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Rolf Sachs im Porträt : Der Alleskünstler

Nie ohne Schal: Rolf Sachs stellt sein Markenzeichen meist selbst her. Hier trägt er passend zu seiner Ausstellung „typisch deutsch“ ein Geschirrtuch. Bild: Pilar, Daniel

Rolf Sachs gibt in London Alltagseindrücken und Erinnerungsfetzen eine Gestalt. Aus Lebensthemen macht der Designer mehr als Design.

          Wer Rolf Sachs als Designer verstehen will, der muss sich die Geschichte von dem alten Holzstuhl erzählen lassen, zu dem er eine innige Beziehung hat. Es war in Lausanne, als er glaubte, dem Stuhl das erste Mal zu begegnen, in einem Restaurant. Er verspürte das unerklärliche Verlangen, ihn zu besitzen. Und nicht nur ihn: Er erwarb gleich alle Stühle des Lokals. Der Wirt war froh, die alten Dinger für gutes Geld los geworden zu sein, und Sachs, um 70 Stühle der Schweizer Firma Horgenglarus reicher, fragte sich: Warum hängt mein Herz an ihnen?

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Antwort fand er einige Jahre später, als er seine Tochter Roya im Internat Le Rosey in der Schweiz besuchte. Auch Rolf Sachs war hier, im Kanton Waadt, zur Schule gegangen. „Ich musste ein wenig warten, so ging ich in den alten Speisesaal“, erzählt Sachs. Und dort standen sie, die alten Holzstühle, die er zwar längst vergessen hatte, die seiner Erinnerung aber noch vertraut waren.

          „Er ist pure Form, reines funktionales Design“

          Sachs war gerne in Le Rosey gewesen, hier hatte er unter anderen seine spätere Frau kennengelernt, Maryam Banihashem, die aus Teheran stammt. Was blieb ihm anderes übrig, als seine Sammlung zu erweitern? Und so kaufte er noch einmal 40 Stühle, vorsorglich, denn früher oder später wären sie im Sperrmüll gelandet. „Der Direktor war froh, als ich ihm neue stapelbare Stühle kaufte.“

          Rolf Sachs beschäftigt sich seither immer wieder mit seinen Fundstücken. Gerade weil der Stuhl keine dekorativen Elemente hat, liebt ihn der Designer. „Er ist pure Form, reines funktionales Design.“ Das sei reizvoll, weil er eigene Ideen an und mit ihm verwirklichen könne. Im Laufe der Jahre hat er einem der Stühle einen Wasserabfluss aus Metall in die Sitzfläche montiert, einem anderen einen Türspion, bei einem dritten hat er den Sitz gegen eine Glasplatte ausgetauscht und ihm einen kleinen Lampenschirm aufgesteckt.

          Sachs hat den Stuhl aber auch nachbauen und nachgießen lassen – aus einem weichen Kunststoff zum Beispiel. In dieser Form kann er nicht mehr auf seinen vier Beinen stehen, sondern hängt wie ein Stück Textil bei Rolf Sachs im Studio von der Decke. Es gibt den Stuhl aus massivem Metall und mit Stummelbeinen und einem Felsblock beschwert, so dass er kaum zu bewegen ist. Die einen Stühle, die aus Bronze oder Schiefer, das sind die „Harten und Starken“ für ihn. Die anderen, aus Silikon oder Filz, nennt er die „Weichen und Sensiblen“. Jeder Stuhl soll ein anderes Gefühl hervorrufen - und bitteschön auch ein Lächeln.

          Ein Heurechen aus Schiefer ist sein Lieblingsstück

          So wie der alte Stuhl ihn nicht loslässt, so holt ihn auch seine Vergangenheit immer wieder ein. Holz und Stein und Filz sind Materialien, mit denen er besonders gerne arbeitet. Er schiebt das auf die alpenländische Kultur, in der er aufgewachsen ist. Mit der Alpenkultur beschäftigte sich auch eine seiner letzten Ausstellungen im Engadin vor zwei Jahren, die den Titel „Herzschuss“ trug. Der Name spielt ebenfalls auf einen alten Holzstuhl an, den Stabellenstuhl, der in der Alpenregion weit verbreitet ist und in seiner geschwungenen Rückenlehne oft ein Loch in Herzform trägt. Sachs ließ das Herz in seine Stühle von Schützenvereinen hineinschießen, was manches Mal daneben ging, allen aber eine Riesengaudi bereitete.

          Sein Lieblingsstück, das eigens für die Ausstellung entstand, ist allerdings ein Heurechen aus Schiefer. Sachs veredelte einen Gebrauchsgegenstand, den er wiederum aus seiner Kindheit gut kannte: Auch er musste wie das gesamte Dorf mithelfen, bei schönem Wetter das Heu von den Wiesen zu holen. An die Blasen an seinen Händen nach getaner Arbeit erinnert er sich noch gut.

          Er sammelt, was ihm gefällt

          Rolf Sachs nimmt sich gerne einfache Gegenstände vor: einen Spaten zum Beispiel, einen Spazierstock, einen Schlitten. Er nimmt ihnen die Funktion, indem er den Spaten durchlöchert, dem Spazierstock statt seiner Spitze einen weiteren Griff verpasst, dem Schlitten einen zweiten, entgegengesetzten hinzufügt. „Ich will überraschen. Und Humor ist Teil meines Charakters“, sagt Sachs, der vor 20 Jahren sein Designstudio „rolf sachs fun c’tion“ in London gründete. Dort, „in der einzigen richtigen Weltstadt Europas“, lebt und arbeitet er seither. Hier sind auch seine drei Kinder aufgewachsen: Philipp, mit 28 Jahren der Älteste, der zwei Jahre jüngere Frederik und die inzwischen 23 Jahre alte Roya.

          Das Studio von Rolf Sachs befindet sich im Stadtteil Fulham auf dem Gelände eines alten Gaswerks. Hier tüftelt der Designer mit seinem fünfköpfigen Team in einem Flachdachbau, der einmal zu den Laboratorien der Anlage gehörte. Sachs ist Sammler, wie man sofort erkennt. Er sammelt, was ihm gefällt oder was er vielleicht einmal brauchen kann. Hinzu kommen die Arbeiten und Stücke, die er lieber nicht verkauft hat, weil er sich nicht von ihnen trennen konnte oder weil sie ihm als Prototypen dienten.

          Atelier, Museum, Lebensraum: In seinem Londoner Studio arbeitet Rolf Sachs nicht nur, dort haben sich auch viele Funstücke angesammelt.

          Auf einem Tisch stehen große Kolben aus Borosilikatglas, die er mittels gläserner Spirale und Neongas zum Leuchten bringt, davor ein Turnbock auf hohen Beinen, wie man ihn aus Schul-Turnhallen kennt. Weiter hinten sitzt eine hölzerne Gliederpuppe auf einem mit Farbe bespritzten weißen Sessel, daneben starrt ein menschliches Skelett mit Motorradhelm (Aufschrift: „Alfa 164 Celebrity Race - Rolf Sachs“) auf einige merkwürdig verspiegelte Glashauben. Diese „dome lights“, im Jahr 2010 entstanden, geben den Blick auf ihre Bewohner erst frei, wenn das Licht im Inneren eingeschaltet wird. Da liegt dann zum Beispiel ein ausgestopfter Igel auf einem Kissen. Oder es sitzt eine Eule auf einem Zweig, die ihren überraschten Betrachter anzublinzeln scheint.

          Ein Poliertuch für Möbel als Markenzeichen

          Licht beschäftigt Rolf Sachs seit Jahren. Ganze Leuchtenserien hat er geschaffen. Licht sei für ihn von großer Bedeutung, weil es unser Befinden beeinflusse. Das Neonlicht nennt er zur Zeit sein Experimentierfeld. Die „dome lights“ wiederum seien spielerisch poetisch zu verstehen und könnten als Hommage an den Surrealismus gesehen werden.

          Wie immer, so trägt Rolf Sachs auch an diesem Tag sein Markenzeichen um den Hals, einen Schal. Dieses Mal ist es ein gelbes Mikrofasertuch, von einer roten Naht eingefasst, mit dem sonst Möbel poliert werden. Das Tuch gehört zu den Stücken seiner Ausstellung „typisch deutsch?“, wie auch der Tisch gleich vorne links neben der Eingangstür seines Studios, an dem mittags gemeinsam gegessen wird. Für den Tisch nahm er das blau-weiße Ausfahrt-Schild einer deutschen Autobahn und machte einfach eine Tischplatte daraus.

          Das Deutsche, sagt der gebürtige Schweizer, habe er unter den Nägeln. Nur darum habe er überhaupt die große Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) verwirklichen können. „Schweiz“, sagt er, „wäre vielleicht auch möglich gewesen.“ An England aber, dem Land, in dem er schon seit zwei Jahrzehnten lebt, hätte er sich schon nicht mehr gewagt.

          Was ist „typisch deutsch“?

          In der Schau, die noch bis zum 9. Juni im MAKK zu sehen ist, setzt sich Rolf Sachs mit deutschen Eigenschaften und Klischees auseinander. „Pünktlichkeit“ gehört natürlich dazu und wird in der Ausstellung von einem ausgestopften Kuckuck und einer Digitaluhr symbolisiert. Für „Reinlichkeit“ hat er die Borsten von Bürsten auf zwei Wandgemälde drapiert. Für „Fleiß“ steht ein Gartenzwerg ganz aus Kohle, der eine Bergmannskluft trägt. Doch nicht nur vermeintlich deutsche Tugenden hat er verarbeitet, auch „Amtsschimmel“, „FKK“ und „Autobahn“ nimmt er aufs Korn.

          Im hundertsten Jahr nach Beginn des Ersten Weltkriegs und mit Blick auf die von Deutschen begangenen Greueltaten im Zweiten Weltkrieg wollte er aber auch diese Seiten der Geschichte beleuchten - mit einem „Memento Mori“. So lässt er in einem Käfig den verrosteten Helm eines Wehrmachtssoldaten baumeln.

          Rolf Sachs hebt die Grenzen zwischen Design und Kunst auf. Er selbst nennt sich Designer und Konzeptkünstler, auch wenn er etwas ganz anderes studiert hat. „Künstler und Designer“, sagt Rolf Sachs, „wird man nicht durchs Studium.“ Allerdings hätte er gerne Kunst studiert. Doch der Abiturient beugte sich zunächst den Familienverpflichtungen, denen er, wie er zugleich versichert, auch gerne nachgekommen ist. Ihm war schon in die Wiege gelegt worden, dass er einmal viel Geld verwalten müsste. Darum studierte er zunächst Mathematik an der London School of Economics, wechselte dann, weil die Ablenkungen in der Metropole zu groß waren, wie er sagt, nach Kalifornien ans Menlo College, in den kleinen Ort Atherton im Silicon Valley. Dort machte er seinen Abschluss in Business Administration.

          Berühmte Familienmitglieder

          Bis heute wird Rolf Sachs als „Sohn von“ wahrgenommen. Der Schatten des Vaters Gunter, der sich 2011 das Leben nahm, reicht weit. Rolf Sachs war schon als Kind klar, wessen Erbe er eines Tages antreten würde.

          Die Geschichte beginnt mit Karl Ernst Josef Sachs (1867 bis 1932), dem Radrennfahrer, der eine Fahrradnabe erfand, die auf Kugellager gesetzt ist und in Kugeln rollt. 1895 gründete Ernst Sachs mit dem Kaufmann Karl Fichtel die „Schweinfurter Präcisions-Kugellagerwerke Fichtel & Sachs“. Nach Fichtels Tod 1911 ging das florierende Unternehmen in den Besitz von Ernst Sachs über. Der Sohn Willy, verheiratet mit Elinor von Opel, der Enkelin des Opel-Gründers Adam Opel, übernahm nach dem Tod des Vaters 1932 das Unternehmen. Willy Sachs und Elinor von Opel trennten sich schon 1935. Die junge Mutter siedelte mit ihren beiden Söhnen - Ernst Wilhelm war 1929 zur Welt gekommen, Gunter 1932 - in die Schweiz über.

          Rolf Sachs beim Mittagessen mit Mitarbeitern und Gästen in seinem Londoner Studio.

          Gunter Sachs war Mitte 20, als sich sein Vater Willy mit einem Jagdgewehr tötete. 1958 war auch das Jahr, in dem seine erste Frau Anne Marie Faure wegen eines tragischen Narkosefehlers in einer Klinik in Lausanne starb. Gunter Sachs war somit junger Witwer, zusammen mit seinem Bruder zudem Erbe eines großen Vermögens, und er war alleinerziehender Vater. Sein Sohn Rolf war 1955 in Lausanne zur Welt gekommen.

          Strenge Erziehung in der Kindheit

          Der zwei Jahre alte Junge kam zu seiner Großmutter nach Kronberg im Taunus. Von ihr vor allem und von dem zweiten Mann von Elinor von Opel, „einem sehr miltärischen Herrn“, lernte der Enkel „deutsche Tugenden“. Pünktlichkeit zum Beispiel: „Wir kamen immer zu früh zu Terminen und blieben dann bis zur festgesetzten Zeit im Auto sitzen“, erzählt Rolf Sachs. Bei Tisch bekam der kleine Junge Bücher unter die Ellbogen geklemmt, damit er gerade saß. Bestraft wurde er mit Strammstehen. Der Vater flog meist zu den Wochenenden ein, um mit dem Sohn Fußball zu spielen. Der angehende Playboy, der von 1966 an drei Jahre lang mit Brigitte Bardot verheiratet war, konnte ebenfalls streng sein: Briefe, die der Junge seinem Vater schrieb, kamen korrigiert zurück.

          Rolfs Mutter war Kunststudentin, als Gunter Sachs sie traf. Sie begannen, Gemälde, Objekte, Fotos zu kaufen. Der Vater interessierte sich vor allem für das dritte Viertel des 20. Jahrhunderts, wie er einmal sagte. Den Kern seiner legendären Kunstsammlung erwarb er zwischen 1958 und 1968 für etwa 800.000 Dollar, darunter die Vorreiter des Informel wie Jean Fautrier und Hans Hartung, Künstler der Nouveaux Réalistes wie César Baldaccini, Yves Klein und Jean Tinguely sowie Surrealisten wie Max Ernst, René Margritte, Giorgio de Chirico und Salvador Dalí. In den Sechzigern entdeckte und förderte er die Pop Art.

          Kunst, um mit ihr zu leben

          Berühmt geworden ist seine Wohnung im Turm des Badrutt’s Palace, eines Fünf-Sterne-Hotels in St. Moritz. Nachdem der Turm abgebrannt und wiederaufgebaut war, pachtete Gunter Sachs im Jahr 1968 das 200-Quadratmeter-Apartment für 30 Jahre und ließ es von befreundeten Künstlern wie Roy Liechtenstein und Andy Warhol einrichten.

          „Mein Vater glaubte fest daran, dass Kunst dazu da ist, um mit ihr zu leben“, sagt Rolf Sachs. Und das tat nicht nur Gunter Sachs mit seiner dritten Frau, dem schwedischen Model Mirja Larsson. Das tat auch der Sohn, wenn er bei seinem Vater in St. Moritz, Paris, Manhattan oder Hamburg zu Besuch war.

          In Hamburg hatte Gunter Sachs auch 1972 in seiner eigenen Galerie die erste Andy-Warhol-Ausstellung in Europa organisiert. Sie war ein Riesen-Flop. Aus Mitleid kaufte Gunter Sachs die meisten Werke des erfolglosen Künstlers auf. Für eines der Bilder, das er 1972 für 20.000 Mark erstanden hatte, bekam er 2004 bei einer Auktion gut das Tausendfache. Weit mehr als 1000 Kunstwerke trug der Vater zusammen. Etwa 300 Werke aus der „Gunter Sachs Collection“ ließ der Sohn 2012 bei Sotheby’s versteigern. Erlös: rund 56 Millionen Euro.

          „Ins kalte Wasser springen und untergehen“

          Das Vermögen der Familie wird in München und Lausanne verwaltet. Dort entdeckte der Finanzfachmann Rolf Sachs in den Achtzigern Kunst und Design für sich. Erste Möbelentwürfe entstanden. Es war ein Aufbruch auch im Design, Ron Arad zum Beispiel stellte handgefertigte Möbel aus Metall her. Sachs beteiligte sich an der Ausstellung „Wunderhaus“ in München. Das Kreative in ihm, sagt er rückblickend, habe einfach raus gemusst. „Tagelang habe ich mit einem Schmied in einer Werkstatt gearbeitet. Man muss halt mal ins kalte Wasser springen und untergehen.“ Inzwischen ist er längst wieder aufgetaucht. In ihm sieht heute niemand mehr den gelangweilten Reichen, der sich an Kunst und Design versucht.

          Auch sein bislang letztes Projekt sagt viel über den Künstler und Designer aus. Mit seiner Frau Maryam hat Rolf Sachs ein Jahr lang mit einer Still Camera Aufnahmen aus einem fahrenden Zug gemacht. Entstanden sind überraschende Bilder in Großformat: Trotz der Bewegung ist oft ein einziger Punkt des Bildes scharf gezeichnet, was irreal aussieht. Natürlich hat er nicht irgendeinen Zug ausgewählt: Er fuhr mit der Rhätischen Bahn zwischen Chur in der Schweiz und Tirano in Italien. Auch die Bahn zählt zu seinen Erinnerungen: Mit dem Zug ist er immer hinauf ins Internat und zum Vater gefahren.

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