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Daunenjacken für den Spätsommer : Das Wohlfühl-Stück

Daunenjacke zur Sonnenbrille: Dieses Model von Eduard Dressler sieht wärmer aus, als es ist. Jetzt im Frühherbst, wird man darin dennoch nicht frösteln Bild: Foto Hersteller

Italiener haben kein Problem damit, schon im Frühherbst Daunenjacken zu tragen. Diesem Beispiel folgen nun auch die Deutschen. Kein Wunder, schließlich unterscheidet sich der Look nicht sehr von der deutschen Allzweckwaffe: der Funktionsjacke.

          Landestypische Kleidung ist eigentlich von gestern. Ein Spanier kann sich heute wie ein Schwede anziehen und, sagen wir, von Kopf bis Fuß Kleidung von der skandinavischen Kette H&M tragen, während der Schwede in einer Filiale des spanischen Herstellers Zara einkauft. Nur ein paar nationale Vorlieben sind noch geblieben, und dazu gehörte bislang die Wahl der richtigen Herbstjacke. Für die Deutschen ist die wasserabweisende Funktionsjacke so etwas wie eine Allzweckwaffe bei Wind und Wetter. Franzosen sind dagegen oft eleganter unterwegs; steht man im September in der Pariser U-Bahn, zählt man nicht selten eine Handvoll marineblauer Cabanjacken aus Wolle im selben Waggon. Die Briten haben die Wachsjacke an der Garderobe hängen. Die Italiener hingegen waren bisher die Einzigen, die im frühen Herbst bereits in der Daunenjacke vor die Tür traten - bei 25 Grad und Sonnenschein.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schaut man heute in deutsche Fußgängerzonen und Wohngebiete, in die Sitzreihen von mit Klimaanlagen heruntergekühlten Zügen, auf die Terrassen der Bars und Restaurants, dann sieht man - klar - viele Funktionsjacken. Aber dazwischen sind immer mehr Menschen ziemlich warm angezogen. Sie tragen nun die Daunenjacken, die man um diese Zeit des Jahres vor allem südlich der Alpen erwarten würde. Jetzt entdecken auch die Deutschen die Daunenjacke für sich, genauer gesagt, die Sommerdaune, die, wenn man zum ersten Mal von ihr hört, wie ein Widerspruch klingt: Was bitte soll eine Jacke, die man herausholt, wenn man Mitte Januar in aller Frühe das Auto vom Eis befreien muss, im schönen Spätsommer?

          „Ein passendes Symbol für Kälte, Eis und Winterlandschaften“

          Matthias Scheid, Einkaufsleiter für die Herrenmode im Stuttgarter Kaufhaus Breuninger, ist jedenfalls froh, dass dort reichlich Sommerdaunenjacken hängen. „Gott sei Dank führen wir eine große Auswahl dieser Trendjacken. Wir haben sie bereits seit drei bis vier Jahren im Programm, aber jetzt setzen die Kunden ganz besonders darauf. Das Wetter ist gerade ideal für diese Jacken.“ Im Sommer ist es schließlich nur in Ausnahmefällen einfach nur warm. Manchmal sind es, wie in diesem Jahr, erst 30 Grad, dann 12, und zwischendurch schüttet es kräftig. So kommen nun die Deutschen gerade auf die Daunenjacke für den Sommer oder Frühherbst wie zuvor schon auf die Daune für den Winter.

          Malerisch: Bei Herno sind Sommerdaunen Bestseller

          Der grüne gefütterte Parka von Woolrich oder die Modelle von Moncler mit glänzender Beschichtung gehören in den besseren Stadtvierteln des Landes ja bereits zu festen Requisiten. „Von Moncler gab es auch die ersten Sommerdaunen“, weiß Scheid von Breuninger. Beim italienischen Label Herno ist die Sommerdaune nun schon zum Bestseller geworden. 1948 begann die Marke, Regenmäntel und Sportbekleidung zu produzieren. Vor sechs Jahren kamen Daunenjacken dazu. „Die Sommerdaune war in dieser Saison das am meisten verkaufte Produkt“, sagt der Chef des Mailänder Familienunternehmens, Claudio Marenzi. „Vom Markt werden diese Jacken gerade einfach erwartet.“

          Es stimmt, bei der Sommerdaune handelt es sich um keinen Trend, den ein paar prominente Gesichter erst einmal mutig ausprobieren mussten. Menschen, die von morgens bis abends am Schreibtisch sitzen, kamen ganz allein darauf, dass es sich bei der Sommerdaunenjacke um eine ziemlich praktische Erfindung handelt. Entsprechend gibt es sie mittlerweile nicht nur für viel Geld, für 400 Euro oder mehr von Herno, Brunello Cucinelli oder Porsche Design, sondern auch für weniger, für um die 50 Euro, von S.Oliver und Uniqlo. Preislich dazwischen liegen die Sommerdaunenjacken von Jan Mayen, die nach einer norwegischen Insel benannt sind. „Für mich war der Name ein passendes Symbol für Kälte, Eis und Winterlandschaften“, sagt der Gründer der Marke, Moreno Faccincani, der ebenfalls Italiener ist, was nicht weiter überrascht, schließlich verstehen seine Landsleute das Konzept einer Daunenjacke so gut, wie Menschen hierzulande eine Funktionsjacke begreifen.

          Die Sommerdaune ist auch oktoberfesttauglich

          Dass die Deutschen sich nun den Daunen-Look bei den Italienern abschauen, ist aber auch kein Wunder, schließlich sind Funktions- und Daunenjacke gar nicht so verschieden. Es geht um Praktisches, um Bequemlichkeit, das zurzeit wichtigste Stichwort in der Mode. Jogginghosen und Turnschuhe sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, auch die Daunenjacke ist ein Wohlfühl-Stück.

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          Hauptsache bequem, Hauptsache warm, auch Scheid von Breuninger führt den Trend auf den Hang zur „Casualisierung“ in allen Lebenslagen zurück. Bei so viel Freiheit, die sich die Menschen heute herausnehmen, wirken selbst die vorgegebenen Jahreszeiten und die passende Garderobe dazu etwas arg statisch. „Es geht nicht mehr um Sommer oder Winter, es geht einfach um eine möglichst unangestrengte Haltung zur Mode“, sagt Jan-Mayen-Gründer Faccincani.

          Bequem: Leichtes von Jan Mayen

          Die Voraussetzung für diese ultraleichten Daunenjacken, die wärmer aussehen, als sie es am Ende sind, liefern die High-Tech-Stoffe von heute. Damit genügen pro Jacke ein paar Federn, den Rest Isolierung erledigt die Oberfläche. In die Handtasche kann man sie zur Not dennoch quetschen. Zu einem Kissen lassen sie sich auf einer Flugreise auch ganz gut formen. „Vor fünf Jahren richtete sich die Qualität für die Kunden nach der Verarbeitung“, sagt Herno-Chef Marenzi. „Jetzt geht es nach deren Auffassung um Leistung.“

          Damit klingt der Italiener schon fast wie ein Deutscher. Kein Wunder also, dass die funktionalen Daunenjacken gut ankommen bei den praktisch denkenden Deutschen, die dennoch an bereits kühlen Septemberabenden nicht auf das Glas Wein auf der Terrasse verzichten wollen. Wer drüber die Sommerdaune trägt, kann sich dabei für drunter sogar auf ein leichtes T-Shirt beschränken. Breuninger-Einkäufer Scheid hat noch eine andere Idee: „Wenn man auf der Wiesn kein Dirndl anziehen möchte, kann man auch dort gut die Sommerdaune überziehen.“ Landestypische Kleidung ist schließlich sowieso von gestern.

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