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Mit Hand und Fuß (1) : Schuhmacher Calogero Mannina: Der Aufsteiger

Florentiner Handwerkskunst: In Manninas Werkstatt entsteht ein weißer Lederschuh. Bild: Helmut Fricke

Schuhmacher sind Künstler und Handwerker. Wir haben vier alte Meister in Florenz, London, Paris und Frankfurt besucht. Den Anfang macht der Florentiner Calogero Mannina.

          3 Min.

          Das Eisen faucht sich tief ins Leder. Es zischt und dampft. Ein Brandzeichen der Extraklasse; ein Name wie ein Ehrenwort. In schwarzgebrannten Lettern prangt der Schriftzug auf dem Steg: „Mannina. Firenze. Made in Italy.“ Er steht für Güte und Gediegenheit. Giovanni taucht den heißen Stempel in den kalten Wasserkübel und hängt ihn an den Ständer. Er wischt die letzten Spreußen ab und setzt dann zum Finale an. Ein letztes Mal fährt er mit der flachen Hand über die glatte harte Ledersohle. Langsam und genießerisch. Ein gutes Gefühl.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Er hatte sie zuvor noch einmal kräftig malträtiert. Kurze, schallende Hammerschläge, bis sie dicht und derb erschien. Sie ist nach außen leicht gebogen und an den Rändern flach gestutzt. Zwei Jahre Gerbung in den Gruben und eine Woche Arbeit brachten die perfekte Sohle für den perfekten Schuh hervor. Ein Paar wie aus dem Lehrbuch. Der Meister wird zufrieden sein. Er ging kurz um die Ecke und schloss den kleinen Laden auf. Der erste Kunde kommt um neun; ab zehn sind die Touristen hier; um elf ist dann die Hölle los. Giovanni hält die Stellung. Er ist Manninas bester Schüler.

          Spiel mit dem Feuer: Giovanni bei der Arbeit

          Giovanni ist seit vier Jahren hier; Calogero Mannina seit sechs Jahrzehnten. Sein Leben lang hat er den Palazzo Pitti im Rücken und den Ponte Vecchio im Blick. Gute Aussicht, beste Lage. Der Laden läuft. Wie sein Schüler kam auch Mannina einst aus dem armen Süden des Landes ins reiche Florenz. Der Arbeit, nicht der Kirchen und Paläste wegen. Im Schatten alter Größe pflegt er die eigene Kunst: handgemachte Schuhe, maßgerecht und passgenau. Die Kunden sind in aller Welt: England und Amerika, Tokio, Frankfurt und Paris.

          Mannina ist der Chef des Hauses. Ein Mann der leisen Worte in einer lauten Metropole. Als Lehrling hatte er draußen am Rand der Stadt zwei Jahre lang am Fließband der Godoni Company gestanden. Die Ferragamos fertigten Schuhe im Akkord. Die Guccis zogen nach. Mannina kratzte Geld zusammen und machte einen eigenen Laden auf. Die Godoni-Fabrik ist heute verschwunden, Ferragamo und Gucci sind berühmt, Mannina ist noch da. Er ist nun 80 Jahre alt, dreht noch immer seine Runden und gibt die Tagesziele vor.

          Caolgero Mannina ist seit sechzig Jahren im Geschäft.

          Seine Mannschaft sitzt auf den Schemeln, blickt auf und hört ihm zu. Eriko Ohtani wird heute das Leder auf die Leisten zwicken, Giovanni Lorenzo macht die Nähte, Leonardo Burchi richtet die Sohlen ein. Am Mittag werden sie wechseln: Sie sind ein eingespieltes Team, jeder kann alles. Kein Wort, kein Radio. Volle Konzentration. Am Tag schafft jeder ein Paar Schuhe, das sind an die 300 Paar im Jahr. Alle Größen, alle Farben, alle Formen.

          Das Oberleder kommt aus Großbritannien, das Unterleder aus Deutschland, der Kork ist portugiesisch. Den Kleister mixt Mannina selbst. Ein Hausgemisch aus Wasser, Weizen und Kastanien. Zermahlen, aufgekocht und abgestanden. Leonardo wird den zitronengelben Brei mit dicken Strichen auf die Korkausballungen pinseln. Giovanni zieht zweimal seine Fäden durch. Er hat je drei Stränge zu einem Garn verzwirnt und ihn mit Cremestein eingeschmiert. Jeder Schuh braucht einen Faden, gut gepecht und abgemessen. Eine Länge von vier Ellen. Er nimmt das Garnknäuel und breitet seine Arme aus. Passt.

          Leisten-Sammlung in einer Ecke der Werkstatt

          Er greift sich einen Leisten mit aufgezogenem Slipper und näht in perlengleichen Stichen das Oberleder an die Sohle. Kein Rahmen und kein Zwischenteil. Ein sogenannter Durchstecher. Ein einfacher McKay-Stich. Der ist rasch platziert und macht den Schuh flexibel. Am Ende zieht er die Schmuckschnalle quer auf den Rist. Sie sieht aus wie das Zaumzeug eines Pferdes. Guccio Gucci hatte sie einst in seinem Atelier drüben auf der anderen Seite des Arno für seine Schuhe verwendet. Die Trensenspange wurde berühmt, und Gucci machte Schule. Giovanni ist auch Jahrzehnte später noch ein guter Geselle.

          Nach der Arbeit löchert er Meister Mannina mit Fragen, liest alte Lehrbücher und erweitert seine Sammlung von Videos. Demofilme mit Nähtechniken. Stiche von innen nach außen und von außen nach innen; Rahmengestochenes nach Veldtschoen-Art oder Norweger-Weise; die ganze Palette. Vom Straßen- bis zum Bergschuh hat Giovanni alles genäht, was es zu nähen gibt. Mannina zeigte ihm die Griffe. Der Rest war Übung und Geduld. Der Meister steht am Pult, die Brille auf der Nase. Die Musterschuhe müssen heute noch raus.

          Italienische Eleganz: So sehen die fertigen Schuhe aus.

          Jedes maßgemachte Paar lässt Mannina zweimal nähen: erst zur Probe, dann zum Verkauf. Arbeit im Doppelpack. Das Oberleder wird gewienert, das hart gegerbte Sohlenleder eingeweicht. Leonardo legt es in die Messingeimer. Dort liegt es manchmal tagelang. Wasser macht die dicken Leder sanft und gefügig. So lassen sie sich besser stechen. Wenn die Sohlen nach der Arbeit trocken werden, sind sie wieder hart wie Holz. Eriko sitzt hinten an den hohen Wandregalen, zieht mit einer Zange das knallrote Narbenleder über die Leistenkanten und nagelt es mit einem kräftigen Schlag auf der Brandsohle fest.

          Der Schaft darf keine Falten schlagen, die Spitze muss rund, die Ferse glatt gebogen sein. Eine verzwickte Arbeit. Doch je komplizierter, desto besser. Eriko kam vor zwei Jahren aus Japan, wollte nach dem Designstudium in Tokio das Handwerk der Florentiner Schuhmacher lernen und landete bei Mannina. Seitdem sitzt sie auf dem Schemel. Zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Sie will zehn Jahre bleiben, ihren Abschluss machen, mit japanischer Akribie und italienischem Siegel. Eriko und Giovanni haben den Meistertitel fest im Blick.

          Mannina mag es, wenn das Leder faucht, das Aroma der Arbeit. Der Alte schweigt und lächelt. Florenz ist für ihn ein gutes Pflaster. Zwischen den Palästen der Medici, der Gucci und der Ferragamo wurde er zu einer der ersten Adressen der Stadt.

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