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Mode-Frühling 2019 : Ab in die Natur

  • -Aktualisiert am

Blattwerk als Sichtschutz: Dieser Hut von Valentino spendet Schatten und vielleicht auch Privatsphäre. Bild: dpa

Leinen, Blumenmuster, warme Erdtöne und eine Farbe namens living coral: Die Mode bildet die Natur von ihrer besten Seite ab. Der Kunde wünscht es sich so. Selbst wenn die Umwelt unter der Textilherstellung leidet.

          Valentino setzt in diesem Frühjahr auf bunte Blumenkleider und große Hüte aus Blättergeflecht. Bei Chloé werden Kleider in Naturtönen mit derben Kordeln auf Taille gebracht. Nicht zu vergessen die unzähligen

          Leo- und Schlangenmuster, die von Miu Miu bis Mango aktuell in den Geschäften und Online-Shops zu sehen sind. An kaum einem anderen Ort bildet sich die Natur stärker künstlich ab als hier. Auch in der Mode ist jetzt Frühling.

          Neu ist dieser Hang zu Flora und Fauna natürlich nicht. Die Mode pflegt damit vielmehr ihre engste und älteste Beziehung. Ohne Natur keine Mode oder zumindest keine Bekleidung. Die ersten Menschen trugen Tierhäute als Umhänge und züchteten Leinen, um den Flachs zu Fäden und später zu Stoffen zu verarbeiten. Und selbst wenn die mittelalterliche Ständeordnung verschiedene Arten von Bekleidung vorsah, kamen doch alle Materialien aus der Natur, woher auch sonst?

          Kolonialismus als Inspirationsquelle

          Die niederen Stände trugen Leinen, Hanf und Schafwolle; höheren war Seide vorbehalten. Die Stoffe wurden auf pflanzlicher Basis gefärbt, mit aufwendigen Mustern aus der Welt der Tiere und Pflanzen bestickt und mit Pelz besetzt. Mit dem Kolonialismus kamen mehr Inspirationsquellen für die Mode hinzu. Reiche Europäer konnten sich die Natur aus allen Ecken der Welt in Form von Motiven und Materialien auf ihren Kleidern abbilden lassen. Sie war und blieb wichtigste und originellste Inspiration.

          In der Frühjahrskollektion von Marc Jacobs darf living coral nicht fehlen.

          Man sieht es an dem, was im Mode-Frühjahr 2019 so sprießt: Die eine große Trendfarbe heißt Beige, was nichts anderes als Erdfarbe ist. Die andere legt das Farbinstitut Pantone alljährlich fest – dieses Mal hat man sich auf ein warmes Orange geeinigt. Der Name: living coral, ausgerechnet in Zeiten, da im Zuge der Verschmutzung der Weltmeere auch das Korallensterben zu einem wichtigen Thema wird. Es zeigt: Der Mensch braucht die Natur, vielleicht wird seine Sehnsucht nach ihr sogar größer, jetzt, da ihm bewusst wird, was er anrichtet, mit seinem tiefen CO2-Fußabdruck, der auch nicht kleiner wird, indem er ständig neue Mode kauft.

          Ausgerechnet eine Branche, die der Umwelt einen ganz gehörigen Schaden zufügt hat, bildet mit ihren Produkten eine Natur ab, die völlig unversehrt ist. So will es der Kunde, bestätigt Li Edelkoort, die mit ihren Trendbüros in Paris und New York große Firmen berät. Sie beobachtet das Bedürfnis nach Entschleunigung genau. „Die zunehmende Schnelligkeit und die Veränderungen in unserer Gesellschaft führen zu einer großen Sehnsucht nach unberührter Natur“, sagt die Niederländerin. „Diese Sehnsucht findet sich in den Farben, Drucken und Motiven wieder. Das Thema Natur wird zum Synonym für Entschleunigung, und das gilt nicht nur für die Mode.“

          Ein Blick in die Arbeitswelt bestätigt diese These

          Je mehr man sich in der virtuellen Welt bewegt und dank des Smartphones so gut wie immer online ist, umso größer das Bedürfnis nach Stille. Nicht ohne Grund gibt es bereits die ersten Wellness-Hotels, die zwischen 20 Uhr und 8 Uhr morgens das W-Lan abschalten oder Fernseher von den Zimmern verbannt haben. „Wir suchen die Energie der Ruhe, und die finden wir in der Regel in der Natur, um unsere leeren Akkus vom Dauerstress wieder aufzuladen“, sagt Edelkoort.

          Ein Blick in die Arbeitswelt bestätigt diese These: Fast neun von zehn Berufstätigen fühlen sich gestresst, so eine Studie der Pronova BKK, eines Zusammenschlusses aus verschiedenen Betriebskrankenkassen. Als Ursachen dafür werden zum einen permanenter Termindruck und immer komplexere Aufgabenstellungen angegeben, zum anderen aber auch die ständige Erreichbarkeit durch E-Mail und Smartphone. Berufstätige in Deutschland bekommen durchschnittlich 21 E-Mails pro Tag über ihr Dienst-Postfach, zehn mehr als vor acht Jahren, so eine Umfrage von Bitkom Research 2018.

          „Im Umkehrschluss suchen immer mehr Menschen den Ausgleich in der Natur, um den Ballast, den wir täglich mit uns herumschleppen, auch mal zu vergessen. Spazieren gehen oder einfach mal faul sein kann sehr gesund sein“, sagt Li Edelkoort. Der Trend zum Urban Gardening hält sich locker seit einem Jahrzehnt. Auch Wandern ist der Deutschen neue Lust, und Schrebergärten in beliebten Lagen sind bei jungen Familien so schwer umkämpft wie Betreuungsplätze in begehrten Kitas.

          Ein Ende des Modephänomens nicht in Sicht

          In diese Sehnsucht nach Natur fallen dann auch die vielen botanischen Drucke in der Mode, die dicken Holz-Clogs, überhaupt der Schmuck, der jetzt auch immer öfter aus Holz ist. Und die Leinen-Stücke. Wenn die Farbe dieses Sommers Beige ist, oder eben living coral, dann ist der Stoff dazu Leinen. So ein dünnes Leinenkleid passt dann auch zum derben Cowboy-Boot, seit vergangenem Sommer treten stilbewusste Frauen damit auf.

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          Vieles sprach dafür, dass es sich dabei nur um einen kurzweiligen Trend handeln würde. Stimmte aber nicht. Stattdessen wandelt sich der Cowboystiefel weiter, vom Schuhwerk für den Viehtreiber hin zum Accessoire. Dass ein Ende dieses Modephänomens nicht in Sicht ist, wird auch damit zu tun haben, dass man sich mit diesem Stiefel, dank der konischen Spitze und den abgeschrägten Absatz theoretisch jederzeit auf ein Pferd schwingen könnte.

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