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„Kaiser Karl“ : Er erfüllte eine transnationale Mission

Er liebte die preußische Strenge: Modeschöpfer Lagerfeld während der Haute Couture in Paris im März 2005. Bild: Helmut Fricke

Karl Lagerfeld hat seit den frühen fünfziger Jahren mehr für die deutsch-französische Verständigung getan als manch ein Politiker. Und hat dabei die Marke Chanel wiederbelebt. Ein Kommentar.

          Bis zuletzt hat er an seinem Lebenswerk gearbeitet. Noch am Wochenende entwickelte Karl Lagerfeld seine Ideen für Chanel, obwohl er schon todkrank war. Aber die Prêt-à-porter-Woche, die bald beginnt, wird er nun nicht mehr bestreiten können. Karl Lagerfeld ist in Paris gestorben. Und das ist nicht nur eine traurige Nachricht für die Modewelt, die dem Designer sechs Jahrzehnte unglaublicher Schaffenskraft zu verdanken hat und so manchen Höhepunkt in der gehobenen Konfektion und in der Haute Couture, der teuren Maßschneiderei. Das ist auch eine traurige Nachricht für Deutschland, das eines seiner vielseitigsten Genies, einen seiner amüsantesten Unterhalter und einen seiner erfolgreichsten Botschafter verloren hat.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Kaiser Karl, so nannte man ihn auch in Paris. Da klang noch die deutsche Großmannssucht mit, die den Franzosen gleich zwei Mal im 20. Jahrhundert übel mitgespielt hatte. Lagerfeld war schon früh dem noch dumpfen Nachkriegs-Deutschland entflohen. Seit Anfang der fünfziger Jahre – da war der Elysée-Vertrag noch längst nicht unterschrieben – hat er mehr für die deutsch-französische Verständigung getan als so mancher Politiker. Seinen harten Akzent nahm man als liebenswertes Detail. Aber mit seinem Hang zur französischen Kunst, zur Musik, zur Popkultur und natürlich zur Mode hat er die Franzosen immer wieder überwältigt. Der Modeschöpfer, der als Außenseiter in die Szene kam und sich gern als eine eigene Marke inszenierte, wurde auch deshalb verehrt wie ein Unsterblicher, weil er die Schwäche der Franzosen, ihre Liebe zum Luxus, verstand und sogar in eine Stärke verwandelte.

          Seine Wiederbelebung von Chanel, der wichtigsten Modemarke der Welt, ist ein Coup, wie er keinem Christian Dior und keinem Yves Saint Laurent gelungen wäre – obwohl ihre Entwürfe sicherlich ihre Zeit stärker prägten. Lagerfeld nahm gewissermaßen einen metaphysischen Auftrag an, denn Coco Chanel schaute aus dem Himmel zu. Gleichzeitig reinigte er – ein Deutscher! – die Marke vom Ruch der Kollaboration, der ihr anhaftete, seit Coco Chanel mit einem Nazi angebändelt hatte. Mit unglaublicher Konsequenz, mit Härte auch gegen sich selbst, erfüllte er einen Firmenauftrag und eine transnationale Mission. Man muss schon sagen: mit der echt preußischen Strenge, die er so liebte.

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