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Glashersteller Duralex : Die magischen Gläser mit dem kleinen Bauch

  • -Aktualisiert am

Die Stars des Hauses: Die Gläser Picardie (hinten) und Gigogne begründeten den guten Ruf des Herstellers. Bild: Thomas Humery

Klein, bauchig und extrem robust: Die Gigogne-Trinkgläser sind Teil von Frankreichs kulturellem Erbe, den Glashersteller Duralex haben sie berühmt gemacht – und führten ihn fast in den Ruin.

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          Es gibt ein Spiel in französischen Schulkantinen, das sich um eine simple Frage dreht: „Wie alt bist du?“ Unabhängig vom eigentlichen Alter können die Schüler dabei über Nacht zum Mittvierziger reifen oder ins Säuglingsalter zurückversetzt werden: Das wahre Alter ist eine Zahl zwischen 1 und 48, die auf der Unterseite ihrer Trinkgläser steht. Wer das Los des Jüngsten zieht, muss den Mitschülern am Tisch die Wasserkaraffen füllen – oder, noch schlimmer, am Ende der Mittagspause die Teller einsammeln.

          Die magischen Gläser mit dem kleinen Bauch und zwei filigranen Linien im oberen Drittel, die in Frankreich jeder als Gigogne kennt, findet man seit ihrer Erfindung 1946 in Küchen, Kantinen und Krankenhäusern im ganzen Land.

          „Das Gigogne-Glas war eines der ersten Designobjekte der Moderne, die für jedermann zugänglich waren“, sagt Jean-Luc Olivié, Chefkurator der Glasabteilung des Musée des Arts Décoratifs in Paris. „Es ist ein Gegenstand, den jeder Franzose kennt.“ Heute ist es Teil des kulturellen Erbes Frankreichs – und einer der Bestseller des Produzenten Duralex.

          Garant für Funktionalität

          Der Hersteller wurde 1945 in La Chapelle-Saint-Mesmin gegründet, einem Industriegebiet am Rand von Orléans. Noch heute wird in der gleichen ehemaligen Essigfabrik produziert, die Duralex' ehemalige Mutterfirma Saint Gobain vor dem Krieg gekauft hatte. Damals entwickelte man besonders widerstandsfähige Windschutzscheiben, bevor die Produktion in den fünfziger Jahren aus wirtschaftlichen Gründen auf Haushaltswaren umgestellt wurde. Duralex-Gläser wurden bald zu einem Erfolg: Sie waren zweieinhalbmal härter als herkömmlich vergütetes Glas und führten auch zum Leitspruch der Marke, den man Ciceros Philosophie entlehnte: „Dura lex, sed lex“ – „Das Gesetz ist hart, aber es ist Gesetz.“

          „Viele Generationen von Franzosen sind mit unseren Produkten aufgewachsen“, sagt Frédéric Morin Payé, der 2004 zu Duralex kam. „Und wissen Sie warum? Weil unsere Gläser sicher sind.“ Es wird geholfen haben, dass sie auch außerordentlich gut aussehen. Obwohl niemand weiß, wer das Gigogne-Glas entworfen hat, gelangte es in die Sammlung des Pariser Kunstgewerbemuseums und wird im Museum of Modern Art in New York verkauft.

          Härtefall: Dem Herstellungsverfahren ist es zu verdanken, dass die Duralex-Gläser so robust sind. Man kann sie getrost mal durch die Luft fliegen lassen.

          Für einige ist es das ultimative Glas, mit dem schlanken Design und dem perfekten Gewicht für die Hand. In den sechziger Jahren gehörte Geschirr von Duralex zum Hausstand jeder modernen französischen Frau, wie ein Kühlschrank oder eine Kartoffelreibe von Moulinex. Das klare Design der Produkte und ihre Beständigkeit machten Duralex zum Synonym für Stärke, Schönheit, Funktionalität.

          Fluch der ewigen Gläser

          „Die wichtigsten Vorzüge eines Duralex-Glases, dass es günstig ist und gut gestaltet, langlebig und unzerbrechlich, haben ihm in Frankreich einen fast mythischen Status verliehen“, sagt Kurator Olivié. „Es ist ein Designklassiker und gilt als unkaputtbar.“ In einem Fernsehspot von 1965, der in Cannes ausgezeichnet wurde, propagierte Duralex „vier unglaubliche Versuche“: „Nutzen Sie es als Hammer, lassen Sie es fallen, schlagen Sie drauf, legen Sie es eiskalt in kochendes Wasser“ – das Glas von Duralex zerbricht nicht. In Wahrheit sind natürlich auch Duralex-Gläser nicht völlig unzerstörbar. Aber falls doch mal eines zerbricht, weil es unglücklich auf einer Kante aufkommt, zerbirst es in Tausende nicht-scharfe Körner.

          Die Schockbeständigkeit ist einem speziellen Herstellungsverfahren zu verdanken. Eine Mischung aus Sand, Kalk und Tonerde wird bei 1300 Grad geschmolzen, bevor die Masse in eine Form gegossen wird. Hier liegt auch das Geheimnis des „Alters“ aus dem Spiel: Es ist die Nummer des jeweiligen Hohlraums der Form. Die Temperatur sinkt erst auf 450 Grad, dann noch weiter, fast auf Raumtemperatur. Diese kontrollierte Spannung verleiht dem gehärteten Glas seine Klarheit und Festigkeit. Der Prozess hat sich seit den vierziger Jahren nicht wesentlich verändert, die Produkte werden noch heute in einem gigantischen Ofen hergestellt, der größer ist als manches Wohnhaus.

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