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Londoner Mode : Nach dem Exit ist vor dem Brexit

Präsentiert die schönste Kollektion auf der Londoner Modewoche: Christopher Kane, der sich in seiner Mode der britischen Kulturgeschichte während des Zweiten Weltkriegs annimmt. Bild: AFP

Auf der Londoner Modewoche ist zu sehen, was das Votum für den Ausstieg aus der EU für die britischen Designer bedeutet. Und das ist nichts Gutes.

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          Auf der Dachterrasse des ehrwürdigen 4 Hamilton Place fehlt an diesem herrlichen Sonntagvormittag nur die Sonne. Dafür sind die wichtigen Redakteure und Einkäufer zur Präsentation von Natasha Zinko da. Ihr Name dürfte den wenigsten schon lange etwas sagen. Jetzt aber steht die Designerin zwischen ihren Models, die als Teil der Inszenierung Tee trinken, Schach spielen, Wäsche aufhängen.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Wäsche ist ihre Kollektion. Eigentlich ist Natasha Zinko Juwelierin, aber seit einem Jahr sind hauchdünne Seidenkleider mit bunten Bommeln ihr Markenzeichen. Die Szene auf der Dachterrasse steht für eine der Stärken der Londoner Mode. In einer Branche, die kaum Mangel an neuen Talenten hat, kann man sich als einfallsreicher junger Designer von einer Saison auf die nächste, schneller als anderswo, einen Namen machen. Auch Natasha Zinko spricht von dem überraschenden Wachstum ihrer Marke, sie verkauft jetzt in mehr als 20 Ländern, unter anderem in Frankreich, Italien, Deutschland.

          Die größte Schwäche der Londoner Mode ist hingegen jünger als alle jungen Labels. Sie liegt strenggenommen noch in der Zukunft. Dass die Entscheidung für den Brexit die Londoner Designer-Szene besonders hart treffen wird, ist schon jetzt klar. Denn sie lebt aus ihrer Internationalität. Viele Label-Gründer sind Ausländer: Österreicher (Peter Pilotto), Belgier (Christopher de Vos), Griechen (Mary Katrantzou), Iren (Simone Rocha) oder Deutsche (Markus Lupfer), um nur einige aufzuzählen. „Wenn es unbedingt passieren muss, dann müssen wir uns dem irgendwie fügen“, sagt auch Zinko, die in der Ukraine geboren wurde, aufwuchs und ihr Jura-Examen ablegte, bevor sie nach London zog, um hier noch mal von vorne mit dem Studium zu beginnen, mit Mode. „Ich hoffe, dass es irgendwie geht. Anderswo- hin würde ich niemals ziehen wollen.“

          Die Folgen des Brexit auf den Laufstegen Londons

          Und trotzdem, nach dem last exit, dem letzten Model, das bei einer Schau auf den Laufsteg tritt, sei es in dieser Saison, die am Dienstag zu Ende ging, oder nächstes Jahr, ist hier auch vor dem Brexit. Das schwache Pfund gibt schon heute einen Vorgeschmack darauf. Die italienischen Stoffe könnten bald unerschwinglich werden, ganz abgesehen von den Zöllen, den höheren Produktionskosten, denn auch die Näherinnen arbeiten oft in Südeuropa. „Alles in Portugal gefertigt“, sagt Victoria Beckham, als sie ihre Zweitlinie „Victoria, Victoria Beckham“ präsentiert. Wer weiß, vielleicht braucht es für die Produktion einer Kollektion bald ein beckhamgroßes Budget? Und überhaupt: Wie als Marke wachsen, welche Risiken auf sich nehmen, wenn alles ungewiss ist?

          Was das Votum für die Londoner Modedesigner bedeutet, ist in dieser Woche deshalb auch auf den Laufstegen zu sehen. Bei Mulberry nimmt sich Johnny Coca der zwei Großbritanniens an, mit Schuluniformen, militärischem Khaki, College-Schals, und erforscht, was es bedeutet, britisch zu sein. Oder in Paul Smith’ lieblicher Freundschafts-Kollektion, mit ihren floral bedruckten Anzügen und seitlich hoch geschlitzten Jacken.

          Seit einem Jahr das Markenzeichen von Natasha Zinko: Hauchdünne Seidenkleider mit bunten Bommeln an den Enden. Bilderstrecke

          So einige Meinungsführer könnten jetzt einen Freundschafts-Anzug gebrauchen. Oder in Simone Rochas Flechtwerk-Kollektion. „Gegenseitige Befruchtung“ nennt sie ihre ineinander verwobenen Rüschenkleider mit dem typisch britischen Glencheck, den Regenmänteln. Nur drohen die Konstruktionen dann doch wieder auseinanderzufallen. Schöner lässt sich Zerrissenheit nicht darstellen.

          Das modisch Beste aus der Situation machen

          Da wird es auch wirtschaftlich künftig nicht einfacher, so toll die Entwürfe auch sind. Apropos: Die schönste Kollektion zeigt in dieser Woche Christopher Kane. Auch er nimmt sich der britischen Kulturgeschichte an, dem „Make Do and Mend“, das Britinnen während des Zweiten Weltkriegs und danach ermutigte, das modisch Beste aus ihrer Situation zu machen, indem sie aus alten Stoffen neue Kleider nähten. Die Pelze sehen so wild aus, als wären sie vom Straßenrand aufgesammelt, die Stofflappen hängen mit Nieten zusammen, und an den Füßen tragen die Models mit Glitzersteinen besetzte Crocs. Kane setzt seinen Stil in jeder Saison neu um und entwickelt sich doch weiter.

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