Siebzigern noch mit Kunststoff arbeiteten, entdeckte er bereits seine erstaunlichen Qualitäten als Material für Lampenschirme. „Es lässt die Menschen besser aussehen“, meint er. Aus dem klassischen japanischen Fächer Uchiwa machte er eine erfolgreiche Kollektion. Und sein Lüster „Zettel'z“ wurde sogar sein Bestseller. Auch bei diesem verspielten Produkt, bei dem bedruckte oder unbedruckte Din-A-5-Blätter an Drähten um eine Lichtquelle zu kreisen scheinen, zeigt Maurer seine humorvolle Seite: Knapp zehn Jahre nach der ersten Ausgabe des Leuchters brachte er 2006 noch einige farbige Sondereditionen heraus, darunter „Blushing Zettel'z“ – mit Motiven, die chinesische Porzellanfiguren in erotischen Posen zeigen. Sie werden manchen vermutlich wirklich erröten lassen.

Am Anfang verdiente er sein Geld mit Obst aus Kunststoff

Eigentlich ist Ingo Maurer Grafiker. Das merkt man vielen seiner Entwürfe an – zum Beispiel der Schreibtischleuchte „What We Do Counts“, die noch ein Prototyp ist, einer Comic-Sprechblase aus Aluminium und Stahl mit integrierten LEDs, die um 360 Grad drehbar ist. Nach der Schule hatte Maurer eine Lehre zum Schriftsetzer in Konstanz gemacht. Danach arbeitete er als Typograph in der Schweiz, zuerst in Weinfelden im Kanton Thurgau, dann in Zürich. Von 1954 bis 1958 studierte er Grafik in München. Dort lernte er auch seine erste Frau kennen, Dorothee Becker, mit der er 1960 nach Kalifornien ging. „Mir war es damals zu eng in Deutschland.“ Nach drei Jahren schon wollte seine Frau zurück in die Heimat. „Und was eine Frau will“, sagt Maurer, „will Gott.“

Weitere Themen

Der König der Nacht

Schweizer Pistenbully : Der König der Nacht

Eiserne Krallen zerfetzen den Schweizer Schnee: Mit dem 400-PS-Bully die Piste Planatsch hinauf und 60 Kilometer durch die eiskalte Nacht.

Die heimlichen Stars der Amtseinführung Video-Seite öffnen

Bernie Sanders’ Fäustlinge : Die heimlichen Stars der Amtseinführung

Jennifer Ellis hat Bernie Sanders nie getroffen – aber mit seinem Auftritt bei der Amtseinführung von Joe Biden ist die 42-jährige Lehrerin unverhofft zu Ruhm gelangt. Sanders trug bei der Inauguration dicke Woll-Fäustlinge, die Ellis für ihn gestrickt hatte.

Topmeldungen

Vorbereitung einer Infusion.

Künstliche Antikörper : Wer bekommt Spahns Covid-Prophylaxe?

200.000 hochgradig gefährdete Bundesbürger sollen die „passive Impfung“ erhalten, für die die Regierung viel Geld in die Hand genommen hat. Die Antikörper helfen – allerdings nur vorbeugend, wenn die Infizierten noch nicht krank sind. Wer also bekommt sie?
Verrammelt und verriegelt: Das Lamb & Flag in Großbritannien

Großbritannien : 10.000 Pubs und Restaurants schließen

Großbritanniens Gastronomie ist von der Corona-Krise besonders hart getroffen. Während große Ketten sich frisches Kapital beschaffen, gehen die Kleinen unter.
Gerd Winner, No, 1983, Mischtechnik auf Leinwand

F.A.Z. exklusiv : Huber und Dabrock gegen assistierten professionellen Suizid

Evangelische Theologen haben für einen professionell assistierten Suizid in kirchlichen Einrichtungen plädiert. Das darf niemandem gleichgültig sein, dem an der öffentlichen Präsenz des Christentums gelegen ist. Ein Gastbeitrag.
Vor allem preiswerte Tintenstrahldrucker für zu Hause sind derzeit knapp.

Homeoffice : Drucker sind knapp

Während es im ersten Lockdown noch der alte Drucker tat, statten sich jetzt viele Menschen mit neuen Elektrogeräten für Homeoffice und Homeschooling aus. Hersteller und Handel trifft das unvorbereitet.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.