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Wolfgang Joop wird 70 : Überfluss aus Mangel

Es begann, wenn auch mit den besten Materialien, minimalistisch weiß: Wolfgang Joop stellte im September 2004 seine Linie „Wunderkind“ in New York vor. Inzwischen setzt er sich lieber in Paris der ganz großen Konkurrenz aus. Bild: Helmut Fricke

Er ist das ewige Wunderkind: Wolfgang Joop hat mit seiner Mode international Karriere gemacht. Jetzt legt der „prussian designer“ noch eine Fernsehkarriere obendrauf. Am Dienstag feiert er seinen 70. Geburtstag.

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          An der Zollkontrolle des Flughafens John F. Kennedy lachte einer der Beamten einmal über den Vornamen, denn in Amerika ist Wolfgang nicht so bekannt: „Ein Wunderkind!“ Da sollte der Mann vom Zoll recht behalten. Wolfgang Joop, der mit Wolfgang Amadeus Mozart zumindest einen Vornamen gemeinsam hat, ist sogar noch immer ein Wunderkind – selbst wenn er an diesem Dienstag seinen 70. Geburtstag feiert.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Das Leben von Wolfgang Joop ist voller seltsamer Momente, die unbekannte Wege weisen. Und man wird den Modemacher, Künstler, Autor, Unternehmer und Unterhaltungsfachmann nicht begreifen, wenn man nicht versteht, wie er dem Zufall eine Chance gab. Denn das ist eine seiner größten Fähigkeiten: aus Fügungen Möglichkeiten zu machen, aus Zufällen Einfälle.

          In gewisser Weise stand also der Zollbeamte Pate für das Spätwerk Wolfgang Joops. Mit seiner Marke Wunderkind will er sich und allen anderen seit einem Jahrzehnt beweisen, dass der mittlere Joop ein großes Missverständnis ist – also der auf Außenwirkung bedachte Selbstdarsteller, der mit seiner etwas aufdringlich kommerziellen Mode ein Vermögen erwirtschaftete, aber manchen damit ziemlich auf den Wecker ging. Das berühmte Ausrufezeichen war jahrelang eigentlich ein großes Fragezeichen.

          „Ich fühlte mich in einer fremden, mir feindlichen Welt“

          Der westdeutsche Modemacher der Achtziger und Neunziger, das kann man heute sagen, war der falsche Joop. Aber was hätte er machen sollen? Alles lief darauf zu. Es herrschte noch Krieg, als der Junge geboren wurde. Der Bauernhof der Großeltern, Gut Bornstedt in Potsdam, war paradiesisch, mit der Natur, den Tieren und der Nähe zu Sanssouci.

          Die sorgenfreie Welt hatte ein Ende, als der Vater aus der Gefangenschaft zurückkehrte. Da war der von Frauen aufgezogene Sohn schon acht Jahre alt, und plötzlich verstand er die Nachkriegswelt nicht mehr. Der Umzug der Familie nach Braunschweig, wo der Vater als Chefredakteur von „Westermanns Monatsheften“ arbeitete, machte alles noch schlimmer. „Ich fühlte mich in einer fremden, mir feindlichen Welt“, sagte Joop vor kurzem, „nicht kompatibel mit den Klassenkameraden.“

          Geschichte passiert – Joop reagiert

          Aus solchen Erfahrungen entstand seine Kreativität als „permanente Selbsttherapie“, wie er sagt. Aus der Erfahrung des Mangels erwuchs der Überfluss. Auf Deutsch: Er brauchte einen Ausweg. Werbepsychologie und Kunsterziehung waren es nicht, beide Studiengänge brach er ab. Als er mit seiner Frau Karin 1970 einen Wettbewerb der Modezeitschrift „Constanze“ gewann, war die Zukunft als Designer vorgezeichnet.

          In den Siebzigern ernährte er sich und seine Familie – Jette wurde 1968 geboren, Florentine 1973 – zunächst als Zeichner und Schreiber. Ende der Siebziger begann er mit Pelzentwürfen, Anfang der Achtziger mit einer Prêt-à-porter-, dann auch mit einer Herrenkollektion.

          Dieses Leben hat seine zeitgeschichtlichen Einschnitte. Aus der Nachkriegszeit träumte er sich heraus. Zu Achtundsechziger-Zeiten begann er ein hippiehaft unstetes Leben. In den achtziger Jahren bediente er die Glamour-Wünsche des saturierten Publikums, das sich einen kleinen deutschen Versace wünschte. Und nach der Wende begann seine Wende.

          Wolfgang Joop hat sich selbst gefunden

          Vom „Pöseldorfer Etepetismus“, den er Jil Sander einmal vorwarf, hatte er genug. Also ging er zurück in die Kindheit – und kaufte sich in Potsdam die „Villa Wunderkind“ (zum Wohnen) und die „Villa Rumpf“ (zum Arbeiten), beide idyllisch am Heiligen See gelegen.

          Wolfgang Joop genießt, hier vor seiner Villa Wunderkind am Heiligen See, die Ruhe in Brandenburg. Bilderstrecke

          Erst hier, im preußischen Kernland, schuf er eine so ländliche wie dekadente Ästhetik, die als Provokation der Sportswear neue Couture aus Deutschland bietet. Der „prussian designer“, dessen Jahre in New York und Monaco nur noch von Ferne nachklingen, hat endlich zu sich selbst gefunden. Die üppigen Drucke, die mehrlagige Komplexität, die märchenhaften Schnitte, das brandenburgisch Traumverlorene – in alledem erkennt man einen reifen Designer, der sich trotz seiner Eloquenz noch immer am besten über seine Mode mitteilt.

          Man mag es nicht glauben, aber eigentlich ist Wolfgang Joop ein zurückhaltender Mensch, unsicher bis zur Schüchternheit. Die Umdrehungsgeschwindigkeit des Mode-Show-Business will es, dass ihn nun auch das Fernsehen von allen Hemmungen befreit. Durch die Auftritte in der Heidi-Klum-Sendung „Germany’s Next Topmodel“ ist er zu einem Star geworden – weil er, dialektisch, aber populär, den Schein als Schein entlarvt. Schon wenn er in Potsdam zum Fitnessstudio oder zum Blumenladen radelt, hört er Gekreische. Seinen Geburtstag feiert er also zu Recht in der Ferne.

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