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Bowl Chairs : Eine runde Sache

Bild: Arper

Vor 100 Jahren wurde Lina Bo Bardi in Rom geboren. 1946 ging die junge Architektin und Designerin nach Brasilien. Dann geriet sie in Vergessenheit. Nun werden ihre Arbeiten wiederentdeckt.

          Noemí Blager konnte es nicht fassen: Sie, die Architektin aus Argentinien, hatte von Lina Bo Bardi, der Architektin in Brasilien, noch nie gehört. Wie, fragte sich Noemí Blager, konnte es sein, dass eine Frau, die sich als Architektin schon in den fünfziger Jahren mit „viel Courage“ im südamerikanischen Nachbarland durchgesetzt und markante Gebäude in der Metropole São Paulo geplant und gebaut hatte, bereits in den achtziger Jahren an ihrer Hochschule in Buenos Aires schon wieder in Vergessenheit geraten war?

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Noemí Blager, die heute in London geschäftsführende Direktorin der „Architecture Foundation“ ist, war 2006 auf einer Reise in Brasilien rein zufällig auf die ihr unbekannte Kollegin gestoßen. Wie selbstverständlich drehte sich dort eines Abends mal wieder ein Gespräch um Oscar Niemeyer, den Wegbereiter der in Stein gefügten brasilianischen Moderne, der vor allem für seine Arbeit an der Hauptstadt Brasília berühmt ist, als plötzlich ein ganz anderer Name fiel: Lina Bo Bardi.

          Anfänge in Italien

          „,Du kennst Lina Bo Bardi nicht?’, fragte mich jemand in der Runde ganz aufgeregt“, erzählt Noemí Blager. „Ich schämte mich fast ein bisschen.“ Dann packte sie die Neugier. Wer war diese Frau, die in Brasiliens größter Stadt eines der bekanntesten Gebäude des ganzen Kontinents entworfen hatte, das Museu de Arte de São Paulo, kurz MASP? Immerhin war das wichtigste Museum Brasiliens 1968 in Anwesenheit von Königin Elisabeth II. eröffnet worden und hatte dementsprechend große internationale Beachtung gefunden. Und noch ein berühmter Bau in São Paulo stammt von Lina Bo Bardi: die Fábrica da Pompéia, eine ehemalige Fassfabrik, die sie zwischen 1977 und 1986 in das Kultur- und Sportzentrum SESC Pompéia verwandelte.

          Doch Lina Bo Bardi war nicht nur Architektin. Und Brasilianerin war sie - zumindest der Herkunft nach - auch nicht: Achillina Bo, wie sie ursprünglich hieß, war eigentlich Italienerin. Mit gerade einmal 32 Jahren war sie 1946 nach Brasilien ausgewandert. Geboren vor 100 Jahren als Römerin, beendete sie 1939 ihr Architekturstudium in Rom und zog bald darauf nach Mailand. Dort arbeitete sie unter anderen für Gio Ponti. Der Mitbegründer der Zeitschrift „Domus“ beeinflusste sie nachhaltig: Später bezeichnete sie ihren Lehrmeister als „den letzten Humanisten“, auch weil er so großen Wert auf die sozialen und kulturellen Aspekte seiner Architektur und seines Designs legte.
          Pontis Interesse an allem Handwerklichen, an alten Fertigungstechniken und -traditionen, wirkten bei Lina Bo Bardi ebenfalls nach. 1943 verließ sie das Studio Pontis, arbeitete fortan als Journalistin und heiratete 1946 den Galeristen, Kunstkritiker und Journalisten Pietro Maria Bardi, den sie über ihre Arbeit für „Domus“ kennengelernt hatte. Mit ihm kehrte sie noch im selben Jahr Europa den Rücken. Kurz darauf bekam Pietro Maria Bardi das Angebot, ein Kunstmuseum für Brasilien aufzubauen. Das MASP war geboren und musste nur noch von Lina Bo Bardi als Gebäude entworfen werden.

          Ein Sessel, „schlicht, clever und humorvoll“

          Zugleich arbeitete sie mit ihrem Landsmann Giancarlo Palanti zusammen, mit dem sie eine Reihe von Möbeln entwarf, die in Serie gingen. Damals glaubte sie noch an industriell hergestellte Massenware. 1951 ging Lina Bo Bardi, ausgestattet mit einem brasilianischen Pass, eigene Wege, auch weil sie das für sich und ihren Mann selbst entworfene Wohnhaus in einem neuen Stadtteil von São Paulo, in Morumbi, fertigstellen wollte.

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