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Rolf Sachs im Porträt : Der Alleskünstler

Sein Lieblingsstück, das eigens für die Ausstellung entstand, ist allerdings ein Heurechen aus Schiefer. Sachs veredelte einen Gebrauchsgegenstand, den er wiederum aus seiner Kindheit gut kannte: Auch er musste wie das gesamte Dorf mithelfen, bei schönem Wetter das Heu von den Wiesen zu holen. An die Blasen an seinen Händen nach getaner Arbeit erinnert er sich noch gut.

Er sammelt, was ihm gefällt

Rolf Sachs nimmt sich gerne einfache Gegenstände vor: einen Spaten zum Beispiel, einen Spazierstock, einen Schlitten. Er nimmt ihnen die Funktion, indem er den Spaten durchlöchert, dem Spazierstock statt seiner Spitze einen weiteren Griff verpasst, dem Schlitten einen zweiten, entgegengesetzten hinzufügt. „Ich will überraschen. Und Humor ist Teil meines Charakters“, sagt Sachs, der vor 20 Jahren sein Designstudio „rolf sachs fun c’tion“ in London gründete. Dort, „in der einzigen richtigen Weltstadt Europas“, lebt und arbeitet er seither. Hier sind auch seine drei Kinder aufgewachsen: Philipp, mit 28 Jahren der Älteste, der zwei Jahre jüngere Frederik und die inzwischen 23 Jahre alte Roya.

Das Studio von Rolf Sachs befindet sich im Stadtteil Fulham auf dem Gelände eines alten Gaswerks. Hier tüftelt der Designer mit seinem fünfköpfigen Team in einem Flachdachbau, der einmal zu den Laboratorien der Anlage gehörte. Sachs ist Sammler, wie man sofort erkennt. Er sammelt, was ihm gefällt oder was er vielleicht einmal brauchen kann. Hinzu kommen die Arbeiten und Stücke, die er lieber nicht verkauft hat, weil er sich nicht von ihnen trennen konnte oder weil sie ihm als Prototypen dienten.

Atelier, Museum, Lebensraum: In seinem Londoner Studio arbeitet Rolf Sachs nicht nur, dort haben sich auch viele Funstücke angesammelt.

Auf einem Tisch stehen große Kolben aus Borosilikatglas, die er mittels gläserner Spirale und Neongas zum Leuchten bringt, davor ein Turnbock auf hohen Beinen, wie man ihn aus Schul-Turnhallen kennt. Weiter hinten sitzt eine hölzerne Gliederpuppe auf einem mit Farbe bespritzten weißen Sessel, daneben starrt ein menschliches Skelett mit Motorradhelm (Aufschrift: „Alfa 164 Celebrity Race - Rolf Sachs“) auf einige merkwürdig verspiegelte Glashauben. Diese „dome lights“, im Jahr 2010 entstanden, geben den Blick auf ihre Bewohner erst frei, wenn das Licht im Inneren eingeschaltet wird. Da liegt dann zum Beispiel ein ausgestopfter Igel auf einem Kissen. Oder es sitzt eine Eule auf einem Zweig, die ihren überraschten Betrachter anzublinzeln scheint.

Ein Poliertuch für Möbel als Markenzeichen

Licht beschäftigt Rolf Sachs seit Jahren. Ganze Leuchtenserien hat er geschaffen. Licht sei für ihn von großer Bedeutung, weil es unser Befinden beeinflusse. Das Neonlicht nennt er zur Zeit sein Experimentierfeld. Die „dome lights“ wiederum seien spielerisch poetisch zu verstehen und könnten als Hommage an den Surrealismus gesehen werden.

Wie immer, so trägt Rolf Sachs auch an diesem Tag sein Markenzeichen um den Hals, einen Schal. Dieses Mal ist es ein gelbes Mikrofasertuch, von einer roten Naht eingefasst, mit dem sonst Möbel poliert werden. Das Tuch gehört zu den Stücken seiner Ausstellung „typisch deutsch?“, wie auch der Tisch gleich vorne links neben der Eingangstür seines Studios, an dem mittags gemeinsam gegessen wird. Für den Tisch nahm er das blau-weiße Ausfahrt-Schild einer deutschen Autobahn und machte einfach eine Tischplatte daraus.

Das Deutsche, sagt der gebürtige Schweizer, habe er unter den Nägeln. Nur darum habe er überhaupt die große Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) verwirklichen können. „Schweiz“, sagt er, „wäre vielleicht auch möglich gewesen.“ An England aber, dem Land, in dem er schon seit zwei Jahrzehnten lebt, hätte er sich schon nicht mehr gewagt.

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